Agroforst

Das Nebeneinander von Kulturen und Bäumen auf Acker- und Grünland

Bäume spielen in der Schweizer Agrarlandschaft traditionell eine wichtige Rolle. Sie dienen der Holz- und Fruchtproduktion und erbringen Umweltleistungen bei der Biodiversität sowie beim Boden- und Gewässerschutz. Traditionelle Obstgärten sind hier ein gutes Beispiel für diese multifunktionale Landnutzung. Seit 1951 nahm die Zahl der Hochstamm-Obstbäume in der Schweiz jedoch um achtzig Prozent ab. Dies hatte und hat tiefgreifende Auswirkungen auf das Landschaftsbild, aber auch auf die Artenvielfalt in den jeweiligen Regionen.

Seit wenigen Jahren stösst die Anlage von Hochstammobstgärten wieder vermehrt auf Interesse bei den Landwirten. Nicht zuletzt hängt dies auch mit den Fördermöglichkeiten im Rahmen der Öko-Qualitätsverordnung (ÖQV)zusammen, welche die Anlage von Hochstammobstgärten, besonders in Kombination mit Ökoqualität, attraktiv macht. Häufig werden in den Neuanlagen auch die Bäume mit einer Unterkultur (Ökofläche, Weide, aber auch Beeren, Gemüse- und Ackerkulturen) kombiniert. Diese Entwicklung ist eine moderne Weiterentwicklung traditioneller Hochstammobstgärten hin zu modernen Baumgärten oder auch sogenannten Agroforstsystemen.

Nach oben

Was genau ist Agroforst?

Agroforstsysteme sind eine Form der Landnutzung, bei der die landwirtschaftliche Produktion mit dem Anbau von Bäumen oder Sträuchern auf derselben Fläche kombiniert wird. Dadurch entstehen Wechselwirkungen zwischen den beiden Nutzungskomponenten.

Man unterscheidet zwischen traditionellen Agroforstsystemen (Beispiele: Hochstammobstgärten, Waldweiden, Kastanienselven) und «modernen» Agroforstsystemen, wo die Pflanzung der Bäume sich der Produktionstechnik anpasst, so dass die landwirtschaftliche Nutzung möglichst wenig durch die Bäume beeinträchtigt wird.

Bei den «modernen» Systemen unterscheidet man zwischen folgenden Kombinationen:

  • Ackerland – Bäume
  • Weide – Bäume
  • Wiese – Bäume

Nach oben

Agroforst – lohnt sich das?

Schon vor 30 Jahren begannen Wissenschaftler der Universität Leeds damit, Ackerflächen und Bäume gezielt miteinander zu kombinieren und entwickelten damit das erste moderne Agroforstsystem. Traditionell kennt man die Kombination von Bäumen mit Acker natürlich schon seit Jahrhunderten, die sogenannten «Hockäcker» im Kanton Thurgau sind ein gutes Beispiel.

Im langjährigen Mittel von Agroforstversuchsanlagen wurden im Agroforst-System 30 Prozent mehr Erträge als bei getrennten Wald- und Ackerflächen erzielt. Eine Hektare «Baumgetreide» warf so viel ab wie normalerweise 1.3 Hektaren getrennte Parzellen (0.9 ha Weizen plus 0.4 ha Pappeln). Im Rahmen des europäischen Gemeinschaftsprojektes «Safe» kam es bei vergleichbaren Versuchen in Italien und Frankreich zu ähnlichen Ergebnissen.

Allerdings ist das Agroforstsystem nur dann produktiver als die Monokultur, wenn die Systempartner Wasser, Licht und Nährstoffe räumlich und zeitlich unterschiedlich nutzen. Der Wettkampf mit der Kultur zwingt den Baum auf natürlich Weise tiefer zu wurzeln. Die Wasser- und Nährstoffvorräte im Oberboden werden durch die Ackerkulturen bereits vor dem Blattaustrieb der Bäume verbraucht, wodurch die Bäume automatisch ihre Wurzeln in grössere Tiefen treiben. Die Baumwurzeln bilden so unterhalb des Ackerfruchtwurzelraumes eine Art «Auffangnetz für Ressourcen». Durch eine Landwirtschaft «auf mehreren Etagen» werden Wasser, Licht und Nährstoffe viel effizienter genutzt und die Photosyntheseleistungen erheblich gesteigert. Daneben bieten Agroforstsysteme noch weitere Vorteile:

  • Schutz der Flächen vor Winderosion und Nährstoffverlusten durch die intensive Unterwurzelung.
  • Beträchtliche Senke für Kohlendioxid.
  • Zusätzlicher Lebensraum für zahlreiche Pflanzen und Tiere.
  • Risikoverteilung auf zwei oder mehr Kulturen.

Für die Schweiz dürfte die Kombination von Ackerbau und Wertholz oder Obstbäumen zur Fruchtproduktion interessant sein. Wertholz ist astfreies Stammholz von Edellaubbäumen wie Wildkirsche, Nussarten, Wildobstarten oder auch Esche und Erle.

Wirtschaftlichkeitsberechnungen des Safe-Projektes haben ergeben, dass sich auf Agroforstflächen im Vergleich zur Monokultur zwar in den ersten 15 Jahren Einkommensverluste von bis zu fünf Prozent ergeben. Dies vor allem durch die Pflanzung und Pflege der Bäume und den fehlenden Holzertrag. Auf lange Sicht jedoch wird dieses «Opfer» durch ein erhebliches Sparkapital an Holz mehr als wettgemacht.

Die Wirtschaflichkeitsanalyse aus dem Schweizer Baumgartenprojekt (siehe ganz unten) zeigt ein ähnliches Bild: Agroforstanlagen sind wirtschaftlich sinnvoll, wenn für die Bäume Direktzahlungen bezogen werden können und eine Vermarktung der Früchte sichergestellt ist. Ein zusätzliches Plus bietet der Holzverkauf am Ende der Lebensdauer der Bäume.

Nach oben

Planung und Anordnung eines Agroforstsystems

Baumdichte

Die Baumdichte in Agroforstsystemen beläuft sich in der Regel auf 50 bis 100 Bäumen pro Hektar. Sollen beitragberechtigte Hochstammfeldobstbäume gepflanzt werden, sind die Auflagen für den ökologischen Ausgleich zu berücksichtigen.

Flächenauswahl

Besonders günstig für alle Baumarten sind:

  • Verhältnismässig regenreiche Standorte.
  • Eine gleichmässige Verteilung der Niederschläge über die Vegetationsperiode.
  • Keine Staunässe oder Überflutung.
  • Keine ausgeprägte Früh- oder Spätfrostgefährdung.

Auswahl der Baumarten und ÖLN Vorgaben

In der Schweiz sind nur die Hochstammfeldobstbäume beitragsberechtigt. Pro Baum werden 15 Franken entrichtet für maximal

  • 160 Bäume pro Hektare bei Kern- und Steinobst (ausser Kirsche)
  • 100 Bäume pro Hektare bei Kirsche, Nuss, sowie Edelkastanien

Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, Beiträge für die biologische Qualität zu beziehen, wenn die Kriterien der Ökoqualitätsverordnung eingehalten werden. Auch Vernetzungsbeiträge werden für Hochstammfeldobstbäume entrichtet.

Voraussetzung für alle Beitragsbezüge ist das Ernten der Früchte. Auch wenn geplant ist, später einmal das Wertholz der Bäume zu nutzen und die unteren Äste entfernt werden, muss die Fruchternte sichergestellt sein.

Ein gewisser Zielkonflikt ergibt sich dadurch, dass in manchen Regionen der Schweiz zuviel Mostobst produziert wird. Also sollte entweder auf Sorten ausgewichen werden die gefragt sind, wie Spezialitätenobst, oder auf andere Fruchtbaumarten. Viele Kantone zeigen sich relativ tolerant was die Auslegung des ÖLN in Bezug auf Hochstammobstbäume angeht. Wer ein gutes Vermarktungskonzept beispielsweise für andere Baumarten wie Wildobst (zum Beispiel Elsbeere, Vogelbeere oder Kornelkirsche) vorlegt, kann auch hier Beiträge kassieren.

Auf jeden Fall sollte ein Konzept zur Anlage von Agroforstsystemen, vor allem wenn es um besondere Baumarten geht, gut mit der kantonalen Fachstelle für den ökologischen Ausgleich abgesprochen werden. Unter Umständen gibt es auch regionale Programme, die genutzt werden können.

Die genauen Kriterien für die Entrichtung von Beiträgen finden Sie in folgenden Publikationen: „Wegleitung für den ökologischen Ausgleich“ und „Ökologische Qualität von Hochstammfeldobstbäumen gemäss Öko-Qualitätsverordnung (ÖQV)“ Die Publikationen sind erhältlich über den
AGRIDEA - shop

Andere Bäume, wie Waldbäume (Eiche, Ulme, Erle usw.) im Acker oder Grünland können als ökologische Ausgleichsfläche anerkannt werden. Es gelten aber Grenzen: die Bäume müssen einen Mindestabstand von zehn Metern aufweisen und die Zurechnungsfläche beträgt eine Are pro Baum. Auch bei einer geplanten Pflanzung von Waldbaumarten auf Landwirtschaftsland empfiehlt sich die Absprache mit den kantonalen Stellen, da die Vorgaben, ab wann eine Fläche ihren Status als LN (Landwirtschaftliche Nutzfläche) verliert und zu Wald wird, einigen Interpretationsspielraum bietet.

Wichtig ist, dass auch bei zunehmendem Stammdurchmesser der Abstand von 10 Metern eingehalten wird und innerhalb der Baumreihen keine Hecken oder anderen Gehölze wachsen, wenn die Bäume länger als 20 Jahre stehen sollen, was bei der Wertholzerzeugung ja durchaus angestrebt wird. Die Fläche würde sonst ihren Status als Landwirtschaftliche Nutzfläche verlieren.

Ausrichtung der Baumreihen

Auf Ackerflächen müssen die Reihen an die Bearbeitungsrichtung angepasst werden. Der Baumstreifen, auf welchem keine Bodenbearbeitung erfolgt, sollte zwei Meter breit sein.

Auf Grünlandflächen können bei der Anlage der Baumreihen die natürlichen Gegebenheiten wie etwa das Relief berücksichtigt werden.

Die Bäume sollten im Idealfall in Nord-Südausrichtung stehen, da dies vom Schattenwurf her am günstigsten ist.

Abstände zwischen den Baumreihen

Die Abstände zwischen den Baumreihen orientieren sich an den Arbeitsbreiten der Maschinen eines landwirtschaftlichen Betriebes. Das System wird so gestaltet, dass alle Maschinen problemlos eingesetzt werden können und keine Mehrfahrten nötig sind.

Eine Faustzahl ist der Mindestabstand von 24 Metern zwischen den Baumreihen. Je intensiver und langfristiger die ackerbauliche Nutzung sein soll, umso grösser ist der Abstand zu wählen. Auch auf sehr trockenen oder sehr feuchten Standorten kann ein grösserer Abstand sinnvoll sein.

Bei der Wahl der Abstände zwischen den Baumreihen ist zu beachten, dass irgendwann der Schattenwurf der Bäume (bei einem Reihenabstand von 26 Metern nach zirka fünfzig Jahren) die ackerbauliche Nutzung der Zwischenräume so stark einschränkt, dass eine Umnutzung in Grasland vorgenommen werden muss.

Baumabstand innerhalb der Reihen

Der empfohlene Mindestabstand errechnet sich aus dem voraussichtlichen Kronendurchmesser der erntereifen Bäume, plus einem geringen Zumass. Als Faustregel kann bei einem angestrebten Stammdurchmesser von 60 Zentimetern ein Pflanzabstand zwischen 10 und 15 Metern angenommen werden.

Nach oben

Projekt «Baumgärten»

Das Projekt «Baumgärten», welches in den Jahren 2006 bis 2010 von der Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon ART durchgeführt wurde, untersuchte auf innovativen Praxisbetrieben die langfristige wirtschaftliche Rentabilität von Agroforstanlagen durch zunehmende Wertsteigerung und positive Umweltwirkungen. Positive Effekte sind zum Beispiel:

  • Erosionsschutz an gefährdeten Standorten
  • Geringerer Nitrateintrag in das Grundwasser
  • Höhere Kohlenstoffbindung durch langjährige Kulturen
  • Eine höhere Biodiversität auf den Agroforstflächen

Insgesamt nimmt das Interesse an Agroforstanlagen zu. Personen aus Praxis, Beratung und Forschung haben sich 2011 zur «Interessengemeinschaft Agroforst» zusammengeschlossen mit dem Ziel, dieses Anbausystem in der Praxis weiterzuentwickeln und auch auf politischer Ebene Lobbyarbeit für mehr Agroforst in der Schweiz zu betreiben.

Autorin: Mareike Jäger, Agridea

Nach oben

Werbung