Der Dinkel braucht mehr genetische Vielfalt

Die Sorten Oberkulmer und Ostro dominieren den Dinkelanbau. Sie verkörpern das Marketingargument «Urtümlichkeit» perfekt. Die genetische Einseitigkeit ist aber ein Risiko.

Der Entscheid der IG Dinkel, beim Urdinkel nur auf alte Schweizer Sorten zu setzen, ist aus Marketingsicht äusserst geschickt. Die Sorten Oberkulmer und Ostro verkörpern genau das, was die Konsumenten in Dinkelprodukten suchen: Urtümlichkeit und Unterscheidbarkeit von Weizen. Das scheint angesagt zu sein: Die verarbeite- ten Biodinkelmengen wuchsen im Getreidejahr 2013/2014 um rund 20 Prozent. Der grösste Teil davon dürfte auf die Sorten Oberkulmer und Ostro entfallen, denn bei den Saatgutverkäufen beträgt deren Anteil etwa 80 Prozent.

Mit den Importen kommen moderne Sorten

Die Urtümlichkeit von Ostro und Oberkulmer könnte sich je länger, je mehr als Risiko erweisen. Die beiden Sorten wurden in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts aus Landsorten entwickelt und sind an die damaligen Umweltbedingungen angepasst. Sie haben sowohl im Anbau als auch in der Verarbeitung gewisse Tücken. Oberkulmer beispielsweise ist nur auf eher mageren Standorten wirklich standfest, und Ostro ist sehr gelbrostanfällig. In der Verarbeitung bereiten die Mehle beider Sorten mitunter Schwierigkeiten bezüglich der Wasseraufnahmefähigkeit. Im benachbarten Ausland stehen meist moderne Dinkelzüchtungen im Anbau. Diese sind oftmals ertragreicher, standfester und krankheitsresistenter. Hingegen weisen sie nicht immer alle dinkeltypischen Eigenschaften auf (siehe Infotext). So sind sie teils relativ kurzstrohig oder bleiben lange grün und reifen dafür in sehr kurzer Zeit ab. Auch beim importierten Biodinkel handelt es sich meist um moderne Züchtungen. 2013/2014 betrug der Importanteil rund 40 Prozent.

Züchten ja, aber auf dinkeltypische Merkmale

«Auf dem Dinkelmarkt ist Potenzial für weiteres Wachstum vorhanden», ist Andreas Messerli, Produktmanager für Ackerkulturen bei Bio Suisse überzeugt. «Um den inländischen Anbau attraktiver zu machen, wäre es wünschenswert, vermehrt mit verbesserten Sorten arbeiten zu können», so Messerli. Im Moment stehen die Sorten der Getreidezüchtung Peter Kunz (GZPK), Titan, Tauro, Samir sowie Zürcher Oberländer Rotkorn, zur Verfügung. «Titan etwa ist lang, aber standfester als Oberkulmer oder Ostro und hat keinen Gelbrost», sagt Franca dell’Avo, die sich bei der GZPK der Dinkelzüchtung widmet. «Die GZPK bietet Sorten sowohl für extensive als auch für etwas produktivere Standorte an, sodass je nachdem deutlich höhere Erträge möglich sind.» Bei alten Sorten, die lange nicht an die Umweltbedingungen angepasst wurden, bestehe die Gefahr von grossflächigen Schäden. Insbesondere auch weil die genetische Vielfalt im Dinkelanbau fehlt. Ostro und Oberkulmer sind nämlich sehr eng verwandt.

«Die mangelnde Vielfalt ist in der Tat ein Problem», sagt auch Thomas Kurt von der IG Urdinkel. «Deshalb pr üfen w ir alte Schweizer Landsor ten auf deren Anbautauglichkeit.» Agronomisch seien aber keine markanten Vorteile zu er warten. Auch die Anbaufläche solcher Sorten wäre beschränkt, da sie nur als Nischensorten zugelassen werden können. «Für uns ist wichtig, dass sich unser Produkt klar vom Weizen unterscheidet.» Man stelle sich aber nicht grundsätzlich gegen die züchterische Bearbeitung des Dinkels. «Wir sind auch bereit, Neuzüchtungen zu prüfen, sofern sie ohne Weizeneinkreuzungen entstanden sind.»

Auch Roland Dürring von der Steiner-Mühle in Zollbrück BE ist nicht abgeneigt gegenüber neuen Sorten, wenn sich so die Verfügbarkeit von Schweizer Biodinkel verbessern liesse. «Bezüglich Verarbeitung konnten wir bei den Sorten von GZPK keine Nachteile feststellen.» Viele Kunden akzeptierten aber leider nach wie vor nur Oberkulmer und Ostro als «wahren» Dinkel. «Hier besteht noch Kommunikationsbedarf», so Dürring. Markus Spuhler

Weitere Artikel zu diesem Thema finden Sie in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift Bioaktuell.

 

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 17.06.2015

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