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«In der Schweizer Landwirtschaft haben Töchter kaum eine Chance»

Aline Chollet setzt sich dafür ein, dass Töchter einen fairen Zugang zu Landwirtschaftsland und Höfen erhalten. 2023 gründete sie den Verein «Femmes de la Terre». Bis heute hat das Thema nichts an Dringlichkeit verloren.

In der Schweiz werden 93 Prozent der Betriebe von Männern geleitet und ihnen gehören etwa 80 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen. Die Statistik offenbart: Bei der Übertragung von Land und Betrieben werden die Söhne systematisch gegenüber den Töchtern bevorzugt.

Was ist Ihr persönlicher Bezug zu diesem Thema?

Aline Chollet: Meine Eltern bewirtschafteten einen Hof in Genf. Ich selbst habe zunächst eine Ausbildung zur Floristin absolviert, danach zusammen mit meiner Mutter in der Gästebetreuung auf dem Bauernhof gearbeitet und den eidgenössischen Fachausweis Bäuerin erworben. 2012, nachdem der Pachtvertrag meiner Eltern ausgelaufen war, konnte mein Vater einen eigenen Hof erwerben. Mein Bruder war schon in jungen Jahren zum Nachfolger meines Vaters «auserkoren» worden, und so übernahm er das Familienunternehmen. Ich wollte damals den Betriebszweig weiterführen, den meine Mutter aufgebaut hatte: den Anbau von Beerenobst und Gemüse sowie die Bewirtung von Gästen – was an diesem Standort besonders interessant war, da er nur zehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernt lag. Es zeigte sich jedoch, dass weder mein Bruder noch mein Vater bereit waren, mir Anteile am Unternehmen zu übertragen und mir einen gleichberechtigten rechtlichen Status zu gewähren. Ich brauchte einige Zeit, bis mir klar wurde, wie ungerecht dies war und dass ich schlicht aus dem Unternehmen verdrängt worden war.

Ihre Geschichte ist kein Einzelfall?

Mir wurde oft gesagt, dass meine Geschichte ein individuelles Familienproblem sei, aber das stimmt nicht. Töchter haben in der Schweizer Landwirtschaft selten eine Chance. Die Söhne werden schon früh als Hofnachfolger gefördert. Ich dagegen wurde auf die Rolle als «Ehefrau eines Bauern» vorbereitet. Ich glaube, dass die meisten Frauen in meiner Situation diese Realität nicht wahrhaben wollen. Auch um sich selbst zu schützen: Denn wenn wir uns diesem System widersetzen, stellen sich alle gegen uns und wir sind meist psychischer und verbaler Gewalt ausgesetzt. In einigen Fällen sogar körperlicher Gewalt.

Denken Sie, dass sich die Situation verbessert?

Nein, im Gegenteil. Obwohl immer mehr Frauen eine landwirtschaftliche Ausbildung absolvieren, steigt der Anteil von Betriebsleiterinnen kaum. Zugleich wird aber in der Öffentlichkeit, auch in der Politik, das Bild vermittelt, in der Schweiz sei «alles in Ordnung» und die Gleichstellung von Frauen und Männern würde sich konstant verbessern. Das entspricht nicht der Realität und ich sehe darin eher eine Strategie, um den Kampf für Gleichstellung im Keim zu ersticken.

Welche politischen Herausforderungen stehen hinter dieser Ungleichheit?

Das beginnt mit der Rechtsform: In der Schweiz sind 90 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe Einzelunternehmen oder einfache Gesellschaften. Andere Unternehmensformen würden alle auf einem Hof tätigen Personen zu Angestellten machen. Dies würde den sozialen Status der Bäuerinnen verbessern, der nach wie vor prekär ist. Der Staat zieht es jedoch vor, in allen Verwaltungsangelegenheiten nur mit einer einzigen Person zu verhandeln. Aber auch die Eigentumsverhältnisse bei den landwirtschaftlichen Flächen sind problematisch:1980 gab es in der Schweiz noch 100'000 Betriebe, heute sind es weniger als 50'000. Ihre durchschnittliche Fläche wird immer grösser und der Zugang zu Land immer schwieriger. Dies geht zu Lasten der Frauen, aber auch der Junglandwirt:innen, die neu in die Landwirtschaft einsteigen wollen. Ich nenne das ein feudales System der Landaneignung, immer durch dieselben Personen.

Sie sind Präsidentin des Vereins Femmes de la Terre. Warum haben Sie den Verein gegründet?

Ich habe den Verein mit Caroline Jeanneret, Landwirtin auf der Ferme de la Touvière in Meinier GE, und Julia Burgin, Mitglied von Cultures locales in Dardagny GE, gegründet. Wir teilen gemeinsame Werte und fühlten uns in den bestehenden Organisationen nicht repräsentiert. Der Schweizerische Bäuerinnen- und Landfrauenverband richtet sich eher an die Bäuerinnen und Ehefrauen von Landwirten. Organisationen wie Uniterre wiederum befassen sich zwar mit der Rolle von Frauen in der Landwirtschaft, bearbeiten aber auch viele andere Themen.

Was sind die Ziele des Vereins?

Wir wollen die Interessen von Frauen und nicht-binären Personen in der Landwirtschaft vertreten – aus beruflicher, wirtschaftlicher, sozialer und ethischer Perspektive –, und sie dazu ermutigen, einen Beruf in der Landwirtschaft zu ergreifen. Ausserdem setzen wir uns ein gegen systemische Diskriminierung wie Sexismus, Belästigung, verbale und körperliche Gewalt oder Mobbing. Es geht uns auch darum, stereotypische Geschlechterrollen zu durchbrechen. Dafür muss man an der Quelle beginnen, etwa in der Familie und der Grundausbildung. Dafür setzen wir auf Information, Schulung und Sensibilisierung. Die Idee ist auch, ein Netzwerk zu schaffen, um Fachwissen auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen. Auch auf kantonaler und nationaler Ebene möchten wir uns politisch engagieren, um einen strukturellen Wandel anzustossen und die Vertretung von Frauen und nicht-binären Personen in den Entscheidungsgremien im Bereich der Landwirtschaft zu fördern.

Bis 2035 wird die Hälfte der derzeitigen Betriebsleiter:innen in den Ruhestand gehen. Wie sehen Sie die Zukunft?

Das ist eine Chance für Veränderung! Wir haben zwei Möglichkeiten: Entweder wird die durchschnittliche Fläche der landwirtschaftlichen Betriebe weiter zunehmen, oder wir nutzen diese Gelegenheit, um Frauen und Neueinsteigern den Zugang zu Land zu erleichtern. Wir müssen versuchen, das ländliche Bodenrecht in den kommenden Jahren weiterzuentwickeln.

Wo setzen Sie im Verein aktuell den Schwerpunkt Ihrer Arbeit?

Wir arbeiten hauptsächlich am Gesetz zum ländlichen Bodenrecht und an thematischen Workshops, die Vereinsmitgliedern und Nichtmitgliedern offenstehen. Das Jahr 2026 wurde von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zum Jahr der Landwirtinnen ausgerufen. Aus diesem Anlass bieten wir am 19. Februar 2026 in Genf eine Podiumsdiskussion an und möchten im Laufe des Jahres 2026 weitere runde Tische organisieren, um über unsere Themen zu informieren.

Interview: Emma Homère, Bio Suisse

Die französische Version dieses Interviews erschien im Bioactualités 9/2023.

Femmes de la Terre
Der Verein Femmes de la Terre engagiert sich für die Rechte von Frauen und non-binären Personen in allen Berufen mit Bezug zur Bodenbewirtschaftung (auch über die Landwirtschaft hinaus). Neue Mitglieder sind willkommen, unabhängig davon, ob sie in der Landwirtschaft tätig sind oder nicht.

E-Mail
079 542 96 90
touviere.ch/femmes-de-la-terre

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