Wegen Acrylamid: Gekochtes Brot und stärkefreie Kartoffeln?

Die EU-Kommission will mit einer neuen Verordnung die Konsumenten vor zu viel Acrylamid schützen. Die Absicht ist lobenswert – doch die grossen Ernährungs- und Umweltprobleme sind ganz anders gelagert.

(21.08.2017) Kürzlich wurde der Entwurf der EU-Kommission zur Reduktion von Acrylamid in Lebensmitteln veröffentlicht. Es sollte möglichst wenig dieses Stoffes aufgenommen werden, da er wahrscheinlich krebserregend ist. Acrylamid entsteht vor allem beim Braten, Backen, Rösten und Frittieren stärkehaltiger Lebensmittel. Deshalb lauten die Empfehlungen der EU zum Beispiel, stärkearme Kartoffeln zu verwenden oder Backwaren möglichst wenig zu bräunen.

Solche Erkenntnisse sind wichtig. Dass solche Empfehlungen gemacht werden ist nachvollziehbar. Aber sind das die Massnahmen, die unsere Probleme lösen? Die Probleme im Bereich Ernährung bei uns sind ganz grob: Übergewicht, Bewegungsarmut, zu viel Fett, Zucker und Salz, zu wenig Früchte und Gemüse. Die Probleme beim Krebsrisiko im Allgemeinen: ein paar klare Erkenntnisse (zum Beispiel Rauchen und Lungenkrebs – so kommt auch viel mehr Acrylamid vom Rauchen als von Pommes Frites) und viele verschiedene Faktoren, von Giftstoffen bis Verhaltensweisen, die sich teils gegenseitig beeinflussen. Und die Probleme mit Bezug auf Nahrungsmittelproduktion: zum Beispiel zu viel Stickstoff.

Wir müssen deshalb unbedingt auf die Grobsteuerung der zentralen Probleme fokussieren und nicht auf die bürokratische Feinsteuerung der Nebenschauplätze:

  • Das Ziel zur Verbesserung der Gesundheit ist dann nicht, dass Kartoffeln mit weniger Stärkegehalt produziert und verspeist werden, sondern zum Beispiel das altbekannte «FDH - Friss die Hälfte».
  • Beim Klimaschutz wäre das Ziel: weg von den fossilen Energien – und nicht nur ein Feinsteuern beim Reifendruck der Traktoren.
  • Oder bei der Stickstoffproblematik hiesse es: viel weniger externer Stickstoff ins System, also weniger Kraftfutter, Futtermittel-Importe und Futtermais, weniger Tiere, weniger Mineraldünger.

All dies brächte Ernährung und Landwirtschaft ideal zusammen, denn die Probleme müssen auf der Ebene des gesamten Ernährungssystems und nicht gesondert angegangen werden.

Solange wir die Grobsteuerung nicht schaffen bleibt die Feinsteuerung wichtig. Aber sie bindet Energien unnötig, da sie in ihrer Konkretheit entweder spezifische Gegner und Befürworter auf den Plan ruft, die lange streiten können oder Detaillösungen ohne grosse Wirkung anbietet. Grobsteuerung ist anders. Grobsteuerung tut allen weh. Deshalb könnte man einen gesellschaftlichen Konsens erreichen, sich darauf einzulassen. Und so auch wirklich etwas verändern.

Adrian Müller, Bernadette Oehen, Matthias Stolze (FiBL)

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