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Züchterisch den Würmern zu Leibe rücken

Ist die Selektion von Schafen und Ziegen auf Widerstandskraft gegen Würmer eine Zuchtstrategie mit Zukunft? Es wurden 1 150 Schweizer Lacaune-Auen auf geeignete Zuchtmerkmale für eine geringere Anfälligkeit gegenüber Magen-Darm-Würmern untersucht. Die Anzahl ausgeschiedener Wurmeier behauptete sich als klarer Favorit. Der Wert zeigt für ein Gesundheitsmerkmal eine vielversprechende Erblichkeit und könnte durchaus zu Zuchtfortschritten führen. 

Wirksame Entwurmungsmittel sind rar. Resistente Würmer nehmen seit Jahren zu und das Angebot an Wirkstoffen mit Milchzulassung ist ausgesprochen schmal. Wird dann ein verbreitet eingesetztes Präparat mit Milchzulassung vom Markt genommen, wie bei Endex geschehen, kann sich die Situation schnell verschärfen. Es wäre daher klug, die Wurmkontrolle auf mehrere Pfeiler zu stützen. Nicht nur auf den Pfeiler «Behandlung» zu setzen, bringt eine gewisse Unabhängigkeit von verfügbaren Wirkstoffen und hat den zusätzlichen Nutzen, dass die Menge eingesetzter Medikamente reduziert werden könnte und damit auch weniger Wirkstoffe in die Umwelt gelangen.

Ein möglicher Weg ist die züchterische Auswahl von Tieren mit geringerer Anfälligkeit gegenüber Würmern. Mit grossem Erfolg wurde dies in Australien bei einer Herde Fleischschafe (Rylington Merino) erprobt. Über mehrere Generationen wurden dort gezielt die Tiere mit der geringsten Anzahl Wurmeier im Kot zur Zucht eingesetzt. Die Anzahl mit dem Kot ausgeschiedener Wurmeier nutzte man also als züchterisches Merkmal für eine geringere Wurmanfälligkeit. Nach 15 Jahren wiesen die Schafe der selektierten Herde eine um 82 Prozent reduzierte Wurmei-Ausscheidung und eine um 44 Prozent reduzierte Wurmbelastung auf im Vergleich zu einer nicht selektierten Herde (Kemper et al. 2010). Dies zeigt deutlich, wie viel Potential eine Selektion auf geringe Wurmanfälligkeit hat. 

Erste Studie für Milchschafe in der Schweiz

Lassen sich diese ermutigenden Ergebnisse auf die Schweiz übertragen? Bisher lagen für hierzulande gehaltene Schafrassen keine konkreten Informationen zur Selektion auf geringe Wurmanfälligkeit vor. Eine im Jahr 2023 abgeschlossene Forschungsarbeit untersuchte darum an Schweizer Lacaune-Milchschafen, ob sich das Merkmal «Anzahl ausgeschiedene Wurmeier je Gramm Schafskot» (kurz EpG) züchterisch eignet. Zusätzlich sollte abgeschätzt werden, ob ein genetischer Zusammenhang besteht zwischen EpG und Milchleistung einerseits sowie zwischen EpG und dem FAMACHA-Wert als möglichem Hilfsmerkmal andererseits. Die Studie wurde im Rahmen des EU-Horizon-2020-Projekts SMARTER (Nr. 772787) finanziert.

Im Schweizer Projekt wurden rund 1 150 laktierende Lacaune-Auen beprobt. Für jedes Tier wurde die Wurmanfälligkeit in Form von Kotproben (EpG), die Milchleistung und der Hämatokritwert erfasst (dieser gibt Aufschluss über den Anteil roter Blutkörperchen im Blut und damit über den Grad einer Blutarmut) sowie eine FAMACHA-Bewertung durchgeführt. Das FAMACHA-System ist ein einfach anzuwendendes Diagnoseraster. Mit Hilfe einer Farbkarte wird die Rotfärbung der Augenlidbindehaut bei Schafen und Ziegen beurteilt. Die Farbe (von bleich bis rot, das heisst von blutarm bis blutreich) gibt Aufschluss darüber, ob beziehungsweise wie stark das Tier vom blutsaugenden Labmagenwurm Haemonchus contortus parasitiert ist. Auf diese Weise können stark befallene Tiere erkannt und selektiv behandelt werden. Fällt ein Tier aufgrund der Bindehautfärbung in eine «blutarme» Kategorie, sollte es entwurmt werden. 

Kosten sparen mit dem FAMACHA-System?

Die Nutzung der Wurmeizahl EpG als Merkmal für die Widerstandskraft von Schafen oder Ziegen gegen Würmer ist relativ gut belegt. Allerdings ist die Methode mit einem zeitlichen Aufwand für die Kotproben und zusätzlich mit Kosten für die Auswertung im Labor verbunden. Bei Anwendung der FAMACHA-Bewertung fallen diese Laborkosten weg, was sie für die Züchtung interessant macht. Wir wollten darum wissen, ob das FAMACHA-System bezüglich Züchtung ähnlich verlässliche Informationen wie der EpG-Wert liefern kann. 

Wir konnten in unserer Arbeit einen guten Zusammenhang zwischen der FAMACHA-Bewertung und dem Hämatokritwert im Blut feststellen, der mit den Ergebnissen anderer Studien vergleichbar ist. Auch zwischen der EpG-Zahl und dem FAMACHA-Wert zeigte sich phänotypisch ein recht guter Zusammenhang. Wurde ein Schaf im fünf-stufigen FAMACHA-System in Kategorie drei oder höher eingestuft, so lag auch der EpG-Mittelwert entsprechend höher. Ab Kategorie drei wird gegebenenfalls eine Entwurmung empfohlen. 

Wie steht es aber um die züchterische Eignung der untersuchten Merkmale? Die Erblichkeit der Wurmeizahl (EpG) in der Lacaune-Population wurde auf 33 Prozent geschätzt. Eine Erblichkeit von 33 Prozent ist für ein Gesundheitsmerkmal relativ hoch und züchterisch vielversprechend. Zum Vergleich: Die Erblichkeit der Milchleistung liegt bei 34 Prozent. 

Für den FAMACHA-Wert waren die Ergebnisse jedoch leider ernüchternd. Zwar liegt die Erblichkeit dieses Wertes mit 30 Prozent ebenfalls auf einem brauchbaren Niveau. Wir konnten aber keinen genetischen Zusammenhang zwischen FAMACHA-Wert und EpG (Wurmeizahl) zeigen. Das bedeutet, dass die FAMACHA-Bewertung vorläufig nicht als Ersatz- oder Hilfsmerkmal für die Wurmeizahl taugt. Für die Selektion von Schafen mit geringer Wurmanfälligkeit kommt daher vorerst nur die Wurmeizahl in Frage. Züchterisch interessante Herdebuchtiere müssen dafür mindestens einmalig beprobt werden (mehrere Beprobungen liefern natürlich genauere Zuchtwerte). 

Widerstandskraft und Leistung sinnvoll abwägen

Will man das Merkmal «geringe Wurmanfälligkeit» im Rahmen eines praxisnahen Selektionsprogramms in eine Zuchtstrategie einbinden, müssen selbstverständlich auch andere Merkmale wie Milchleistung und Milchinhaltsstoffe berücksichtigt werden. Der tatsächliche Zuchtfortschritt hängt dann von der Gewichtung des Merkmals «Wurmanfälligkeit» in der Zuchtstrategie ab. Zu berücksichtigen ist dabei, dass die verbesserte Widerstandsfähigkeit gegenüber Würmern leicht unvorteilhaft mit der vererbten Milchleistung in Verbindung steht (7 Prozent). Allerdings ist diese Beziehung sehr schwach, und es würden genügend Tiere mit überdurchschnittlichen Zuchtwerten für Milchleistung und geringer Wurmanfälligkeit zur Auswahl stehen. 

Bei Fleischschafen sieht die Situation ähnlich aus. Zwar fehlen hier noch Schweizer Ergebnisse, aber vor Kurzem wurde eine Auswertung von über 50 Forschungsstudien vorgelegt (Hayward 2022). Der Autor schätzt die durchschnittliche Erblichkeit der Wurmeizahl auf 22 bis 27 Prozent. Ausserdem geht er davon aus, dass eine geringere Wurmanfälligkeit nicht zwangsläufig mit schlechteren Leistungen in Verbindung steht. Im Gegenteil, eine geringe Wurmanfälligkeit scheint leicht positiv mit der Leistung verknüpft zu sein. Demnach würde beim Fleischschaf also eine Selektion auf geringe Wurmanfälligkeit mit einer Steigerung der Leistung einhergehen.

Weniger aussichtsreich ist die Situation bei den Milchziegen. Zum einen weist das Merkmal Wurmeizahl eine niedrigere Erblichkeit auf, zum anderen ist die negative genetische Beziehung zur Milchleistung vermutlich stärker ausgeprägt als beim Milchschaf. Dies würde bei gleichen Kosten und gleicher Gewichtung einen deutlich langsameren Zuchtfortschritt bedeuten. 

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass eine Zucht auf geringere Wurmanfälligkeit beim Milchschaf durchaus möglich ist. Bisher gibt es jedoch keine günstige Alternative zum Hauptmerkmal EpG (Wurmeizahl). Das heisst auch, dass vorerst kein Weg am zeitlichen und finanziellen Aufwand für die Kotprobenentnahme und Laboranalyse vorbeiführt, wenn man den EpG-Wert züchterisch nutzen will. Hier wäre eine Diskussion innerhalb der Züchterschaft notwendig, um die Vorbereitungen für diesen Weg zu treffen.

Steffen Werne, FiBL und Beat Bapst, Qualitas AG 

Dieser Artikel ist im Kleinwiederkäuer Forum Nr. 5 / 2023 erschienen.

Weiterführende Informationen

Projekt «SMARTER» (FiBL Projektdatenbank)

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