An lokale Bedingungen angepasste Milchkühe züchten

(25.04.2014) 

Im Biolandbau und in der graslandbasierten Milch- und Fleischproduktion müssen die Tiere gut zum Standort passen. Sie sollen vom Raufutter, das auf ihrem Betrieb wächst, gut leben und produzieren können und höchstens 10 Prozent der Jahresration an Kraftfutter brauchen.

Die Organe und die Lebensweise der Rinder sind spezialisiert für die Verdauung von Zellulose. Deshalb will und muss das Rind viel Gras fressen; das ist arttypisch und deshalb auch artgerecht. Weil aber die Standorte und das Futter der Betriebe so verschieden sind, braucht es verschiedene Kuhtypen; es gibt somit nicht nur einen passenden Typ für die graslandbasierte Produktion.

Wie herausfinden, welcher Kuhtyp passt?

Im Grunde ist es einfach: die jeweilige Tagesmilchleistung der Tiere sollte dem Milchproduktionspotential des betriebseigenen Futters (inklusive 10 Prozent Kraftfutter) entsprechen. Aber das kann man nicht dauernd ausrechnen und zudem spielen auch das Fütterungsmanagement und die Anpassungsfähigkeit der Kühe eine Rolle. Deshalb hat das FiBL den «Einschätzungsbogen zur standortgerechten Milchviehzucht»* entwickelt. Damit kann man die Standortgerechtheit der Milchviehhaltung und –zucht auf jedem Betrieb einschätzen und beurteilen. Das Werkzeug besteht aus zwei Fragebögen, einem zum Betrieb und einem zur Herde. Für jede Antwort gibt es Punkte. Eine hohe Punktzahl auf der Betriebsseite ergibt sich bei einem Betrieb mit sehr guten Bedingungen für die Futterproduktion und die Tierhaltung. Eine hohe Punktzahl auf der Tierseite zeigt, dass es sich um anspruchsvolle Tiere mit hohen Leistungen handelt. Wenn die Punktzahl auf der Tierseite viel höher ist als auf der Betriebsseite, kann dieser Betrieb den Tieren nicht genügend gerecht werden. Ist die Punktzahl auf der Betriebsseite höher als auf der Tierseite, dann schöpft der Betrieb sein Potenzial nicht aus. Somit sind ausgeglichene Punktzahlen anzustreben.

Standortgerechtheit und Tiergesundheit

Im Projekt «Biozucht Graubünden» (99 Betriebe sind beteiligt) zeigte sich, dass Betriebe mit einer ausgeglichenen Einschätzung zur Standortgerechtheit ihre Tiere weniger häufig behandeln mussten und eine höhere durchschnittliche Nutzungsdauer sowie tiefere Zwischenkalbezeiten auswiesen als Betriebe mit zu hohen Ansprüchen der Tiere. In einer weiteren FiBL-Studie mit 72 Biobetrieben hatten die Betriebe mit einer ausgeglichenen Einschätzung ebenfalls kürzere Zwischenkalbezeiten.

Was tun, wenn ein Ungleichgewicht besteht?

Hat die Herde zu hohe Ansprüche im Vergleich zu den Möglichkeiten des Betriebes, so kann der Kuhtyp züchterisch in Richtung eines Zweinutzungstyps verändert werden, der weniger anspruchsvoll ist; zum Beispiel durch Einkreuzen einer Zweinutzungsrasse. Oder man kann die Betriebsseite verbessern, indem man das eigene Futter gezielter einsetzt: dafür müssen die unterschiedlichen Raufutterkomponenten separat gelagert und bei Bedarf zugänglich sein. Siloballen von unterschiedlicher Herkunft und Qualität müssen immer angeschrieben sein. Solche Betriebe sollten neben den Kühen genügend andere Raufutterverzehrer halten, sodass sie den Kühen nur das beste Futter geben können, vor allem in den ersten 100 Laktationstagen. Die übrigen Raufutterverzehrer erhalten das qualitativ schlechtere Futter. Zudem muss genügend Zeit zur Verfügung stehen, um die Kühe gezielt und individuell zu füttern.

Züchterisch sollten wir Kühe fördern, die besonders gut mit dem betriebseigenen Raufutter umgehen können. Ein wichtiges Merkmal dafür ist die Körperkondition (Body Condition Score = BCS*). Alle Kühe sollten beim Abkalben und bei der Brunst beurteilt werden. Die Differenz zwischen diesen Noten sollte nicht höher als 0.5 sein. Und möglichst keine Benotung sollte unter 2.5 liegen, denn Kühe, die zu Beginn der Laktation stark abmagern, weisen ein höheres Krankheitsrisiko auf und haben oft Fruchtbarkeitsprobleme. Daran zeigt sich, dass sie sich dem vorhandenen Futter zu wenig gut anpassen können. Weitere Merkmale guter Raufutterkühe sind: gute Persistenz, tiefe Flanke und breite Brust und ein fleissiges Fressverhalten. Stiere sollten aufgrund ihrer Zuchtwerte zu den funktionalen Merkmalen ausgewählt werden: bei Persistenz, Zellzahl und Rastzeit sollten sie mindestens durchschnittlich sein, bei Brustbreite, Flankentiefe und Nutzungsdauer sollten sie nicht weit unter dem Durchschnitt liegen. Der Zuchtwert für die Milchleistung sollte zum durchschnittlichen Milchproduktionspotential des betriebseigenen Futters passen.
Anet Spengler Neff, FiBL

*Download und weitere Informationen

Biorindviehzucht (Rubrik Tierhaltung)

Hinweis: Dies ist eine tagesaktuelle Meldung. Sie wird nicht aktualisiert.

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