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Drosophila suzukii

Kirschessigfliegen auf Traubenbeere

Die Kirschessigfliege Drosophila suzukii Matsumura (Diptera: Drosophilidae) wurde 2008 nach Europa eingeschleppt. Die Fliegen befallen alle Weichobstarten (Beeren, Kirschen, Zwetschgen, Trauben), sowie viele wilde beerentragende Pflanzen. Im Jahr 2014 kam es aufgrund des milden Winters und des feuchten Sommers in der ganzen Schweiz zu Ertragsausfällen. Im Sommer 2015 gab es lange Perioden mit heissem, trockenem Wetter, welche die Population zusammenbrechen liessen und die Situation entschärften. Der Herbst 2015 und Winter 2015/2016 war aber sehr mild, wodurch sich die Population erholen konnte. Deshalb sollten im 2016 wieder alle anfälligen Kulturen ab Farbumschlag mit Fallen und Fruchtkontrollen überwacht werden. Eine Überwachung von früher reifenden Wildpflanzen in der Umgebung, sowie ein intensiver Austausch mit benachbarten Produzenten können frühzeitig Hinweise auf eine starke Populationsentwicklung in der Region geben. Im folgenden Text werden mögliche Massnahmen beschrieben.

1. Überwachung

Zur Flugüberwachung und zum Massenfang eignen sich die Becherfalle von Riga (rechts), selbst gebaute Fallentypen (links) oder die Profatec-Falle. (Foto: © FiBL, Claudia Daniel)
Blaue Leimfalle in durchsichtiguem Kübel und braune Flaschenfalle mit Löchern

1.1 Flugüberwachung

Die Forschungsanstalt Agroscope in Changins führt in Zusammenarbeit mit den kantonalen Beratern ein Monitoring zum Auftreten von Drosophila suzukii in der Schweiz durch. Die Resultate werden wöchentlich unter nachstehendem Link publiziert und geben Hinweise auf die aktuelle Situation und den Befallsdruck in den verschiedenen Schweizer Regionen.
Drosophila suzukii / Fallen in der Schweiz (Webseite Agroscope)

Zur Überwachung des Auftretens sollten in allen sensiblen Kulturen (Erdbeeren, Kirschen, Heidelbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Trauben) beim Farbumschlag der Früchte Fallen aufgehängt werden (Fallentypen und Köder siehe weiter unten unter Massenfang). Die Fallen sollten im schattigen Bereich insbesondere an Parzellenrändern aufgehängt und regelmässig kontrolliert werden. Der Köder soll alle 14 Tage ersetzt werden. Gebrauchter Köder sollte bei der Fallenkontrolle nicht in die Obstanlage geschüttet werden. Die Männchen sind leicht an schwarzem Flügelfleck zu erkennen. In der Regel kann von einem Geschlechterverhältnis von etwa 1:1 ausgegangen werden.

1.2 Monitoring des Fruchtbefalls

Um Fruchtbefall mit Maden festzustellen, können Proben mit 100 Früchten kontrolliert werden. Bei glattschaligen Früchten (Trauben, Heidelbeeren, Kirschen) sind die Eiablagestellen mit einer Lupe erkennbar. Himbeeren oder Erdbeeren können einige Stunden eingefroren werden. Die Larven verlassen die Früchte und können gezählt werden.

Eine weitere, einfache Nachweismethode für Drosophila-Larven besteht darin, intakt erscheinende Früchte 24 Stunden bei Zimmertemperatur aufzubewahren und anschliessend in einen durchsichtigen Behälter (zum Beispiel Becher) zu tauchen, welcher mit Hahnenwasser und einem oder zwei Tropfen Flüssigseife oder Geschirrspülmittel gefüllt ist. Nach zehn bis fünfzehn Minuten können die Larven auf dem Boden des Behälters gezählt werden. Eine sichere Bestimmung der Drosophila-Art ist nur über die Ausbrütung möglich. Dabei werden intakte Beeren bei Zimmertemperatur in einem Gefäss mit luftdurchlässigem Verschluss (Gaze, Kleenex etc.) 24 Stunden stehen gelassen. Der Anteil Drosophila suzukii lässt sich anhand der gut an den dunklen Flügelpunkten erkennbaren Männchen bestimmen.

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2. Vorbeugung

Je nach Kultur sind verschiedene Massnahmen zur Regulierung nötig. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick, welche Massnahmen in welcher Kultur zielführend sind. Im Text werden die Massnahmen dann genauer beschrieben.

MassnahmeBeerenKirschenZwetschgenRebenVerar-
beitungs-
obst
Bemerkungen
Kulturführung: trockenes Bestandsklima+++++++++++++++Bei dauerhaften Niederschlägen sind die Massnahmen wirkungslos.
Frühe Ernte, Enge Ernteintervalle,  Hygiene+++++++++Je nach Kultur & Reife nicht möglich; Reben: frühzeitig ausdünnen, keinen Trester ausbringen.
Netzabdeckung+++++++-++Rebflächen meist zu gross. Öffnen & Schliessen bei häufigen Erntedurchgängen im Beerenobst ist problematisch.
Massenfang++++++++++Vollreife Kirschen sind attraktiver als Köder, daher Massenfang ab Reifebeginn in Kirschen ungeeignet. Rebflächen sind meist zu gross für Massenfang
Kühlung des Erntegutes++++++++++++Nicht alle Beerenarten vertragen entsprechende kühle Temperaturen.
Einsatz von Kaolin---+++++Spritzflecken/Rückstände: daher für alle Kulturen zum Frischverzehr ungeeignet.
Insektizide+++-+Nur als Notfallmassnahme. Im Rebbau bringt Kaolin bessere Resultate.

2.1 Kulturführung: Trockenes Bestandsklima

Die Kirschessigfliege reagiert sehr sensibel auf Trockenheit. Alle Massnahmen, die zu einem trockenen Bestandesklima führen, haben daher eine gewisse präventive Wirkung. Dazu gehören: Mit geeigneten Schnittmassnahmen für gut durchlüfteten, schnell abtrocknenden Bestand sorgen; Unterwuchs häufig mulchen bzw. schwarze Mulchfolie unter den Kulturen auslegen; Bewässerungsintensität anpassen.Im Rebbau sollte die Traubenzone gut entlaubt werden.

2.2 Abdeckung

Eine Abdeckung der Kulturen mit Netzen (Maschenweite 0.8 Millimeter) verhindert die Einwanderung der Fliegen und ist momentan die sicherste Methode zur Befallsvorbeugung. Die Abdeckung sollte vor Beginn des Farbumschlags der Früchte installiert sein. Nachteil dieser Methode ist jedoch, dass sie die Erntearbeiten erschwert.

2.3 Frühe Ernte

Durch eine frühzeitige, häufige und komplette Ernte kann der Befall reduziert werden. In Kirschenanlagen mit unterschiedlich abreifenden Sorten sollten die frühen Sorten komplett geerntet werden, damit keine überreifen Kirschen als Vermehrungsort in der Anlage verbleiben. Bei Heidelbeeren und Himbeeren sind häufige Erntedurchgänge empfehlenswert.

2.4 Vernichtung befallener Früchte / Hygienemassnahmen

Befallene Früchte sollten aus der Anlage entfernt und vernichtet werden. Sicherste Methode der Vernichtung ist die Solarisation: Die befallenen Früchte werden 10 bis 15 Tage in einem dichten, durchsichtigen Plastiksack in die Sonne gelegt. Danach können die Früchte kompostiert werden. Alternativ dazu können befallene Früchte in die Güllegrube entsorgt oder vergraben werden. In lehmigem Boden sind aber Tiefen von mehr als 50 Zentimeter nötig.

2.5 Nachfolgende Kulturen schützen

Auf Betrieben mit mehreren Kulturen können die Fliegen nach der Ernte von früher reifenden Kulturen auf später reifende Früchte wandern. Um solche Wanderbewegungen zu erschweren, sollten Fallen zum Massenfang am Rand der befallenen Kultur installiert werden. Wird die Ernte wegen zu starken Befalls abgebrochen, kann es unter Umständen sinnvoll sein, nach der Ernte noch Insektizidbehandlungen durchzuführen, um die benachbarten Kulturen zu schützen.

2.6 Kühlung der Früchte

Um eine Entwicklung der Maden in den abgeernteten Früchten (und damit einen weiteren Verfall der Früchte) zu unterbinden, können die Früchte nach der Ernte für vier Tage bei 2° C gelagert werden. Dadurch werden Eier und Maden abgetötet.

2.7 Massnahmen im Rebbau

Die Anfälligkeit im Rebbau hängt massgeblich von der Sorte ab (siehe Tabelle weiter unten). Insbesondere dunkle, dünnschalige Rebsorten mit kompakter Traubenstruktur werden stark befallen. Da die Reben die am spätesten reifenden Kulturen sind, ist jedoch bei allen Sorten mit einem Zuflug zu rechnen. Daher sollten vorbeugende Massnahmen ergriffen werden:

  • Die Ertragsregulierung vor der Ernte frühzeitig (nicht zu nah an der Weinlese) durchführen.
  • Die am Boden liegenden Trauben rasch mulchen.
  • In noch nicht vollständig abgeerntete Weinberge keinen Trester ausbringen.
  • Wespenfalleninhalt nicht im Weinberg ausleeren.
  • Für trockenes Bestandesklima sorgen (Unterwuchs mulchen, Traubenzone gut entlauben).

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3. Bekämpfung

Zur Flugüberwachung und zum Massenfang eignen sich die Becherfalle von Riga (rechts), selbst gebaute Fallentypen (links) oder die Profatec-Falle (Bild unten). Genaue Ködermischung siehe Text. (Foto: © FiBL, Claudia Daniel)
Blaue Leimfalle in durchsichtiguem Kübel und braune Flaschenfalle mit Löchern
Profatec-Falle (Foto: profatecfalle.de)

3.1 Massenfang

Zum Massenfang geeignet sind kommerzielle, wie auch selbst gebaute Fallentypen. Zum selber bauen eignen sich Dosen oder Flaschen aus Plastik – am besten in rot oder schwarz - mit dicht schliessendem Deckel. Im oberen Bereich werden mit einem heissen Nagel oder Lötkolben Löcher von zirka 5 Millimeter Durchmesser hineingebrannt. Um das Entleeren der Fallen zu erleichtern, sollte eine Flaschenseite ohne Löcher bleiben.

Kommerziell erhältlich sind derzeit drei Fallentypen: DrosoTrap (Biobest/Andermatt Biocontrol), Gasser-Becherfalle (Riga) und die Profatec-Falle (Profatec). Alle Fallentypen haben Vor- und Nachteile:

DrosoTrapBecherfalleProfatec
Erhältlich bei www.biocontrol.ch www.becherfalle.ch www.profatec.ch
Vorteile

- Mehrfach benutzbar

- Rote Farbe ist attraktiv für D. suzukii

- Schnelles, praktisches Wechseln

- Günstiger Preis

- Mehrfach benutzbar
- Einfaches Handling
- Günstiger Preis
- Rote Farbe ist attraktiv für D. suzukii
Nachteile- Grosse, schwere Falle
- Hoher Preis
- Schwieriges Handling
- Nur einmal verwendbar
- Viel Abfall
- Köder muss selber gemischt werden
PreisFr. 6.00 pro Stück (einmalige Kosten; ab einer Menge von 150 Fallen)
+ Kosten für Köder (ca. Fr. 1.20 pro Falle, alle 14 Tage)
Fr. 2.00 für Halterungsdraht und Regendach (einmalige Kosten) + Fr.0.85 für Falle mit Köder (alle 14 Tage)Fr. 0.90 pro Stück (einmalige Kosten; ab einer Menge von 400 Fallen)
+ Kosten für Köder (ca. Fr. 0.20 pro Falle, alle 14 Tage)

Zwei verschiedene Köder sind momentan kommerziell erhältlich: Der Becherfallen-Köder, der bereits in den Einweg-Fallen enthalten ist und Dros’attract, der zu den DrosoTrap-Fallen verkauft wird. Es können auch Ködermischungen selbst hergestellt werden:

  • 50 % Wasser
  • 40 % Apfelessig
  • 10 % Rotwein
  • 0.05 % Aceton (optional, falls vorhanden)
  • 2 Tropfen Seife oder Spülmittel (geruchsneutral)

In Laborversuchen waren die beiden kommerziellen und der selbst gemischte Köder vergleichbar effektiv.

Ab Beginn des Farbumschlags der Früchte sollte alle zwei bis fünf Meter eine Falle montiert werden. Zu Beginn des Farbumschlags der Früchte sollten die Fallen zuerst an den Parzellenrändern aufgehängt werden, um ein Einwandern der Fliegen in die Kultur zu verzögern. Sobald die Fliegen auch das Zentrum der Parzelle besiedelt haben, sollten die Fallen in einem Fünfmeterraster über die ganze Anlage verteilt aufgehängt werden. Versuche aus Italien zeigten, dass der Massenfang mit Fallen eine deutlich bessere Wirkung hat, als die wiederholte Anwendung von Insektiziden.

3.2 Kalk und Kaolin

Aus verschiedenen Quellen ist bekannt, dass stäubende Substanzen, wie Kalkprodukte oder Kaolin den Befall senken können. Kaolin verursacht jedoch einen weissen Belag auf den Früchten, sodass ein Einsatz nur im Rebbau und  für Verarbeitungsobst möglich ist. Für einen abschliessenden Wirkungsvergleich der verschiedenen Produkte fehlen derzeit aussagekräftige Versuchsresultate. Für die meisten Produkte liegen bisher auch noch keine Zulassungen zur Anwendung gegen die Kirschessigfliege vor.

Im Rahmen der Sonderbewilligung 2016 (siehe unter Insektizide) darf Kaolin im Rebbau gegen die Kirschessigfliege eingesetzt werden. In der konventionellen Praxis wird verschiedentlich mit Löschkalk experimentiert. Löschkalk hat zurzeit weder eine Indikationsbewilligung für den Einsatz gegen die Kirschessigfliege noch eine Bewilligung für den Bioanbau! Eine entsprechende Eingabe beim BLW (Bundesamt für Landwirtschaft) wurde gemacht, Entscheide liegen noch nicht vor.

3.3 Einsatz von Insektiziden

In den vergangenen Jahren hat das BLW Sonderbewilligungen für den Einsatz von diversen Insektiziden zur Regulierung von Drosophila suzukii in Beeren-, Steinobst- und Rebkulturen erlassen. Ab 2016 gibt es für Beerenobst eine reguläre Bewilligung von Spinosad. Für Steinobst und Reben wurde 2016 nochmals eine Sonderbewilligung für verschiedene Spinosad-Produkte (Audienz, Spintor, Success 4), Pyrethrum-Produkte (Parexan N, Sepal, Pyrethrum FS) und für Kaolin (Surround; nur im Rebbau) erlassen:
Korrigenda Betriebsmittelliste (Webseite FiBL)

Für den Einsatz gmäss Sonderbewilligung gelten zahlreiche Auflagen des BLW, welche zwingend eingehalten werden müssen:
Zulassung zur Bewältigung einer Notfallsituation (Webseite BLW)

Besonders wichtig sind die folgenden Punkte:

  1. Im Steinobst ist der Einsatz nur bei nachgewiesenem Auftreten durch Drosophila suzukii erlaubt. In den Reben nur bei nachgewiesener Eiablage in den Beeren ab Stadium BBCH 83.
  2. Das BLW schreibt den Wechsel verschiedener Wirkstoffe zwecks Resistenzvermeidung vor.
  3. Da die Insektizide kurz vor der Ernte angewendet werden, kommt der Rückstandsproblematik grosse Bedeutung zu. Die Produzenten haben Sorge zu tragen, dass die Rückstandshöchstmengen von Spinosad nicht überschritten werden (Wartefristen und Aufwandmengen strikt einhalten; siehe untenstehende Tabelle).
  4. Das BLW hält fest, dass nur sehr wenige Daten zur Wirksamkeit verfügbar sind und daher keine entsprechende Wirkungsgarantie abgegeben werden kann. Aus letztjährigen Versuchen in Italien ist bekannt, dass Insektizidbehandlungen bei Kirschen unter Abdeckung eine Teilwirkung hatten, bei unabgedeckten Kirschen, sowie im Beerenobst war selbst bei sehr intensivem Spritzplan kein Effekt sichtbar (Befall = 100%).
Produkt
(2016)
Aufwandmenge
(Konzentration)
Wartefrist (Tage)Anzahl Applikationen
pro Parzelle und Jahr
Spinosad
(Audienz, Spintor)
Beeren: 0.02%
Steinobst: 0.02%
Reben: 0.01%

Beeren: 3
Steinobst: 7
Reben: 7

Beeren, Reben, Steinobst: maximal 2
Pyrethrum
(Parexan N, Sepal)

0.1%
Steinobst 0.1%
Reben: 0.1%

3Steinobst: maximal 3
Reben: maximal 4
Pyrethrum (PyrethrumFS)0.05 %
Reben: 0.075%
3Steinobst: maximal 3
Reben: maximal 4
Kaolin
(Surround)
Reben: 2 %ab Stadium 83 BBCHNur zugelassen im Rebbau

Ein Insektizideinsatz kann beim derzeitigen Wissensstand nicht empfohlen werden. Netzabdeckung und Massenfang brachten in den italienischen Versuchen deutlich bessere Erfolge. Das FiBL möchte in diesem Jahr gern Versuche mit verschiedenen Insektiziden und alternativen Mitteln durchführen und sucht dafür Versuchsflächen.

3.4 Kombination von Insektiziden mit Ködern

Die kombinierte Anwendung von Insektiziden mit Frassködern (Combi-Protec-Verfahren) wird kontrovers diskutiert. Einerseits kann die Reduktion der Aufwandmenge des Insektizids Rückstände im Erntegut reduzieren. Ob die Reduktion der Aufwandmenge auch die negativen Nebenwirkungen auf Nützlinge und Bienen reduziert, ist nicht ganz sicher, da der Frassköder möglicherweise auch von anderen Insektenarten gern gefressen wird. Zudem besteht die Gefahr, dass die Resistenzentwicklung von Drosophila durch zu geringe Aufwandmengen beschleunigt wird. Es liegen bisher keine aussagekräftigen Daten zur Wirksamkeit des Köderverfahrens vor. Beim derzeitigen Wissensstand kann das Köderverfahren nicht empfohlen werden.

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4. Erkennung

Im Gegensatz zu den in Europa heimischen Essigfliegen (hauptsächlich Drosophila melanogaster), die ihre Eier nur in überreife, faulende Früchte ablegen können, verfügen die Weibchen der Kirschessigfliege über einen kräftigen Legebohrer, mit dem sie auch gesunde Früchte am Baum oder Strauch anstechen und mit Eiern belegen können. Der kräftige Eiablagestachel sowie der dunkle Fleck auf dem Flügel der Männchen sind die Hauptunterscheidungskriterien zwischen Drosophila melanogaster und Drosophila suzukii.

Weibchen (2-3 mm lang)
Männchen (2 mm lang). Die charakteristischen dunklen Flecken am hinteren Flügelende sind gut zu erkennen.
Männchen und Weibchen
Weibchen bei der Eiablage. Mit dem stark gezahnten Eiablagebohrer kann die Fruchthaut aller Weichobstarten durchbohrt werden.
Larve (1-4 mm lang, je nach Entwicklungsstand). Die fast durchsichtige Larve - in der Ellipse - ist schwierig zu erkennen.
Puppe (3 mm lang)
Puppe mit für D. suzukii typischen sternförmigen Hörnchen. Im Durchlicht sind schon die Augen der schlupfbereiten Fliege zu erkennen (Alle Fotos: © FiBL, Claudia Daniel)
 
 

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5. Biologie

Die Kirschessigfliege überwintert als erwachsenes, befruchtetes Weibchen in geschützten Verstecken unter Blättern oder Steinen. Obwohl sie bei Frosttemperaturen recht schnell abgetötet wird, ist davon auszugehen, dass sie genügend frostfreie Stellen für die Überwinterung findet. Sobald die Temperaturen über 10° C steigen, sind die Fliegen aktiv. Für die Eiablage werden reifende Früchte bevorzugt. Die Fliegen wandern daher meist erst bei Farbumschlag der Früchte in die Kulturen ein. Ein Weibchen kann 300 bis 600 Eier legen, je nach Befallsdruck können ein bis mehrere Eier pro Frucht abgelegt werden. Bei Kirschen kommt es durch die Eiablage zu Vernarbungen auf der Frucht. Zudem schafft die Verletzung der Fruchthaut Eintrittspforten für Krankheiten. Aus den Eiern schlüpfen nach ein bis drei Tagen weissliche kleine Maden, die sich während fünf bis sieben Tagen vom Fruchtfleisch ernähren und drei Larvenstadien durchlaufen. Durch den Larvenfrass wird der Hauptschaden verursacht: Die Früchte fallen zusammen und werden matschig. Die Larven verpuppen sich an oder auf der geschädigten Frucht, seltener auch im Bodenstreu. Nach einer Puppenruhe von vier bis 15 Tagen schlüpft die neue Generation. Die optimale Temperatur für die Vermehrung der Fliegen liegt zwischen 20 und 25° C. Unter diesen Bedingungen ist ein Generationszyklus innerhalb von zehn Tagen abgeschlossen, sodass pro Jahr bis zu 15 Generationen möglich sind. Da die erwachsenen Fliegen bis zu zwei Monate leben können, treten mehrere Generationen parallel auf. Entsprechend wird im Spätsommer und Herbst ein enormer Befallsdruck aufgebaut.

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6. Verbreitung in Europa

Die Kirschessigfliege Drosophila suzukii gehört zur Familie der Obst- oder Essigfliegen (Drosophilidae). Sie stammt ursprünglich aus Südostasien und wurde im Herbst 2008 zum ersten Mal in Europa (Spanien) nachgewiesen. 2009 wurde sie in Norditalien (Trentino) gesichtet, wo sie im Jahr 2010 bereits 30 bis 40 Prozent Ertragsverlust verursachte. 2010 war sie neben Italien und Spanien auch in Südfrankreich, Slowenien und Kroatien nachweisbar. 2011 verursachte die Kirschessigfliege Totalausfälle an Beerenobst in Italien und an Kirschen in Spanien und Südfrankreich. Ende 2011 liess sich die Fliege bis nach Nordfrankreich sowie in der Schweiz und in Deutschland nachweisen. Sie besiedelt dabei häufig auch höher gelegene Regionen bis 1550 Meter über Meer. In Nordamerika wurde die Kirschessigfliege ebenfalls 2008 eingeschleppt und hat sich ähnlich dramatisch verbreitet.

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7. Wirtspflanzen

Die Kirschessigfliege kann die meisten Weichobstarten sowie eine Vielzahl wilder Früchte befallen. Kirschen und Holunder scheinen dabei bevorzugte Wirtspflanzen zu sein. Bei geschädigter Fruchtschale können auch Äpfel, Birnen und Tomaten befallen werden. In der nachfolgenden Tabelle ist das Schadpotential an den wichtigsten Kulturpflanzen zusammengefasst.

7.1 Schadpotential von Drosophila suzukii an verschiedenenen Kulture

+          bisher keine Befallsmeldungen
++       wenig anfällig
+++    anfällig
++++ stark anfällig

Kultur / PflanzeAnfälligkeitBemerkung
Erdbeere - Freiland+
Erdbeere - remontierend++ bis ++++
Süsskirsche++++
Sauerkirsche++++
Zwetschge++ bis ++++sortenabhängig
Pfirsich++sortenabhängig
Mirabelle++sortenabhängig
Aprikose++sortenabhängig
Sommerhimbeere+++
Herbsthimbeere++++
Brombeere++++
Johannisbeere (rot, weiss)++ bis +++
Johannisbeere (schwarz)++ bis +++
Stachelbeere+
Minikiwi+++ bis ++++
Tafeltrauben/Weintrauben++ bis ++++sortenabhängig, siehe folgende Tabelle
Lotuspflaume (Diospyros lotus)+
Kaki+
Cranberries+
Aronia++ bis ++++
Maibeere (Lonicera kamtschatika)++
Feige++ bis +++
Indianerbanane (Asmina triloba)++++

Reben werden nur in Jahren mit starker Populationsentwicklung befallen. Bosonders anfällig sind dabei früh reifende, dunkle Sorten mit dünner Haut und kompakter Traubenstruktur an schattigen, feuchten Lagen in der Nähe zu Waldrändern, Hecken und Steinobst.

Rebsorte (rot)AnfälligkeitBemerkung
Mara++++
Regent++++
Garanoir++++
Dornfelder++++
Acolon++++
Dunkelfelder++++
Dakapo++++
Cabernet Dorsa++++
Muscat bleu++++
Gamay+++ bis ++++
Cabernet Jura++ bis ++++abhängig von Klon
Marechal Foch+++
Malbec+++
Gamaret+ bis +++
Pinot Noir++ bis +++
Syra++
Diolinoir++
Merlot++
Galotta++
Humagne++
Carminoir+
Ancelotta+
Mondeuse+


Rebsorte (weiss)AnfälligkeitBemerkung
Chasselas violet+++
Muscat+++
Gewürztraminer++
Pinot gris++
Riesling Sylvaner++
Doral++
Charmont++
Sauvignon blanc++
Pinot blanc++
Chardonnay++
Viognier+
Chenin+
Sylvaner+
Sauvignon gris+
Auxerrois+
Altesse+
Solaris+
Paien+

 

Neben Kulturpflanzen werden zahlreiche Wildobstarten und Ziergehölze befallen. Besonders Wildpflanzen, die eine gute Larvenentwicklung ermöglichen, bilden dabei eine Quelle für hohe Drosophila-Populationen.

7.2 Eignung von verschiedenen Wildobstarten und Zierpflanzen für die Larvenentwicklung der Kirschessigfliege

+             keine Larvenentwicklung möglich
++          kaum Larvenentwicklung möglich
+++       Larvenentwicklung möglich
++++    gute Larvenentwicklung
+++++ sehr gute Larvenentwicklung

PflanzeLarvenentwicklung
Weissdorn (Crataegus sp.)+
Hagebutte (Rosa sp.)+
Vogelbeere (Sorbus aucuparia)+
Stechpalme (Ilex aquifolium)+
Wilder Wein (Parthenocissus quinquefolia)+
Gewöhnliche Berberitze (Berberis vulgaris)+
Liebesperlenstrauch (Callicarpa bodinieri)+
Pfaffenhütchen (Euonymus europaeus)+
Liguster (Ligustrum sp.)+
Feuerdorn (Pyracantha coccinea)+
Purpurbeere (Symphoricarpus chenaulti)+
Wolliger Schneeball (Viburnum lanata)+
Gemeiner Schneeball (Viburnum opulus)+
Zierapfel (Malus sp.)+
Rotfrüchtige Zaunrübe (Brionia diocia)+
Maiglöckchen (Convalaria majalis)+
Einbeere (Paris quadrifolia)+
Scheinerdbeere (Potentilla indica)+
Gemeiner Efeu (Hedera helix)+ bis ++
Kirschpflaume (Prunus cerasifera)+ bis ++
Aronia (Aronia melanocarpa)++
Vogelkirsche (Prunus avium)++
Schlehe (Prunus spinosa)++
Felsenmispel (Cortoneaster sp.)++
Kirschlorbeer (Prunus laurocerasusu)++
Schwarzer Nachtschatten (Solanum nigrum++
Gewöhnliche Schneebeere (Symphoricarpus albus)+++
Sanddorn (Hippophae rhamnoides)+++ bis ++++
Kornelkirsche (Cornus mas)++++
Maigrün (Lonicera nitida)++++
Roter Hartriegel (Cornus sanguineum)++++
Späte Traubenkirsche (Prunus serotina)+++++
Brombeeren (Rubus fructicosus)+++++
Himbeeren (Rubus ideaus)+++++
Ackerkratzbeere (Rubus caesius)+++++
Roter Holunder (Sambucus racemosa)+++++
Schwarzer Holunder (Sambucus nigra)+++++
Gewöhnliche Mahonie (Mahonia aquifolium)+++++
Gemeine Eibe (Taxus baccata)+++++
Kermesbeere (Phytolaca americana)+++++

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8. Herausforderung für den Kirschen-, Beeren- und Traubenanbau

Aufgrund der schnellen Vermehrung, der hohen Dichte an wilden und kultivierten Wirtspflanzen und der möglichen Verschleppung durch Erntegut, besteht ein hohes Risiko, dass sich die Fliegen dauerhaft in Europa ansiedeln. Der Einsatz von Insektiziden wird als alleinige Massnahme zur Regulierung dieses Schädlings nicht ausreichen. Probleme beim Insektizideinsatz ergeben sich, da die Eiablage der Fliegen erst kurz vor der Ernte stattfindet und damit einer andauernden Neueinwanderung von Fliegen in die Obstanlagen zu rechnen ist. Aufgrund der langen Erntedauer bei den meisten Beerenobstarten wären somit Behandlungen während der Ernte nötig, was sehr wahrscheinlich zu Rückstanden im Erntegut führen würde. Erschwerend kommt hinzu, dass Drosophila-Arten durch ihre Fähigkeit zu genetischer Mutation recht schnell Resistenzen gegen Insektizide entwickeln. Der konventionelle Anbau steht damit vor den gleichen Problemen wie der Bioanbau. Für eine nachhaltige, effiziente Regulierung von Drosophila suzukii sind daher langfristige, multiple Strategien nötig. Als Notlösung für die nächsten zwei oder drei Jahre wird dennoch ein Insektizideinsatz in Betracht gezogen.

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9. Forschung

Da viele Forschungsgruppen mit Drosophila-Arten als Modellorganismus arbeiten, ist bereits sehr viel Grundlagenwissen zu Drosophila im Allgemeinen vorhanden. In den meisten europäischen Ländern und auch in Amerika sind Forschungsprogramme zur Regulierung von Drosophila suzukii angelaufen. Im Fokus stehen dabei:

  • die Überwachung und Prognose inklusive Schadschwellen
  • das Ausbreitungsvermögen der Fliegen und der Einfluss der Landschaft
  • das Wirtswahlverhalten der Fliege und die Möglichkeit von Fangpflanzen um die Kulturen
  • die Überwinterung und Kältetoleranz der Fliegen
  • die Gegenspieler der Fliegen wie Krankheitserreger oder Parasitoide
  • Duftstoffe wie Pheromone, Repellentien sowie Lockstoffe
  • die Möglichkeit des Massenfangs (Fallentypen, Fallenposition)
  • die Klärung von offenen Fragen der Insektizidanwendung wie Wirkstoffwahl, Anwendungszeitpunkt, Wartefrist und Rückstände
  • die Wirksamkeit von Netzen als Ausschlussverfahren
  • der Einfluss anbautechnischer Massnahmen (Bewässerung, Schnitt, etc.) auf die Populationsdynamik in den Anlagen
  • die Möglichkeit von Nacherntebehandlungen (Kühllagerung) zur Abtötung von Eiern und Larven

Es ist daher mit einer schnellen Zunahme an Wissen zu rechnen, sodass die Empfehlungen für den Schutz der Kulturen laufend dem aktuellen Stand der Erkenntnisse angepasst werden. Folgende Seiten können empfohlen werden:

Autorin: Claudia Daniel, FiBL

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10. Weitere Informationen

Drosophila suzukii (Webseite Agroscope)

Merkblatt Drosophila (Webseite Organic Eprints)

 

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