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Lukas Pfiffner
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Dossier Regenwurm

Regenwürmer - Baumeister fruchtbarer Böden

Im gesunden Boden einer Hektare Grünland leben eine bis drei Millionen Regenwürmer. Je mehr Würmer vorhanden sind, desto besser ist die Bodenfruchtbarkeit. In einem zu intensiv und unsachgemäss bewirtschafteten Boden können die Regenwürmer fast vollständig verschwinden. Aus einem zerschnittenen Regenwurm gibt es übrigens nicht zwei, wie das gerne behauptet wird. Im besten Fall überlebt der Vorderteil.

Lebensweise

Aus Kokon schlüpfender Regenwurm (Foto: © F.Häni)
Aus Kokon schlüpfender Regenwurm und ganzer Kokon.
Ausgewachsenes Tier, der Geschlechtsgürtel ist deutlich sichtbar (Foto: © FiBL)
Regenwurm mit Geschlechtsgürtel.
Zusammengerollt überdauern Regenwürmer zum Beispiel Trockenheit (Foto: © Monica Biondo)
Regenwurm in Wurmhöhle.

Regenwürmer entwickeln sich mit Ausnahme der Streubewohner (vor allem Kompostwürmer) langsam. Pro Jahr wird nur eine Generation mit maximal acht Kokons (= Regenwurmeier) gebildet. Die Lebensdauer reicht je nach Art von zwei bis acht Jahre. Geschlechtsreife Tiere sind am wurmumfassenden Gürtel erkennbar („Geschlechtsgürtel“). Die grösste Wühlaktivität und die Fortpflanzung finden im März und April sowie im September und Oktober statt. Wenn es sehr trocken und warm ist, machen die meisten Regenwürmer einen Sommerschlaf, vergleichbar mit dem Winterschlaf zum Beispiel von Igeln. Die Würmer wachen im Herbst, wenn es feucht und kühl wird, wieder auf. Im Winter, bei Frost, ziehen sich die Tiere in den frostfreien Teil der Röhre zurück und leben auf „Sparflamme“. Wenn mitten im Winter einige Tage frostfrei sind, werden sie wieder aktiv. Regenwürmer können von ungestörten Randzonen (zum Beispiel Naturwiese) in Ackerflächen einwandern. Der Tauwurm (Lumbricus terrestris) schafft es pro Jahr bis 20 Meter weit.

Tiefgrabende, Flachgrabende und Streubewohner

In der Schweiz kommen gegen vierzig Regenwurmarten vor. In Ackerböden findet man vier bis elf Arten. Regenwürmer bevorzugen mittelschwere Lehm- bis lehmige Sandböden. Schwere Ton- und trockene Sandböden mögen sie nicht und in sauren Torfböden leben nur „Spezialisten“, also Arten, die sich an diese lebensfeindlichen Verhältnisse angepasst haben. Die Regenwurmarten können grob in drei ökologische Gruppen eingeteilt werden (siehe Grafik und Tabelle).

Die Vertikalgrabenden sind in landwirtschaftlich genutzten Böden von bedeutsam. Die rötliche Pigmentierung schützt die Würmer gegen UV-Strahlung (Bild 2, oben). Sie legen senkrechte, stabile Wohnröhren (Durchmesser 8-11mm) an und bewohnen sie normalerweise während ihres ganzen Lebens.

Die Flachgrabenden bilden meist horizontale Gänge, die nicht stabil sind. Sie sind kleiner, bleich und leben in den obersten Bodenschichten und kommen kaum an die Bodenoberfläche. Junge Regenwürmer befinden sich in der Regel oben im Wurzelfilz.

Die Streubewohner kommen im Ackerboden selten vor, da sich keine dauernde Streuschicht bilden kann.

Aufenthaltsbereiche der drei Lebensformtypen (Grafik: © FiBL, Lukas Pfiffner, Claudia Kirchgraber)

 

Abb. 1: Ökologische Gruppen der Regenwürmer

Vertikalgrabende

Flachgrabende

Streubewohner

andere NamenAnektische Arten
Tiefgraber
Endogäische Arten
Flachgraber
Epigäische Arten
Lebensraum
alle Bodenschichten, 3-4m tief (Lösslehm)Oberboden (5-40 cm), humoser Mineralbodenin Streuschichten, v.a. im Grünland und Wald
Grösse
meist gross, 15-45 cm langvon klein bis 18 cm langklein, meist 2-6 cm lang
Ernährung
ziehen grosse Pflanzenteile in die WohnröhrenPflanzenteile im Oberboden eingemischtkleine Pflanzenteile auf dem Boden
Vermehrung
begrenztbegrenztstark
Lebensdauer
lang, 4-8 Jahremittel, 3-5 Jahrekurz, 1-2 Jahre
Lichtempfindlichkeit
mässigstarkschwach
Färbung
rotbraun, Kopf dunklerbleichinsgesamt rot-bräunlich
Beispiele
Tauwurm, Grosser WiesenwurmGrosser Ackerwurm, Kleiner WiesenwurmKompostwurm, Roter Laubfresser

Ernährung

Die Ernährung ist entscheidend für die Förderung des Regenwurms. Er ernährt sich hauptsächlich von abgestorbenen Pflanzenteilen. Nachts weidet er den tagsüber entstandenen Algenrasen auf der Bodenoberfläche ab und zieht abgestorbene Pflanzenteile in seine Röhre hinunter, wo sie von Mikroorganismen in zwei bis vier Wochen „vorverdaut“ werden. Regenwürmer haben keine Zähne und können keine Wurzeln anfressen. Der Tauwurm zum Beispiel nimmt flach eingearbeitetes oder an der Oberfläche liegendes Material auf.

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Regenwürmer machen die Böden fruchtbar

Mit Wurmkot tapezierte Regenwurmröhre (Humusspuren als braune Flecken). Die weissen Punkte sind kristallisierte Nährstoffe (Foto: © Monica Biondo)

Regenwürmer sind Baumeister fruchtbarer Böden. Ihr Einfluss auf den Boden ist vielfältig. Sie legen jährlich viel wertvollen Wurmkot im Boden und an der Oberfläche ab (im Acker bis 0.5 cm der Bodenschicht, in der Wiese sogar bis 1.5 cm).

Regenwürmer lüften den Boden

Die Regenwurm-Röhren sorgen für eine gute Durchlüftung des Bodens und erhöhen den Grobporenanteil.

Regenwürmer erhöhen die Wasseraufnahme des Bodens

Insbesondere die stabilen Röhren der Vertikalgrabenden (Tauwurm u.a.) verbessern deutlich die Wasseraufnahme, -speicherung und -einsickerung sowie die Drainage des Bodens. Oberflächenabfluss und Erosion können dadurch vermindert werden. Bis 150 Gänge pro m² oder 900 Meter Röhren pro m² und 1 Meter Tiefe lassen sich in ungepflügtem Boden finden. In tiefgründigen Lössböden reichen die senkrechten, mit Schleim stabilisierten Gänge bis drei Meter tief, in Schwarzerden sogar bis zu sechs Meter.

Regenwürmer bauen tote Pflanzenteile ab

Die Regenwürmer arbeiten im Acker pro Jahr bis zu sechs Tonnen totes organisches Material pro Hektare in den Boden ein. Im Wald verarbeiten die Regenwürmer sogar bis zu neun Tonnen Laub pro Hektare.

Regenwürmer konzentrieren die Pflanzennährstoffe

An der Oberfläche hat es viele Wurmkothäufchen. Die Würmer sind aktiv. Der Boden verschlämmt kaum. (Seit 20 Jahren biologisch bewirtschafteter Ackerboden im DOK-Versuch, Therwil; Foto: © FiBL, Thomas Alföldi)
Wurmkothäufchen fehlen weitgehend. Der Boden neigt zum Verschlämmen. (Seit 20 Jahren integriert bewirtschafteter Ackerboden im DOK-Versuch, Therwil; Foto: © FiBL, Thomas Alföldi).

Im Wurmkot sind organische und mineralische Teile gut durchmischt und die Nährstoffe liegen in leicht verfügbarer und angereicherter Form vor. Die Regenwürmer produzieren 40 bis 100 Tonnen Kot pro Hektare und Jahr. Dieser wertvolle Humus wird auf den Boden abgelegt. Er enthält durchschnittlich 5-Mal mehr Stickstoff, 7-Mal mehr Phosphor und 11-Mal mehr Kalium als die umgebende Erde.

Regenwürmer verjüngen den Boden.

Regenwürmer transportieren Bodenmaterial aus dem Unterboden in den Oberboden und halten ihn dadurch jung.

Regenwürmer „hygienisieren“ den Boden.

Regenwürmer fördern die Ansiedlung und Vermehrung nützlicher Bodenbakterien und Pilze in ihren Gängen und Kothäufchen. Durch das Einziehen von befallenem Laub in den Boden werden blattbewohnende Schadorganismen (Winterformen von Schadpilzen wie Apfelschorf, Rotbrenner und Blattminierrauppen) biologisch abgebaut. Dauerformen widerstehen allerdings der Verdauung im Regenwurmdarm und finden sich wieder im Regenwurmkot.

Regenwürmer fördern das Wurzelwachstum

Über neunzig Prozent der Röhren werden von Pflanzenwurzeln bevorzugt besiedelt. Sie können so ohne Widerstand in tiefere Bodenschichten eindringen und finden ideale Wachstumsbedingungen vor (nährstoffreicher Regenwurmkot, Wasserzugang).

Regenwürmer fördern die Krümelbildung und deren Stabilität

Mit der intensiven Durchmischung von organischer Substanz mit mineralischen Bodenteilchen und Mikroorganismen sowie durch Schleimabsonderung bilden die Regenwürmer ein stabiles Krümelgefüge, in der Folge verschlämmt der Boden weniger und ist leichter bearbeitbar, zudem werden Nährstoffe und Wasser besser zurückgehalten. Reichliche Wurmkotproduktion macht schwere Böden lockerer und sandige Böden bindiger.
Tiefgrabende können leichte Bodenverdichtungen durchdringen und den Wasserabfluss verbessern.

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Wie den Regenwurm unterstützen?

Der Onlandpflug hilft Bodenverdichtung in der Pflugsohle zu vermeiden (Foto: © FiBL, Thomas Alföldi)
Onlandpflug im Einsatz
Nicht zu schwere Bestellkombinationen helfen die Regenwürmer zu schonen (Foto: © FiBL, Maurice Clerc)
Hackgerät mit Sämaschine im Einsatz.

Schonende Bodenbearbeitung mit sparsamem Pflugeinsatz

  • Pflug und schnell rotierende Geräte nur einsetzen wenn unbedingt nötig, da sie je nach Einsatzzeitpunkt die Regenwürmer massiv dezimieren. Die Verlustraten bei Pflugeinsatz betragen rund 25 Prozent, bei rotierenden Geräten können sie bis auf 70 Prozent steigen.
  • In regenwurmaktiven Zeiten (März-April und September-Oktober) intensive Bodenbearbeitung vermeiden.
  • Die Bearbeitung von trockenen oder kalten Böden schädigt viel weniger Würmer, da sich die meisten in tiefere Bodenschichten zurückgezogen haben.
  • Den Boden möglichst wenig wenden. Wird dennoch gepflügt, dann mit Onlandpflug und nur flach. So werden Verdichtungen in tieferen Bodenschichten vermieden.
  • Möglichst bodenschonende und minimale Bearbeitungsverfahren sowie Bestellkombinationen einsetzen.
  • Bodenbearbeitung nur auf gut abgetrockneten, tragfähigen Böden durchführen.

Minimierung des Bodendruckes und der Verdichtung

  • Die Mechanisierung so anpassen, dass der Bodendruck möglichst gering bleibt. Je schwerer die Maschinen, desto grösser die Bodenverdichtungen, die sich negativ auf den Regenwurmbesatz und andere Lebewesen auswirken.

Vielfältige Fruchtfolge bedeutet reichhaltiges Menü für die Würmer

  • Reichliche Versorgung der Böden mit Pflanzenteilen ist die Grundlage für reiches Bodenleben. Eine vielfältige Fruchtfolge mit kleereichen, lang dauernden und tief wurzelnden Zwischenfrüchten oder Gründüngungen und vielfältigen Ernteresten tragen wesentlich dazu bei. Wenn die Regenwürmer gut ernährt werden, kann sich der Bestand halten oder sogar wachsen.
  • Den Boden immer mit Pflanzenresten bedecken.
  • Eine Bodenbedeckung mit Pflanzen, vor allem auch über den Winter, fördert Regenwürmer und andere Bodentiere beträchtlich.
  • Eine mehrjähriger Kleegraswiese regeneriert die Regenwurmpopulation und ist förderlicher als nur eine einjährige Kunstwiese.

Die Düngung verträglich gestalten

Verdünnt oder aufbereitet und massvoll zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt fördert Gülle die Regenwürmer (Foto: © FiBL, Thomas Alföldi)
Gülleverteilung mit dem Schleppschlauch.

Die Art und Menge der Düngemittel beeinflusst die Regenwürmer:

  • Ein gut und ausgewogen versorgter Boden ist gut für die Pflanzen und die Regenwürmer.
  • Angerotteter Mistkompost ist förderlicher als reifer Mistkompost, der weniger Nahrung für die Regenwürmer enthält.
  • Organische Dünger nur flach einarbeiten.
  • Verdünnung oder Aufbereitung der Gülle wirkt sich positiv auf die Regenwürmer aus. Der Ammoniak in nicht aufbereiteter Gülle kann insbesondere bei wassergesättigten Böden die an der Bodenoberfläche lebenden Regenwürmer stark schädigen.
  • Gülle nur bei saugfähigem Boden ausbringen.
  • Massvoll eingesetzte Gülle fördert die Regenwürmer (zirka 25 m3 pro Hektare).
  • Regelmässige Kalkung aufgrund von pH-Messungen. 

Was Würmer meiden

  • Tief im Boden vergrabene Pflanzenreste.
  • Luftarme, verdichtete und vernässte Böden.
  • Saure Böden mit einem pH-Wert unter 5.5.

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Wie viele Regenwürmer leben in meinem Boden?

120 bis 140 Tiere pro Quadratmeter ist eine gute Besatzdichte für einen Ackerboden im Schweizer Mittelland. Die ungefähre Anzahl Würmer kann grob abgeschätzt werden:

Würmer pro Spatenstich:
Ein 10 x 10 cm grosser und 25 cm tiefer Spatenstich eines fruchtbaren, mittelschweren Lehmbodens enthält ein bis zwei Würmer (entspricht 100 bis 200 Tiere pro Quadratmeter).

Anzahl Kothäufchen:
Auf einer Fläche von 50 x 50 cm werden in den regenwurmaktiven Perioden (März-April und September-Oktober) die Kothäufchen gezählt.

  • 5 Kothäufchen oder weniger: Geringe Wurmaktivität, der Boden enthält wenig Würmer.
  • 10 Kothäufchen: Mittlere Wurmaktivität.
  • 20 Kothäufchen oder mehr: Gute Wurmaktivität. Der Boden enthält viele Würmer.

Weiterführende Informationen

Interview mit Regenwurmexperte Lukas Pfiffner (Tagesgespräch Radio DRS 1 vom 07.01.2011)

Der Regenwurm – Tier des Jahres 2011 (Webseite Pro Natura)

Dossier «Bio fördert Bodenfruchtbarkeit und Artenvielfalt» (FiBL-Shop)

Merkblatt «Regenwürmer» (FiBL-Shop)

Autor: Lukas Pfiffner, Agrarökologe, FiBL

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