Einsatz von Mauerbienen in Bioobstanlagen
Natürlich vorkommende Bestäuber sind in intensiv bewirtschafteten Obstanlagen oft nicht zahlreich genug, um eine zuverlässige Bestäubung sicherzustellen. Deshalb werden Honigbienen, Hummeln und Mauerbienen als gezielte Bestäuber eingesetzt.
In Obstanlagen hat sich der Einsatz von Mauerbienen besonders bewährt: sie sind sehr früh im Jahr aktiv und fliegen bereits bei kühleren Temperaturen und bei schlechterem Wetter als die Honigbiene. Ausserdem benötigen Mauerbienen nur wenig Pflege und gelten aufgrund ihrer Arbeitsweise als ausserordentlich effiziente Blütenbestäuber.
Bienen: Vegetarisch gewordene Wespen
In der Schweiz sind weit über 10 000 Insektenarten an der Bestäubung von Pflanzen beteiligt. Dazu zählen blütenbesuchende Schmetterlinge, zahlreiche Käferarten, Fliegen, Mücken und weitere Gruppen. Rund 600 dieser Arten sind Wildbienen, wozu auch die Hummeln gehören.
Stammesgeschichtlich stammen die Bienen von den Wespen ab, weshalb man sie als vegetarisch gewordene Wespen bezeichnen könnte.
Wildbienen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht stark voneinander. Jede Art besitzt ein individuelles, meist nur sechs bis zehn Wochen andauerndes Aktivitätsfenster, in dem sie fliegt und Blüten besucht. Viele Arten sind zudem auf bestimmte Pflanzenarten spezialisiert, von denen sie Pollen und Nektar sammeln. Auch beim Nestbau zeigen die einzelnen Arten eine beeindruckende Vielfalt: Manche bauen ihre Nester aus Mörtel, andere wohnen in Schneckenhäusern, wiederum andere graben Löcher in der Erde oder besiedeln Wurmlöcher in Totholz. Selbst innerhalb der jeweiligen Strategien variieren die Ansprüche erheblich: Jede Wildbienenart bevorzugt unterschiedliche Bodenarten, Bodenbedeckungen, Feuchtigkeitsverhältnisse oder Expositionen.
Mauerbienen als ideale Bestäuber
Für die gezielte Bestäubung von Obstbäumen haben sich in Europa zwei Wildbienenarten besonders bewährt. Die Gehörnte Mauerbiene (Osmia cornuta) fliegt bereits bei 10-12 Grad und eignet sich deshalb besonders für frühblühende Obstbäume. Die Rote Mauerbiene (Osmia bicornis = rufa) schlüpft meist wenige Wochen später bei rund 12-14 Grad und kann auch noch für die spätblühenden Obstanlagen eingesetzt werden. Die beiden Bienenarten eignen sich besonders für die Bestäubung von Kirschen, Äpfeln, Birnen, Pflaumen, Aprikosen und Mandeln.
Mauerbienen zählen zu den Wildbienen, die keinen Honig produzieren. Wie die meisten Wildbienenarten bilden sie keine Völker, wo Arbeitsteilung herrscht, sondern jedes Weibchen produziert Nachkommen und kümmert sich um die Pollen- und Nektarsuche. Anders als Honigbienen, die Pollen zu kompakten «Pollenhöschen» an den Hinterbeinen verkneten, transportieren Mauerbienen den Pollen trocken und locker an ihrer Behaarung am Bauch. Dieser trockene Pollen löst sich beim Blütenbesuch leicht und wird somit deutlich häufiger auf die Blütennarbe übertragen. Zudem haben Mauerbienen die Eigenschaft intensiv auf der Blüte herumzukriechen, was die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Bestäubung um ein Vielfaches erhöht. Dies kann zu einem gleichmässigeren Fruchtansatz und somit stabileren Ernten beitragen. Bei der Roten und der Gehörnten Mauerbiene handelt es sich um in der Schweiz einheimische und weit verbreitete Arten.
Nisthilfen für die Mauerbienen
Die richtige Platzierung und Ausrichtung der Mauerbienen Nistkästen ist für die Entwicklung und die Bestäubungsleistung dieser Wildbienenarten entscheidend. Foto: FiBL, Obstbauteam
Mauerbienen nisten gerne in horizontalen Röhren. Damit diese effektiv genutzt werden, sollten sie fünf wichtige Bedingungen erfüllen:
- einen Regenschutz haben (Dach),
- sich mindestens einen Meter über dem Boden befinden,
- idealerweise nach Südosten ausgerichtet sein und
- mit einem Gitter vor Vögeln geschützt sein.
- Die Niströhrchen sollten mindestens 15 Zentimeter lang sein und einen Durchmesser von 5-11 Millimeter aufweisen. Wichtig sind nicht ausgefranste, glatte Nisteingänge, damit sich die Bienen beim Rein- und Rauskriechen nicht die Flügel verletzen.
Die Nisthilfen sollten möglichst sonnig, windgeschützt und in unmittelbarer Nähe der zu bestäubenden Kulturen platziert werden, damit die Bienen kurze Wege zu den Blüten haben.
Pflege der Nisthilfen
Da sich die Nisthilfen längerfristig zu Parasitenhotspots entwickeln können, ist eine gelegentliche Pflege zu empfehlen. Zwischen Ende September und Dezember sollten deshalb parasitäre Larven entfernt werden. Eine detaillierte Anleitung dazu bietet das folgende Merkblatt:
Mauerbienen in der Obstanlage etablieren
Neben geeigneten Nisthilfen braucht es in der Obstanlage vor allem ein ausreichendes und kontinuierliches Nahrungsangebot. Ausserhalb der Obstblüte finden Wildbienen in Obstanlagen oft kaum Nahrung, weshalb ihnen in dieser Phase eine zentrale Lebensgrundlage fehlt. Entscheidend ist deshalb, dass die Bienen vor und nach der Obstblüte Nahrung finden, damit sie sich in der Anlage langfristig ansiedeln können.
Mauerbienen sind standorttreu und haben einen begrenzten Flugradius zwischen 100 und 300 Metern. Selbst unter idealen Bedingungen braucht es deshalb etwas Geduld bis sie in die Obstanlage einfliegen. Da die Mauerbienen nur einmal pro Jahr ausfliegen und sich vermehren, dauert es eine Weile, bis die Population wächst. Falls keine ausreichende Bestäubung in der Obstanlage vorhanden ist, zum Beispiel infolge eines Witterungsschutzes, früher Kulturen oder eines Mangels an Bestäubern, kann man eine für die Kulturfläche ausreichend grosse Startpopulation in der Anlage ausbringen. In Europa bieten verschiedene Firmen im Frühjahr den Versand von flugbereiten Mauerbienen an. Haben sich die Wildbienen einmal etabliert, leisten sie zuverlässige Dienste für die Bestäubung, insbesondere bei kühlerem und feuchterem Wetter.
Mauerbienen sind aufgrund ihrer frühen Aktivität, ihrer hohen Bestäubungsleistung und ihrer einfachen Haltung ein wertvoller Bestandteil eines nachhaltigen Bestäubungsmanagements in Obstanlagen.
Markus Spuhler, Bio Suisse
Sabrina Gurten und Lorin Ineichen, FiBL
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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 24.02.2026
