Kirschen unter Dach und Fach gebracht
Anspruchsvoll, aber nicht chancenlos. Ob Nieder oder Hochstamm, Biokirschen sind eine wertvolle Kultur. Für die sich der Mut lohnt.
Das Schliessen der Regenfolie ist arbeitsaufwendig, aber sehr effizient gegen Blütenmonilia. Bleibt das Dach jedoch bis zur Ernte zu, freut das die Blattläuse. Foto: FiBL, Jeremias Lütold
Anfang der 2000er-Jahre entstanden in der Schweiz die ersten modernen Niederstammanlagen unter Witterungsschutz. Die steigende Nachfrage nach grossfruchtigen Tafelkirschen und der Druck durch Blüten- und Fruchtmonilia machte den Schritt auch im Biolandbau notwendig. Mit der Ende der 2010er-Jahre auftretenden Kirschessigfliege (KEF) und den häufigeren Spätfrostereignissen wurden die geschlossenen Niederstammanlagen unverzichtbar. Unter Witterungsschutz werden Biokirschen heute fast ohne Fungizide wie zum Beispiel Kaliumbicarbonat oder Schwefel angebaut. Und die Seitennetze halten KEF und Kirschfruchtfliegen aussen vor.
Die bekannten Hauptsorten eignen sich auch für den Bioanbau, von der Frühsorte Burlat bis zur Spätsorte Regina. In der Schweiz umfasst die Erntezeit fünf bis sechs Wochen. Mit der Einlagerung dafür geeigneter Sorten wie Kordia wird die Vermarktungsperiode für heimische Tafelkirschen verlängert. Zwar sind Schweizer Tafelkirschen von Mitte Mai bis Ende August durch Importeinschränkungen geschützt, trotzdem kann es etwa zu Beginn der Sommerferien wegen Ernte- und Vermarktungsspitzen zu Preisnachlässen im Detailhandel kommen. Zunehmend reagieren Produzentinnen und Produzenten mit frühreifen Sorten auf das Problem, sagt Fabian Baumgartner. Der Obstbauberater am FiBL sieht auch weitere Vorteile: «Frühe Sorten haben ein gewisses Potenzial, da sie der KEF zuvorkommen und sich im Absatz nicht mit anderen Früchten wie Zwetschgen überschneiden.» In der Sortenprüfung untersucht das FiBL die Anbaubedingungen neuer und bekannter Sorten unter biologischen Bedingungen. Neben Ertrag und Fruchtqualität steht die Robustheit gegenüber Schädlingen und Krankheiten im Fokus.
Schutz vor Fliegen und Pilzen, aber mögliche Brutstätte für Läuse
In der konventionellen Produktion mit wenig Einschränkungen bei den Pflanzenschutzmitteln wird der Witterungsschutz erst beim Heranreifen der Früchte installiert. Bei Biotafelkirschen hingegen bleibt die Folie je nach Witterung von der Vorblüte bis nach der Ernte geschlossen. Das wirkt der Monilia-Entwicklung und anderen Krankheiten entgegen, schafft aber auch günstige Bedingungen für Blattläuse und andere saugende Schädlinge. Wer über ein effizient schliessbares Überdachungssystem verfügt oder den Arbeitsaufwand nicht scheut, kann das Dach nach der Blüte bis zum Beginn der Fruchtreife wieder öffnen. In der direkten Bekämpfung der Schwarzen Kirschenblattlaus zum Beispiel werden mit den im Bioanbau zugelassenen Pflanzenschutzmitteln gute Ergebnisse erzielt. «Die indirekte Regulierung mit Nützlingen hingegen ist komplex und erfordert noch viel Forschung», erklärt Fabian Baumgartner. Ob sich die gezielte Förderung von Schwebfliegen und Marienkäfern mittels Blühstreifen in den Fahrgassen und Blühwiesen am Rande einer Anlage etabliert, hängt aber noch von anderen Faktoren ab. Die Saatmischungen seien noch verhältnismässig teuer, zudem würden die Blühstreifen auch wegen möglicher Probleme mit Mäusen kritisiert. Mit den derzeitigen Anbaustandards ist es möglich, hochwertige Biotafelkirschen mit Jahreserträgen von über zehn Tonnen pro Hektare zu produzieren.
Und daneben veröden die Hochstammbäume? Vielerorts leider ja. Dabei könnten viele mit minimalem Pflanzenschutzmitteleinsatz und Hygienemassnahmen gesund erhalten werden. Bei einem Kilopreis von Fr. 4.50 für biologische Verarbeitungskirschen würde sich das durchaus lohnen. Vor allem, wenn die Ernte mit Schüttelmaschinen mechanisiert und damit der Zeitaufwand reduziert wird. Aber nicht überall sind diese einsetzbar, und die Mechanisierung der Ernte bei Hochstammbäumen wird oft nur im Rahmen einer Neuanlage geplant.
Forschung und Beratung für Kirschen
Das FiBL war in der Schweiz bei der Entwicklung der Biotafelkirschenproduktion unter Witterungsschutz früh dabei. Gegen die Schwarze Kirschenblattlaus entwickelte das FiBL erfolgreiche Anwendungen wie die Herbstbehandlung mit Kaolin. Bei Bio Suisse engagiert sich Produktmanagerin Sabine Haller für gute Marktbedingungen für die schweizweit auf rund 50 Hektaren biologisch bewirtschafteten Tafelkirschen. Mit der Kalibergrösse 22+ (mindestens 22 Millimeter) hat sich bereits seit einiger Zeit eine Einheitsklasse für Biotafelkirschen etabliert, welche die Grossverteiler akzeptieren. Aufgrund der zunehmenden Mengen an Biokirschen wurde 2022 bei späten Sorten 24+ eingeführt. «Gibt es viele Kirschen aufs Mal, wie etwa im Jahr 2022, wird auch beiden mittelfrühen Sortenauf 24+ erhöht, das wird jedoch je nach Menge situativ zwischen den Marktpartnern entschieden», sagt Sabine Haller.
Jeremias Lütold, FiBL
Dieser Artikel ist im Bioaktuell 5|2023 erschienen (Link siehe weiterführende Informationen)
Freiland und Volleinnetzung
Ob unter Witterungsschutz oder aus der Schüttelanlage, in der Kirschenregion Nordwestschweiz finden sich beide Anbausysteme. Foto: FiBL, Jeremias Lütold
Die Kirschen haben es vorgemacht. Anderes Steinobst bewährt sich ebenfalls unter Regendächern und Seitennetzen.
Eine Weiterentwicklung des Anbaus braucht der Hochstammanbau im Freiland.
Zum vollständigen Artikel (693.7 KB) (pdf, Magazin Bioaktuell 5|2023)
Weiterführende Informationen
Sortenliste Kirschen (Rubrik Sortensuche)
Regulierung der Schwarzen Kirschenblattlaus (Rubrik Krankheiten und Schädlinge Steinobst)
Unter Dach und Fach gebracht (1.4 MB) (pdf, Magazin Bioaktuell 5|2023)
Freiland und Volleinnetzung (693.7 KB) (pdf, Magazin Bioaktuell 5|2023)
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 09.03.2026
