Diese Website unterstützt Internet Explorer 11 nicht mehr. Bitte nutzen Sie zur besseren Ansicht und Bedienbarkeit einen aktuelleren Browser wie z.B. Firefox, Chrome
FiBL
Bio Suisse
Logo
Die Plattform der Schweizer Biobäuerinnen und Biobauern

Futterbedarf des Schafs verstehen und richtig füttern

Das Verdauungssystem der Wiederkäuer ermöglicht die Nutzung pflanzlicher Biomasse, insbesondere von Zellulose. Beim Schaf bestimmen Vormagensystem und Fressverhalten, wie Futter aufgenommen und verwertet wird und welche Anforderungen sich für die Fütterung ergeben. Der Bedarf an Energie, Eiweiss und Futter hängt stark von Körpergewicht, Trächtigkeitsphase und Milchleistung ab und lässt sich mit einfachen Formeln abschätzen. Besonders im letzten Trächtigkeitsmonat steigt der Nährstoffbedarf stark an, während die Futteraufnahme sinkt. Eine angepasste Fütterung ist entscheidend, um Stoffwechselstörungen wie Trächtigkeitstoxikose zu vermeiden. 

Verdauung und Fressverhalten

Die Verdauung der Wiederkäuer basiert auf einem mehrteiligen Vormagensystem aus Pansen, Netzmagen und Blättermagen. Hier findet die mikrobielle Verdauung statt, bei der Mikroorganismen Futterbestandteile abbauen und für das Tier nutzbare Nährstoffe bereitstellen.

Im Pansen ist ein stabiler pH-Wert von rund sechs entscheidet. Sinkt er durch zu wenig Wiederkäuen, strukturarme Ration und/oder bei hohen Mengen leicht verdaulicher Kohlenhydrate, werden die Mikroorganismen geschädigt und die Verdauung gestört. Im anschliessenden Labmagen erfolgt die enzymatische Verdauung. Dieses Zusammenspiel ermöglicht es Wiederkäuern, pflanzliche Strukturen wie Zellulose zu nutzen, die für den Menschen in dieser Form nicht verwertet werden können.

Verdauungsorgane der Wiederkäuer und ihre Funktionen

VerdauungsabschnittHauptaufgaben
Pansen
Fassungsvermögen beim Schaf: ca. 10 Liter
  • Mikrobieller Abbau von Kohlehydraten (Zellulose, Stärke, Zucker…) zu flüchtigen Fettsäuren (Essig-, Propion-, Buttersäure). Aufnahme ins Blut
  • Mikrobieller Abbau von Eiweissen zu Ammoniak (NH3), Aufbau von bakteriellem Eiweiss
  • Aufbau von wasserlöslichen Vitaminen
  • Mischen des Futterbreis
Netzmagen
  • separiert feine und grobe Futterpartikel
  • ermöglicht das Wiederkäuen
Blättermagen
  • Eindicken des Futterbreis
Labmagen
  • pH-Senkung; antimikrobielle Wirkung
  • Enzymatischer Abbau von Eiweissen
Dünndarm
  • Enzymatischer Abbau von Eiweissen, Fetten, Kohlehydraten
  • Aufnahme der abgebauten Stoffe ins Blut
Dickdarm
  • Mikrobieller Abbau von Kohlehydraten im Blinddarm und im Grimmdarm
  • Eindicken des Futterbreis im Mastdarm

 

 

Einteilung der Wiederkäuer nach Fressverhalten

Nach dem Hofmann Modell lassen sich Wiederkäuer in drei Fressstrategien einteilen:

  • Konzentratselektierer (zum Beispiel Reh, Hirsch)
    Sie wählen gezielt energiereiche Pflanzenteile wie Knospen oder junge Triebe.
  • Intermediärtypen (zum Beispiel Ziege, (Schaf), Gemse, Rentier, Gazelle)
    Sie nutzen sowohl energie- sowie strukturreiches Futter und passen ihre Verdauung an das Futterangebot an.
  • Gras- und Raufutterfresser (zum Beispiel Rind, Schaf)
    Sie sind auf die Verwertung von faserreichem, strukturreichem Futter spezialisiert.

Das Schaf wird sowohl den Intermediärtypen als auch den Gras- und Raufutterfressern zugeordnet. Sie können strukturreiches Futter verwerten, zeigen aber gleichzeitig ein ausgeprägtes Selektionsverhalten und bevorzugen nährstoffreichere Bestandteile. Die Verdauungsphysiologie und das Fressverhalten stellen klare Anforderungen an die Fütterung, insbesondere hinsichtlich Futterqualität, Struktur, Zusammensetzung und Selektionsmöglichkeit. 

Bedarf berechnen: Grundlage jeder Fütterung

Die Basis jeder Rationsgestaltung ist der Erhaltungsbedarf. Er beschreibt, wie viel Energie und Eiweiss ein Schaf benötigt, um Körperfunktionen und Aktivität aufrechtzuerhalten ohne zusätzliche Leistungen wie Trächtigkeit, Milchproduktion oder Bewegung.

Für Schafe lässt sich dieser Bedarf berechnen als:

  • Energie = 0,228 MJ NEL × Kilogramm Körpergewicht0,75
  • Eiweiss = 2,5 Gramm APD × Kilogramm Körpergewicht0,75

Beispiel: Ein Schaf mit 65 Kilogramm Körpergewicht benötigt rund 5,2 MJ NEL und 57 Gramm Eiweiss pro Tag für den Erhalt.

Diese Werte steigen je nach Produktionsphase deutlich an.

Trächtigkeit: steigender Bedarf bei sinkender Aufnahme

In den ersten drei Trächtigkeitsmonaten (niedertragend) bleibt der Bedarf nahezu auf Erhaltungsniveau. Danach nimmt er deutlich zu:

  • 4. Monat: + ca. 1 MJ NEL und + 47 Gramm Eiweiss 
  • 5. Monat: + ca. 3,5 MJ NEL und + 66 Gramm Eiweiss 

Im fünften Monat wächst der Fötus am stärksten, insbesondere bei Mehrlingsträchtigkeiten. Gleichzeitig wird der Pansen durch die Gebärmutter eingeengt, wodurch das Tier weniger Futter aufnehmen kann.

Das Tier muss mit weniger Futter mehr Leistung erbringen. Entscheidend ist deshalb die Qualität der Ration.

Beispiel: Ein Schaf mit 65 Kilogramm Körpergewicht benötigt im letzten Trächtigkeitsmonat rund 8,7 MJ NEL pro Tag gegenüber etwa 5,2 MJ im Erhaltungsbedarf.

Laktation: Leistung treibt den Bedarf

Mit Beginn der Milchproduktion steigt der Bedarf nochmals deutlich an. Pro Kilogramm Milch benötigt ein Schaf zusätzlich etwa:

  • + 5 MJ NEL Energie 
  • + 75 Gramm Eiweiss

Ein Mutterschaf mit Zwillingen kann schnell auf einen Zusatzbedarf von über 11 MJ NEL und rund 180 Gramm Eiweiss pro Tag zusätzlich zum Erhaltungsbedarf kommen. 

Futteraufnahme als limitierender Faktor

Neben dem Bedarf ist entscheidend, wie viel Futter ein Tier aufnehmen kann. Der Trockensubstanzverzehr (TS) lässt sich abschätzen mit:

0,9 + (Kilogramm Körpergewicht / 100) + (0,27 × Kilogramm Milch)

Ein laktierendes Schaf frisst typischerweise 2 bis 2,5 Kilogramm TS pro Tag, ein trächtiges nur etwa 1,5 Kilogramm. 

Die Konsequenz ist klar: Der Bedarf kann rechnerisch steigen – die Futteraufnahme ist jedoch biologisch begrenzt. Wenn die Aufnahme begrenzt ist, muss die Ration entsprechend nährstoffreich sein.

Dieses Spannungsfeld wird besonders in der Hochträchtigkeit sichtbar und stellt die grösste Herausforderung im Fütterungsmanagement dar.

Weitere zentrale Anforderungen an die Ration

Neben Energie und Proteinversorgung spielt die Struktur eine zentrale Rolle:

  • mindestens 20 Prozent Rohfaser 
  • gut strukturiertes Futter mit Faserlänge von mehr als 4 Zentimetern
  • keine zu weiche Futterstruktur (fördert die Wiederkautätigkeit) 

Strukturreiches Futter regt das Wiederkäuen an, erhöht die Speichelproduktion und stabilisiert damit den pH-Wert im Pansen.  Das schafft optimale Bedingungen für die Mikroorganismen und eine effiziente Verdauung.

Für laktierende Tiere gilt zusätzlich ein Zielwert von über 20 Gramm Rohprotein pro MJ NEL. 

Kraftfutter gezielt einsetzen

Auf Biobetrieben ist der Einsatz von Kraftfutter auf maximal 5 Prozent der Jahresration begrenzt. 

Umso wichtiger ist der richtige Zeitpunkt der Kraftfuttergabe:

  • kurz vor dem Ablammen 
  • in den ersten Wochen der Laktation 

Ziel ist eine bedarfsgerechte Ergänzung, wenn das Grundfutter allein nicht ausreicht.

Erklärung der Einheiten:
MJ NEL = Megajoule Nettoenergie Laktation (Energieeinheit)
ADP = Absorbierbares Protein im Darm (Eiweiss)
TS = Trockensubstanz (Trockenmasse des Futters, z.B. 1 Kilogramm Heu hat eine Trockenmasse von ca. 0,85 Kilogramm)

Hochträchtigkeit: Fütterung in der kritischsten Phase

In der Hochträchtigkeit reicht die Futtermenge allein nicht aus. Die Ration muss:

  • energiereich sein 
  • ausreichend Eiweiss liefern 
  • gleichzeitig genügend Struktur enthalten 

Ist die Energiedichte zu niedrig, kann das Schaf den Bedarf nicht decken, selbst wenn ausreichend Futtermenge vorhanden ist.

Stoffwechselrisiko: Trächtigkeitstoxikose

Kann das trächtige Schaf seinen Energiebedarf nicht über das Futter decken, beginnt es, Körperfett zu mobilisieren. Dabei entstehen Glukose und sogenannte Ketonkörper. Die Glukose dient der Energieversorgung des Schafes. In moderatem Umfang ist das ein normaler Prozess und die Ketonkörper werden in der Leber wieder abgebaut.

Wird jedoch zu viel Fett mobilisiert, entstehen mehr Ketonkörper, als die Leber abbauen kann. Der Stoffwechsel (insbesondere die Leber) ist überlastet und es kommt zur Trächtigkeitstoxikose (Ketose). 

Bei kleinen Wiederkäuern ist das neben der Pansenazidose die häufigste schwere Stoffwechselerkrankung. Diese Erkrankung tritt typischerweise im letzten Trächtigkeitsmonat auf und ist ein zentraler Unterschied zum Rind, bei dem Ketosen meist nach der Abkalbung auftreten.

Besonders ältere oder fette Schafe sowie Schafe mit Zwillingsträchtigkeit sind gefährdet, da sie dazu neigen mehr Körperfett abzubauen.

Symptome früh erkennen

Die Krankheit verläuft schleichend und wird deshalb oft zu spät erkannt. Typische Anzeichen sind (Risiko des Zustands in aufsteigender Reihenfolge):

  • nachlassender Appetit 
  • zunehmender Verlust an Körperkondition 
  • vermehrtes Liegen, Müdigkeit 
  • unsicherer Gang 
  • Absonderung von der Herde 

Im akuten Stadium liegen die Tiere fest und strecken den Kopf nach vorne. 

Behandlung und Vorgehen

Tritt die Krankheit auf, ist eine frühe Behandlung vor dem akuten Stadium entscheidend. In der konventionellen Landwirtschaft wird oft Propylenglycol eingesetzt. Im Biolandbau ist dies nicht erlaubt, stattdessen kann Glukosesirup oral verabreicht werden. Ist dies nicht erfolgreich, erfolgt meist eine Geburtseinleitung durch die Tierärzt*in. Die Föten leben meist nicht mehr, aber das Muttertier kann so manchmal gerettet werden.

Vorbeugen ist entscheidend

Die wirksamste Massnahme gegen Trächtigkeitstoxikose ist eine angepasste Fütterung in der Hochträchtigkeit:

  • Energiereiches Grundfutter: Hochwertiges, nährstoffreiches Futter ist die Grundlage. Bei Bedarf gezielt ergänzen (zum Beispiel mit energiereichem Futter oder Mais).
  • Futteraufnahme sichern: Ausreichend Fressplätze und Ruhe sorgen für gleichmässige Aufnahme aller Tiere.
  • Selektion zulassen: Schafe wählen energiereichere Bestandteile gezielt aus. Futterreste von mindestens 10 Prozent sind normal und Ausdruck der natürlicher Futterselektion. 
  • Stress vermeiden: Lange Märsche, Umstallungen oder andere Belastungen sollten vermieden werden, da sie den Energieverbrauch erhöhen und die Futteraufnahme reduzieren.
  • Futterqualität kontrollieren: Buttersäurehaltige Silagen sollten grundsätzlich aber während der Trächtigkeit überhaupt nicht verfüttert werden, da sie die Ketonkörperbildung zusätzlich fördern.

Die Inhalte dieses Artikels basieren auf einem FiBL-Webinar zur Schafhaltung vom 28. Januar 2026. Die Aufzeichnung ist auf YouTube verfügbar und wurde für diesen Beitrag redaktionell aufbereitet.

Zum Film (YouTube)

Weiterführende Informationen

Möchten Sie die Website zum Home-Bildschirm hinzufügen?
tippen und dann zum Befehl zum Home-Bildschirm hinzufügen nach unten scrollen.