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Die Spitzen von vier deutschsprachigen Bioverbänden sprechen über Intensivierung

Traditionell treffen sich im Sommer die organisch-biologischen Anbauverbände aus der Schweiz, Österreich und Deutschland, um über Zukunftsfragen der Bio-Landwirtschaft zu sprechen. Beim diesjährigen Treffen in Österreich stand das Strategiepapier Bio 3.0 im Mittelpunkt: Welche Rolle wird der ökologische Landbau für die Entwicklung der gesamten Landwirtschaft spielen und wie wird oder muss er sich in Zukunft differenzieren? Ein zentrales Thema dabei ist die Intensivierung mit dem Ziel, die Erträge zu erhöhen und die Wettbewerbsfähigkeit der Höfe zu erhalten. Über das Thema diskutierten am Rande des Treffens Gerti Grabmann, Obfrau von Bio Austria, Urs Brändli, Präsident von Bio Suisse, Steffen Reese, Geschäftsführer von Naturland und Jan Plagge, Präsident von Bioland.

Interview: Thomas Fertl, Bio Austria. Das Gespräch ist in der Ausgabe 4/2015 der Bio Austria-Zeitung erschienen.

Der Biolandbau soll wachsen, aber nicht nur in der Fläche, sondern auch in seiner Produktivität. Teilt ihr diese Aussage aus Sicht eurer Verbände?

Urs Brändli (Bio Suisse): Flächenwachstum, zusätzliche Betriebe, da strengen wir uns an. Klar ist es auch ein Ziel, die Erträge zu steigern. Das wichtigste Ziel aber ist, Erträge konstant zu halten und Ertragsausfälle zu vermeiden. Dort, wo Ertragssteigerungen möglich sind, vor allem im Ackerbau, verfolgen wir das gerne. Mit den Tieren sind gewisse Biobetriebe an einem Leistungspunkt angekommen, der mit den Bedingungen im Biolandbau kaum mehr vereinbar ist.

Jan Plagge (Bioland): Man muss sich die Frage stellen, woher die Leistungssteigerungen kommen. Kommt die Fruchtbarkeit aus einem in sich stimmigen System oder ist es eine wie im konventionellen Landbau geliehene oder zugekaufte ertragswirksame Fruchtbarkeit? Wir brauchen im Ackerbau eine ökologische Intensivierung zur Ertragssteigerung. Dazu gehören zum Beispiel viehlose oder viehschwache Ackerbaubetriebe, die in eine intelligente Biogasanlage investiert haben. Betriebe die es schaffen, den Stickstoffkreislauf zu intensivieren, indem sie den Kleegrasaufwuchs kompostieren oder den Schnitt als Dünger ausbringen. In diese Richtung weiter zu forschen, halte ich für unbedingt notwendig. Ansonsten verlieren wir im Marktfruchtbau an Wettbewerbsfähigkeit.

Steffen Reese (Naturland): Eine nachhaltige Intensivierung ist aus unserer Sicht eine Steigerung der Produktivität ohne negative Einflüsse auf die Umwelt. Der Begriff «ökologische Intensivierung» stößt zunächst einmal auf Ablehnung. Viele Menschen verbinden damit, dass wir das System in Frage stellen. Da gefällt mir die Definition einer sozio-ökologischen Optimierung sehr gut. Sozio-ökologische Optimierung heißt zu fragen, wo sind wir in der Effizienz unseres Systems heute angekommen, welche Optimierungsmöglichkeiten haben wir? Wie kann man ökologisch besser werden bei einer gleichzeitigen Ertragssteigerung? Wir sollten die Freiheit haben, über das eine oder andere auch über die Systemgrenzen hinaus zu denken.

Nennst du ein Beispiel dafür?

Reese: Ein konkretes Naturland-Beispiel. Im Fischbereich reden wir von einer klar definierten, ökologischen Aquakultur. Wir reden bisher nicht von Kreislaufanlagen. Kreislaufanlagen sind kaum als naturgemäß zu beschreiben. Trotzdem ist die Weiterentwicklung von Kreislaufanlagen mit Einbeziehung des Gemüsebaus, das, was als Aquaponik bezeichnet wird und auch als «Tomatenfisch» bekannt ist, eine spannende Entwicklung. Auch mit Blick auf die Welternährung.

Wir diskutieren jetzt wie selbstverständlich über Intensivierung im Biolandbau. War das vor 15 Jahren auch so? Diskutieren wir Intensivierung heute anders als vor 15 Jahren?

Plagge: Vor 20 Jahren, so weit würde ich zurückgehen, war unser Credo die Extensivierung und der Abbau von Produktionsüberschüssen. Die Einführung der Extensivierungsprogramme war ein Segen für den ökologischen Landbau in Deutschland.  Das wird heute ganz anders diskutiert. Heute reden wir über eine intelligente Intensivierung, das ist keine einseitige Ertragssteigerung, sondern eine Intensivierung der Gesamtleistungen des landwirtschaftlichen Systems, dazu gehört auch ein intensiver Schutz des Trinkwassers.

Gerti Grabmann (Bio Austria): Man muss das Ganze vor dem Hintergrund der Überproduktion sehen. Vor 20 Jahren gab es aber nicht nur Brachflächen, sondern auch Intensivierung, es wurde aber nicht offen darüber diskutiert. Heute ist das Thema in aller Munde. Wir müssen unser Verständnis von Intensivierung formulieren.

Ist nicht der internationale Handel und die Tatsache, dass wir mit Produzenten auf der ganzen Welt am Markt konkurrieren, auch eine Triebfeder der Intensivierung?

Plagge: Europäisierung und Globalisierung setzen unsere Betriebe stark unter Druck. Wir haben die schizophrene Situation, dass auf der einen Seite Biorohstoffe knapp, auf der anderen Seite aber nur marginale Preissteigerungen möglich sind. Das liegt an den offenen Märkten, die Knappheit kommt auf vielen Märkten gar nicht an. Speziell bei den Druschfrüchten kann man nur dann ein ausreichendes Einkommen erwirtschaften, wenn man die Erträge steigert, in den intensiven Ackerbau mit Hackfrucht einsteigt, auch wenn man kein Vieh hat. Die Frage ist, wie lange das nachhaltig ist, wenn man kaum oder keinen organischen Dünger hat.

Reese: Dieses Problem werden wir durch Intensivierung nicht lösen. Ich sehe eher Chancen darin, dass mehr Teilnehmer in den Markt einsteigen, sich differenzieren, sich abheben wollen, und dass eine wachsende Sensibilisierung der Gesellschaft letzten Endes die Möglichkeit bietet, sich mit einem Mehrwert und Mehrpreis positiv abzusetzen.

Kann es sein, dass der Biolandbau zu sehr dem Credo von größer, schneller, weiter nacheifert?

Brändli: Wir sind auch Teil der Gesellschaft. Die Entwicklung der Gesellschaft kann nicht an unseren Betrieben vorbei gehen. Es wäre ja der Traum, dass wir diese Bilderbuchbetriebe weiterführen können, gerade in der Schweiz. Die Realität schaut anders aus. Man muss eine gewisse Menge produzieren können, man braucht Maschinen, die werden komplexer und teurer. Als kleiner Betrieb kannst du dir das nicht alles leisten.

Grabmann: Da sind wir in einem Dilemma. Wir müssen uns dem Druck aber nicht hingeben. Bio ist es ja bis zu einem gewissen Grad gelungen, sich mehr Freiraum zu schaffen. Daran müssen wir weiterarbeiten. Biobetriebe sind in der Regel breiter aufgestellt. Wenn ich intensiviere, nehme ich mir unter Umständen diese Breite.

Brändli: Eine Spezialisierung kann aber zeitlich entlasten.

Plagge: Eine sozio-ökologische Optimierung und Spezialisierung kann eine Chance für den Erhalt kleinerer Betriebe sein. Wenn es denen gelingt, darüber Ertragssteigerungen zu erzielen, dann sind sie eher zukunftsfähig. Wir haben es im ökologischen Landbau nicht geschafft, den Strukturwandel aufzuhalten, was nicht heißt, dass wir hier in Zukunft nicht doch Kontrapunkte setzen können.

Es gibt auch die Betriebe, die die Richtlinien in Richtung Spezialisierung sehr weit ausreizen, Stichwort Düngerzukauf im Gemüsebau zum Beispiel. Haben diese Betriebe im intensivierten und sozioökonomisch optimierten Biolandbau Platz?

Plagge: Natürlich haben die Betriebe alle Platz, weil wir eine Gemeinschaft sind, die ein intelligentes System der Landwirtschaft entwickelt hat und es weiterentwickeln will. Wir müssen auch die Spezialkulturen, die viel Input brauchen, weiterentwickeln. Das bedeutet, den Fokus auf die Betriebsmittel zu setzen, wie sie hergestellt werden und wie wir ihre Herstellung und Verwendung in unsere Kreisläufe integrieren können. Zum Beispiel Stickstoffdünger. Warum sollten wir nicht in der Lage sein, in überbetrieblicher Arbeitsteilung Stickstoffdünger herzustellen, aus Kleegras und anderen Leguminosen?

Die konventionellen Kollegen entwickeln sich auch weiter in Richtung Nachhaltigkeit und Tierwohl. Wie soll sich ein ökologisch intensiviertes Bio in diesem Zusammenhang positionieren?

Brändli: Zuerst einmal: Ich freue mich über jeden konventionellen Kollegen, der nachhaltiger wird. Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass jedes Bioherz höher schlägt, wenn die gesamte Landwirtschaft nachhaltiger wird. Wenn die gesamte Landwirtschaft nachhaltiger wird, muss es unsere Aufgabe sein, nichts zu verteidigen, sondern mehr Konsumenten zu überzeugen, dass es sich lohnt, diese Produkte zu kaufen.

Grabmann: Konsumenteninformation wird weiterhin ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit sein.

Reese: Dass sich die agrarindustrielle Landwirtschaft grundsätzlich in unsere Richtung verändert, das ist ja nicht einmal so. Konventionelle Betriebe und Stallbauten werden immer größer, Land ist Objekt von Spekulation. Dort, wo wir eine positive Entwicklung wahrnehmen, wie beispielsweise beim Tierwohl oder Regionalität, da müssen wird die weitere Entwicklung in unsere Richtung unterstützen, um damit das Agrarsystem als Ganzes zu ökologisieren.

Plagge: Ich glaube, dass die konventionelle Landwirtschaft in einer Sackgasse steckt, weil alles darauf hinausläuft, dass die Bauern immer mehr Auflagen bekommen, ihr System aber gar nicht nachhaltig ändern können, weil sie keine höheren Preise dafür bekommen. Das ist die Chance für uns, wenn wir unsere ökologischen Systeme intelligent und attraktiv weiterentwickeln. Dann werden sie sehen, dass der ökologische Landbau keine grüne Spinnerei und ökonomische Nische ist, sondern der Ausweg aus einem Dilemma. 

Die Bioverbände der interviewten Präsidenten:

Bio Suisse

Bio Austria

Bioland

Naturland

 

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 07.08.2015

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