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Bio Suisse
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Die Plattform der Schweizer Biobäuerinnen und Biobauern

Aus dem Schatten ins Licht

Die Schweiz ist in Bezug auf die Rolle der Frauen in der Landwirtschaft noch sehr konservativ. Der Biosektor scheint hier einen Schritt voraus zu sein.

«In der Schweiz ist das Wort ‹Bäuerin› nicht einfach die weibliche Form von ‹Bauer›», betont Sandra Contzen, Professorin für Agrarsoziologie an der Berner Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL). Der Begriff sei vielmehr mit Klischees behaftet: In der Schweiz bezeichne er – im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern – in erster Linie die Ehefrau des Landwirts, die den Haushalt führe, Konfitüre einkoche und ihrem Mann nur bei Bedarf punktuell zur Hand gehe.

Dieses stereotype Bild werde der Realität jedoch nicht gerecht. Auch Laura Spring, Co-Verantwortliche Politik bei Bio Suisse, unterstreicht: «Bäuerinnen leisten unverzichtbare Arbeit für die Landwirtschaft, und es liegt in unserer Verantwortung, diese anzuerkennen.»

Weit mehr als eine Notlösung

«Die Bäuerin ist es auch, die die Leitung des Betriebs übernehmen kann, um dessen Fortbestand zu sichern, etwa wenn der Landwirt stirbt oder erkrankt und die Nachfolge nicht anderweitig geregelt ist», erzählt Sandra Contzen. Diese Sichtweise habe historische Wurzeln: Während der beiden Weltkriege überliessen die mobilisierten Männer den Frauen die Leitung der Bauernhöfe. «Die Bäuerin ist also durchaus in der Lage, den Betrieb zu leiten, und sie ist weit mehr als nur eine ‹Notlösung›!» Jedoch habe man die Frauen nach der Rückkehr der Männer, anstatt ihren Status anzuerkennen, wieder an den Herd zurückgeschickt und von den Führungspositionen ferngehalten. Die Einführung der Bäuerinnenausbildung zu jener Zeit verstärkte diese Entwicklung.

Die Spuren des patriarchalischen Familienmodells sind noch immer sichtbar. Tatsächlich ist dessen gesetzliche Abschaffung nicht lange her. Bis 1987 sah das Eherecht vor, dass der Mann das Familienoberhaupt war und (fast) alle Rechte über die Familienmitglieder hatte, während die Frau für den Haushalt verantwortlich war. «Gesellschaftliche Veränderungen brauchen oft länger, um sich in einem traditionellen Sektor wie der Landwirtschaft zu
etablieren», betont Sandra Contzen.

2024 waren laut dem Bundesamt für Statistik nur 7,7 Prozent der Betriebsleitenden in der Schweiz Frauen. Dabei machen Frauen 25 Prozent der Auszubildenden in der Landwirtschaft, 50 Prozent der Studierenden der Agrarwissenschaften und 37 Prozent der Beschäftigten in diesem Sektor aus. Letztere Zahl ist jedoch wahrscheinlich zu niedrig angesetzt, da viele Frauen auf dem Familienbetrieb arbeiten, ohne gemeldet zu sein. Diejenigen,
die gemeldet sind, erhalten nicht unbedingt einen Lohn. Das trifft auf zwei von fünf Bäuerinnen zu. Die finanzielle Abhängigkeit erschwert Scheidungen und beeinträchtigt die soziale Absicherung dieser Frauen.

Mehr politisches Gewicht

Die in der Landwirtschaft tätigen Frauen werden durch den Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverband (SBLV) vertreten. Kritische Stimmen bemängeln jedoch, dass sich der Verband noch zu wenig für die Landwirtinnen einsetze. Gemeinsam mit dem Verein Vision Landwirtschaft gründete Agrarsoziologin Sandra Contzen das Projekt «Frauen in der Landwirtschaft». Es soll den Betriebsleiterinnen, Landwirtinnen und Agronominnen, die innerhalb des SBLV unterrepräsentiert sind, mehr Sichtbarkeit verschaffen.

«Die Teilnehmerinnen unseres Projekts haben deutlich gemacht, dass ein spezifisches Netzwerk erforderlich ist. Wir unterstützen sie beim Aufbau einer Plattform und eines Netzwerks, damit sie Gehör finden und gemeinsam handeln können», erklärt Sandra Contzen. Diese Betriebsleiterinnen hätten oft vielfältige berufliche Profile und seien auch darum eine Bereicherung für die Landwirtschaft: «Viele Landwirtinnen haben zunächst eine andere Ausbildung absolviert, bevor eine Hofübernahme innerhalb oder ausserhalb der Familie ein Thema für sie wurde.»

Wie Sandra Contzen betont auch Laura Spring, dass der SBLV den Bäuerinnen zu echtem politischem Einfluss verholfen und im Rahmen der aktuellen Agrarreform wichtige Forderungen durchgesetzt habe. Sie weist aber auch darauf hin, dass die finanzielle Lage es nicht allen Betrieben erlaube, die gesamte Arbeit zu entlöhnen. «Bio Suisse hält es daher für umso wichtiger, dass diese Fragen auch in der Agrar- und Ernährungspolitik AP30+ angegangen werden.»

Steht Bio für mehr Gleichberechtigung?

Mehr als 11 Prozent der Knospe-Betriebe werden laut Bio Suisse von Landwirtinnen geführt. Das liegt über dem nationalen Durchschnitt. Für Sandra Contzen ist das nicht überraschend: «Frauen sind häufig die treibende Kraft hinter Veränderungen in landwirtschaftlichen Betrieben und in der Gesellschaft. Und sie geben oft den Anstoss für die Umstellung auf Bio.»

Auch in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Frauen die Vorreiterinnen der Biobewegung. «Bio hatte den Ruf, etwas für Randgruppen zu sein, was es den Frauen einerseits leichter machte, ihre Ideen einzubringen, sie andererseits aber gleich doppelt zu Aussenseiterinnen machte», erzählt die Agrar- und Sozialwissenschaftlerin Mathilde Schmitt im Film «Pionierinnen des ökologischen Landbaus – Passion und Profession», den das FiBL im Jahr 2023 veröffentlichte. Mathilde Schmitt ist Mitautorin des zwei Jahre zuvor erschienenen Buches «Pionierinnen des ökologischen Land- und Gartenbaus» und lebt als freischaffende Forscherin und Dozentin in Tirol, Österreich.

Wie steht es heute um die Pionierinnen und weiblichen Führungskräfte? Laura Spring differenziert: «Frauen sind noch nicht auf allen Ebenen der Landwirtschaftsorganisationen ausgewogen vertreten. Selbst innerhalb von Bio Suisse gibt es noch grosses Verbesserungspotenzial, insbesondere in den Vorständen der Mitgliedorganisationen und in den Fachgruppen.»

Emma Homère, Bio Suisse

Dieser Artikel erschien im Bioaktuell 1/2026.

Die Situation der Landwirtinnen weltweit
Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat 2026 zum internationalen Jahr der Landwirtinnen erklärt. Ziel der Organisation ist es, Frauen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft zu stärken und die Zusammenarbeit zwischen internationalen Initiativen zu ihren Gunsten zu fördern. Laut den Daten der FAO aus dem Jahr 2021 sind 41 Prozent der weltweit in der Landwirtschaft Beschäftigten Frauen. Dennoch sind sie als Erste von Ernährungsunsicherheit betroffen. Frauen, die einer bezahlten Beschäftigung in der Landwirtschaft nachgehen, verdienen im Durchschnitt 78 Cent für jeden Dollar, den Männer verdienen.
Internationales Jahr der Landwirtinnen (fao.org)

Weiterführende Informationen

Projekt Frauen in der Landwirtschaft (frauenlandwirtschaft.ch)
SBLV (landfrauen.ch)
Frauen in der Landwirtschaft (blw.admin.ch)
Frauen in der Landwirtschaft (Rubrik Grundlagen)

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