Viele Bäuerinnen arbeiten für ein «Vergelt’s Gott»
Auf Schweizer Höfen leisten viele Frauen Gratisarbeit und riskieren Lücken in der sozialen Absicherung. Berufsverbände und Politik suchen nach Lösungen.
Mann – das gilt für landwirtschaftliche Betriebe nur bedingt. Denn fast immer steht dem Bauer eine tatkräftige Frau zur Seite. 95 Prozent der Partnerinnen von Betriebsleitern arbeiten auf den Höfen mit, im Durchschnitt 34 Stunden pro Woche. Im Klartext: «Ohne die Mithilfe der Bäuerin, müsste in den allermeisten Fällen ein zusätzlicher Mitarbeiter eingestellt werden», so lautet das Fazit einer Analyse der Schweizerischen Gesellschaft für Agrarrecht. Trotzdem weisen die allermeisten Höfe in der Schweiz (94 Prozent) einzig einen männlichen Betriebsleiter auf; er ist es, der Direktzahlungen beziehen und eine Altersvorsorge aufbauen kann. Die rund 43 000 mitarbeitenden weiblichen Familienmitglieder hingegen, vor allem Ehefrauen, gehen vielfach leer aus, weil sie Gratisarbeit leisten.
Noch im Jahr 2022 bleiben Tausende von Frauen ohne finanzielle Anerkennung und damit verbunden ohne angemessene gesellschaftliche Wertschätzung – eine Ungeheuerlichkeit. Zahlen von 2013 zeigten, dass nur ein Drittel der Betroffenen bei der AHV als Arbeitnehmerinnen oder Selbstständige gemeldet sei, sagt Anne Challandes, Präsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbands (SBLV). «Daraus lässt sich ableiten, dass rund 70 Prozent auf dem Betrieb Gratisarbeit leisten.» Eindeutige Studien fehlen, andere Quellen gehen von zirka 50 Prozent Gratisarbeit aus. Ein Teil der Frauen, die auf dem Betrieb arbeiten, sind auch ausserbetrieblich
tätig und erzielen dort ein AHV-pflichtiges Einkommen.
So oder so benachteiligt die unbezahlte Arbeit die Frauen massiv: Ohne eigenes Einkommen ist die AHV minimal, die weitere Absicherung ist unzureichend, es gibt keinen Zugang zur Mutterschaftsversicherung. Bei Scheidung droht das Nichts, weil Betroffene ihre Anteile nicht aus dem Hof herauslösen können, aber auch nicht zum RAV gehen dürfen. Agrisano, SBV, Prométerre und der SBLV haben Herbst 2022 eine Kampagne lanciert, die zeigt, wie Bäuerinnen ihre Situation verbessern sollen.
Soziale Nachhaltigkeit bedingt faire Löhne für alle
Wo zu Gotteslohn gearbeitet wird und das Private so eng mit dem Beruflichen verzahnt ist, steigt das Risiko für Konflikte. Die Studie «Ehescheidungen in der Landwirtschaft» der Hochschule HAFL in Zollikofen besagt, dass es bei Bauernpaaren fast doppelt so oft zu einer Kampfscheidung kommt wie im Schweizer Durchschnitt. Bei einer Scheidung wird ein Betrieb zum sehr günstigen Ertragswert eingesetzt, damit
die Selbstbewirtschaftung durch die Familie weitergeht. Alles, was die Frau über die Jahre in den Hof mitinvestiert hat, auch in Form von Gratisarbeit, wird durch das Prinzip des Ertragswerts praktisch auf null reduziert; es gibt Forderungen, hier den Verkaufswert einzusetzen. Weil Kinder, Geschwister oder Enkel des Betriebsleiters Vorrang haben vor der (Ehe-)Partnerin, bleibt der Hof in aller Regel in Familienbesitz.
Es liegt auch an den Frauen selbst, Gegensteuer zu geben, wie die Scheidungsstudie zeigt: Bloss jede achte verheiratete Bäuerin hat überhaupt ein eigenes Sparkonto angelegt, Stand 2018. Den Frauen ist es zu wünschen, dass sie sich ihres Werts bewusster werden und einfordern, was ihnen zusteht. Aber auch die Gesellschaft ist gefordert: Hinter jedem Fall von Gratisarbeit stecken nicht nur individuelle Schicksale, sondern auch grundsätzliche politische Fragen. Insbesondere im Biolandbau, denn die Knospe-Vorschriften schreiben nicht nur die ökologische, sondern auch
die soziale Nachhaltigkeit vor. Unbezahlte Arbeit wie auch das Missachten von Mindestlöhnen wären Verstösse dagegen. Ausserdem stellt sich die Frage, ob ein Betrieb nicht über die Bücher gehen muss, wenn er unter dem Strich nicht das Geld abwirft, um alle Mitarbeitenden angemessen zu entlöhnen.
Beat Grossrieder, FiBL
Dieser Artikel erschien im Bioaktuell 2|22.
Weiterführende Informationen
FiBL Podcast-Folge: Frauen in der Landwirtschaft (Rubrik Aktuell)
Frauen in der Landwirtschaft: Bericht zur Studie 2022 (PDF, BLW-Website)
Gleichstellungsstrategie 2030 (Website des Bundes)
Bioaktuell 2|22: Viele Bäuerinnen arbeiten für ein «Vergelt's Gott» (513.4 KB)
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 27.10.2022
