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Frauenlohn in der Landwirtschaft: Es ist nie zu spät

Gratisarbeit benachteiligt Bäuerinnen bei Krankheit, Mutterschaft, Scheidung und Pensionierung. Das Ehepaar Häseli aus Wittnau zeigt, dass es nie zu spät ist, die Karten neu zu mischen.

«Heute würde ich ab dem ersten Tag einen Lohn fordern», sagt Gertrud Häseli, während sie am Herd steht und Kürbissuppe schöpft. Ihr Ehemann Hans Häseli sitzt am Familientisch, nimmt dankend die Schale mit der duftenden Suppe entgegen und erwidert: «Ich weiss auch nicht, warum wir mit dem Lohn für meine Frau so lange zugewartet haben. Es ist uns irgendwie nicht in den Sinn gekommen, weil sie auch auswärts gearbeitet hat.» Ab und zu fährt ein Auto vor dem Fenster durch, manchmal hört man von draussen Häselis Hühner gackern. Geheiratet haben die Hauswirtschaftslehrerin, die für die Grünen im Aargauer Grossen Rat ist, und der Mechaniker, der Landwirt im Nebenerwerb gelernt hat, 1988. Damals arbeiteten noch die Eltern von Hans Häseli auf dem 25-Hektaren- Betrieb im aargauischen Wittnau. 1989 kam das erste Kind zur Welt, vier weitere folgten, was Umbauten am Wohnhaus nötig machte. Auch die Landwirtschaft wuchs; stand zu Zeiten des Grossvaters die hinterste neben der vordersten Kuh, sind jetzt deren zehn im neuen Freilaufstall. Hinzu kommen Magerwiesen, 120 Hochstammbäume, Hecken und etwas Wald.

Das Aufblühen des Hofs schlug sich aber nicht auf dem Bankkonto von Gertrud Häseli nieder. Nach ihrer Hochzeit arbeitete sie regelmässig auf dem Betrieb mit, jahrelang ohne Lohn. In aller Regel war sie es, die früh aufstand und die Kühe versorgte, dann folgten das Frühstück, die Kinder, die Hühner, die Wäsche und so weiter. Sie sprang im Sommer beim Heuen ein, half im Herbst bei der Obsternte, wickelte den Direktverkauf des Rindfleisches ab und so fort. 1995 kam die jüngste Tochter zur Welt, und als mit deren 16. Geburtstag 2011 die Betreuungs- und Erziehungsgutschriften der AHV versiegten, schaute das Paar erstmals seine Buchhaltung genauer an. 

«Auf dem Hof hatten wir zwar eine faktische Gleichberechtigung, nicht aber bei den Geldflüssen – es kam einfach alles auf einen Haufen», sagt Hans Häseli. Seine Frau ergänzt: «Lange habe ich gedacht, meine Pensionskasse stecke im Hof, und im Alter sei dann alles kein Problem.» Hans Häseli meint, das sei vielleicht so, wenn alles rund läuft; seine Mutter etwa hat nie Lohn bezogen, wohnt aber heute noch auf dem Hof in ihrer kleinen Wohnung. Aber bei einer Scheidung stehe eine
Bäuerin oft mit leeren Händen da, weil sie nicht nachweisen könne, wie viel sie mitgearbeitet habe. «Den Hof kann man nicht teilen, er geht als Ganzes an die nächste Generation.»

Tabus und langjährige Traditionen

Gemäss dem Bericht des Bundesrats «Frauen in der Landwirtschaft» von 2016 bezieht die Mehrheit der Partnerinnen von Landwirten keinen Lohn. Dennoch liessen sich keine konkreten Beispiele von Bäuerinnen ohne Mutterschaftsschutz oder Altersvorsorge finden. Unsere Recherche über die Kanäle des SBLV, der Fachhochschulen sowie Bio Suisse, FiBL, Uniterre oder Inforama fruchteten nichts. Das Thema ist zwar nicht neu, seit Jahren gibt es politische Vorstösse, Studien, Medienberichte und Veranstaltungen dazu (siehe Kasten). Dabei fällt aber auf, dass öfter über die Betroffenen berichtet wird, als dass diese selbst ins Rampenlicht treten. 

Es gibt hier verschiedene Tabus, ist Carole Nordmann überzeugt. Sie ist bei Bio Suisse zuständig für soziale Verantwortung mit Fokus Internationales, befasst sich daneben aber auch mit der Situation in der Schweiz. Verständlicherweise
sei es für eine frisch verheiratete Frau oft kein Thema, beim Umzug auf den Hof des Mannes nach einem Arbeitsvertrag und Lohn zu fragen. Dies wäre höchst unüblich und würde vielenorts die Betriebsrechnung sowie auch langjährige Traditionen in Frage stellen. Die Konsequenz sei aber, dass die Bäuerin auf dem Papier nicht erwerbstätig ist, somit keinen Anspruch auf Sozialdienstleistungen hat, über keinen eigenen Lohn verfügt und im Extremfall einer Trennung wirtschaftlich und rechtlich vor dem Nichts steht. Um die Gesamtsituation zu verbessern, brauche es mittelfristig wohl Anpassungen in der Gesetzgebung. 

Mutterschaftsurlaub nur für den Vater?

Eine Reform braucht es wohl auch bei der zweigleisigen Ausbildung: Die Lehre zum Landwirt und der Lehrgang zur Bäuerin laufen Gefahr, Geschlechterstereotypen noch zu verstärken. Beispiel: Nach und nach absolvieren auch Männer die Bäuerinnenschule, was zu Debatten über den korrekten Berufstitel geführt hat. Wie heisst eine männliche Bäuerin? Bauer wäre irreführend, denn dafür steht ja der Titel Landwirt. Also schufen die Ausbildner das Konstrukt «Bäuerlicher Haushaltleiter mit Fachausweis». Umgekehrt entfalten manche Gesetze geradezu paradoxe Wirkungen: Kommt bei einem Bauernpaar ein Kind zur Welt, hat der Vater, ob angestellt oder selbstständig, Anrecht auf zwei Wochen bezahlten Urlaub (neu seit 2021). Die Wöchnerin aber, sollte sie vom Hof keinen Lohn erhalten und auch nicht auswärts arbeiten, würde schlicht leer ausgehen. 

Damit sind auch gesellschaftliche Aspekte angesprochen. Wird der Bauer Vater, geniesst er kaum je die zwei ihm zustehenden bezahlten Wochen Urlaub mit Frau und Kind, sagt man beim kantonalbernischen Beratungsdienst Inforama auf Anfrage. Viele Bauern steckten das Geld, das sie für die Anstellung einer Betriebshilfe erhalten, lieber in den Hof – und gingen weiterarbeiten. Das passe zur Landwirtschaft, wo man sich harte Arbeit und etwas rauere Umgangsformen gewohnt sei. Davon betroffen sei auch auf der Umgang zwischen den Geschlechtern. Zwar arbeite man eng zusammen, gehe mit Komplimenten aber sparsam um. So hörte man im Rahmen der Debatte zur AP22+ von einem Fachbeamten die Bemerkung, Frauen auf einem Bauernhof müssten wohl nicht noch ein Gehalt fordern, «sie hätten doch schon Kost und Logis».

Dieses Gefälle lässt sich stark verringern, bringen Mann und Frau eine Ausbildung auf Augenhöhe in die Partnerschaft ein; heute besitzen mehr Frauen den Fachausweis Landwirtin als früher. Zudem müssen beide Beteiligten in ihre Beziehung investieren wie in den Stall oder die Gerätschaften: viel miteinander reden, bevor das Fuder überladen ist.

Die Häselis aus Wittnau haben für sich vorgesorgt: Gertrud Häseli erhält längst einen Lohn aus dem Betrieb, alle Beiträge für die Sozialleistungen werden entrichtet, wofür Hans Häseli «gerne einen Teil der Direktzahlungen einsetzt». Im Kern gehe es «um die zwischenmenschliche Wertschätzung der Arbeit, die meine Frau täglich auf dem Hof leistet». Im Dorf haben Häselis ein Stöckli gekauft, das sie im Grundbuch explizit auf beide Namen eintragen liessen. Dorthin wollen sie sich später zurückziehen, damit die junge Generation den Betrieb nach ihren Vorstellungen führen kann. Der mittlere Sohn, ein Archäologe, wird die landwirtschaftliche Ausbildung im Sommer als Zweitausbildung starten.

Beat Grossrieder, Bioaktuell

Dieser Artikel erschien im Magazin Bioaktuell 2|22.

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