Bioobstbauern rüsten sich gegen Feuerbrand

(19.12.2007) 

Die Praktiker in der Ostschweiz wollen weiterhin einen wirtschaftlichen Biokernobstbau betreiben und suchen nach Strategien zur Schadensbegrenzung. Es gilt die bekannten Abwehrmöglichkeiten zu optimieren. In Deutschland wurde ein Mittel getestet, das erfolgversprechend ist und möglicherweise auch in der Schweiz zugelassen wird.

Wintertagung ganz dem Feuerbrand gewidmet

Im Frühjahr 2007 gab es erstmals flächendeckend im ganzen Obstbaugebiet rund um den Bodensee Feuerbrandbefall. Für den Bioobstbauring Ostschweiz, dem Hoch- und Niederstammproduzenten aus dem Thurgau, St. Gallen, Graubünden und dem Fürstentum Liechtenstein angehören, war dies Anlass genug, die traditionelle regionale Wintertagung dem Thema Feuerbrand zu widmen. Zur Zusammenkunft am 5. Dezember 2007 fanden sich über 50 Personen am BBZ Arenenberg ein.

Tau genügt für Infektion

Urs Müller vom Arenenberg liess die Teilnehmer nochmals auf die Ereignisse von 2007 zurückblicken. Die ausserordentlich hohen Temperaturen während der Apfelblüte und das vorhandene Infektionspotential haben zum starken Ausbruch der Bakterienkrankheit geführt. Man machte auch die schmerzliche Erfahrung, dass schon Taubildung für die Infektion genügt und dass bei Temperaturen über 27 °C gar keine Feuchtigkeit mehr für die Massenvermehrung des Bakteriums nötig ist. Neben der starken Blüteninfektion hat gegen den Herbst hin auch der Unterlagenbefall Sorgen gemacht und zu weiteren beträchtlichen Ausfällen geführt. Die mit der Feuerbrandbekämpfung beauftragten Organe konnten aber auch befriedigt feststellen, dass dort, wo die vorbeugende Entfernung von infiziertem Pflanzenmaterial in den letzten Jahren konsequent durchgeführt worden war, der Befall 2007 deutlich geringer ausfiel.

Ennet dem Bodensee vergleichbare Situation

Sascha Buchleither vom Beratungsdienst Ökologischer Obstbau, Baden-Württemberg berichtete von einer mit der Ostschweiz vergleichbaren Befallssituation. Bei einer Umfrage unter deutschen Bio-Obstbauern am Bodensee, die 21 Angefragte beantworteten, meldeten 17 Feuerbrand, 4 hatten keinen Befall. Besonders betrüblich ist die Tatsache, dass die Topsorte Topaz stark befallen war und dass bei ihr auch Unterlagenbefall festgestellt wird.

Abwehrstrategie optimieren

Nach der Analyse der jüngsten Vergangenheit richtete sich das Hauptaugenmerk der Tagung auf zukünftige Abwehrstrategien. Die Bio-Obstbauern werden sich auch weiterhin an den Hygienemassnahmen beteiligen und notwendige Rückrisse bzw. Rückschnitte machen und stark befallene Bäume ausmerzen. Sie sind aber auch auf direkte Bekämpfungsmöglichkeiten angewiesen.

Die bisherigen Mittel konnten dem Befallsdruck im Frühjahr 2007 nicht standhalten. Möglicherweise wäre mit einer Optimierung der Einsatzzeitpunkte noch etwas rauszuholen gewesen. Ganz unterschiedliche Wirkungsgrade in verschiedenen Versuchen, beispielsweise bei Myco-Sin, deuten darauf hin.

Neues Produkt in Reichweite

Die Hoffnungen der Praxis ruhen heute auf einem biotauglichen Präparat, das in den Versuchen der letzten Jahre eine deutlich bessere Wirkung gezeigt hat als die bisher zugelassenen Mittel. Es ist ein Hefepräparat mit dem Handelsnamen Blossom Protect.

In Deutschland hätte es schon eingesetzt werden können. Es ist dort als Pflanzenstärkungsmittel bewilligt. Doch mehrere Gründe haben viele Produzenten bisher von einem Einsatz abgehalten. Blossom Protect verträgt sich nicht mit Schwefel und somit konkurrieren Schorf- und Feuerbrandbehandlung zeitlich miteinander. Im Weiteren haben Versuche gezeigt, dass der Einsatz des Präparates Fruchtberostungen fördern kann. Blossom Protect muss 24 Stunden vor einem Infektionsereignis ausgebracht sein, es braucht meist mehrere Behandlungen und somit wird der Einsatz kostspielig. Doch trotz dieser Schwierigkeiten werden die deutschen Bio-Obstproduzenten ab jetzt Blossom Protect einsetzen, möglicherweise abwechselnd mit Myco-Sin.

Cornelia Schweizer von Andermatt Biocontrol, der Firma, die für die Schweiz die Zulassung  beantragt hat, gab an der Tagung zusammen mit Sascha Buchleither einige Anwendungshinweise und Erfahrungen aus neueren Versuchen weiter:

  • Blossom Protect ist integrierbar in die Strategieplanung zur Schorfbehandlung. Schwefel kann 2-4 Stunden  vor Blossom Protect eingesetzt werden, ohne dass ein Wirkungsabfall zu befürchten ist.
  • Eine Tendenz zu stärkerer Berostung beim Einsatz von Blossom Protect besteht. Untersuchungen in Deutschland haben aber ergeben, dass der Anteil von vermarktungsfähiger Ware im Bio-Grosshandel durch den Einsatz des Hefepräparates kaum abnimmt. In einem einjährigen Versuch konnte zudem mit Cutisan, einem Tonprodukt aus Kaolin, die Berostung vermindert werden.
  • Die natürlicherweise auf der Apfeloberfläche vorkommenden Hefepilze in Blossom Protect müssen 24 Std. vor einer möglichen Feuerbrandinfektion eingesetzt werden, damit der Blütenboden besetzt ist, wenn Feuerbrandbakterien auf die Narbe gelangen.
  • Blossom Protect setzt sich aus einer Puffersubstanz und der Wirksubstanz zusammen. Es muss bei Temperaturen unter 25°C gelagert werden. Dann behält es seine Wirkung während ca. einem Jahr. Die angerührte Spritzbrühe ist innert 8 Std. aufzubrauchen. Pro Hektare braucht es 12 kg Mittel, die mit 350-400 l Wasser aufgerührt werden.  
  • Die Mittelkosten pro Behandlung werden sich auf etwa 200 Fr./ha belaufen. Um in einer Infektionssituation wie 2007 eine Sorte über die ganze Blütezeit zu schützen, werden etwa 4 Behandlungen nötig sein.
  • In der Schweiz ist der Einsatz von Blossom Protect zur Zeit vom BLW noch nicht bewilligt. Doch die Hoffnung besteht, dass das Produkt Anfang 2008 bewilligt wird und im nächsten Frühjahr eingesetzt werden kann.

Bemerkenswerte Diskussionsbeiträge

Aus den intensiven Diskussionen, die nach den Vorträgen folgte, sind hier noch einige bemerkenswerte Äusserungen festgehalten:

  • Zu den längerfristigen vorbeugenden Massnahmen gehört auch die Sortenwahl. Urs Müller konnte das neue Merkblatt von Agroscope  Changins-Wädenswil  „Feuerbrandanfälligkeit von Kernobstsorten“, an dem er mit seiner grossen Sortenkenntnis massgebend mitgearbeitet hatte, vorstellen (siehe Link ganz unten).
  • Blossom Protect könnte auch ein Feuerbrand-Abwehrmittel im Hochstamm-Obstbau sein. Wenn es möglich ist, mit dem Sprayer zu arbeiten, ist dieser dem Gun vorzuziehen (bessere Mittelverteilung, geringerer Wasserverbrauch).
  • Nach Hagelschlägen und nach grösseren Rückschnitten im Feldobstbau hat sich eine Kupferbehandlung zum Schutz der Wunden vor dem Bakterieneintritt bewährt. Für 2007 hat die Markenkommission der Bio Suisse eine Erhöhung der maximal zulässigen Kupfermenge auf 4 kg/ha (wie in der Bioverordnung) bewilligt. Der anwesende FiBL-Vertreter wurde von den Tagungsteilnehmern beauftragt, sich für eine Fortführung dieser Bewilligung einzusetzen.
  • Im Bio-Obstbau wird bei grossem Befallsdruck der Sägewespe mit einem Quassiaholzextrakt in die Blüte behandelt. Dabei muss mit viel Wasser gefahren werden. Das wiederum erhöht die Feuerbrand-Infektionsgefahr. Es ist darum sehr wichtig, die Sägewespenpopulation frühzeitig und gut zu überwachen, um bei gleichzeitiger Feuerbrandgefahr nur im äussersten Notfall eine Quassia-Behandlung machen zu müssen.
  • Praktiker haben mit verschiedenen Mitteln experimentiert oder wollen es noch tun, beispielsweise mit Homöopathie. Ein weiterer Weg wird in der Beeinflussung des pH gesucht, mit Essig im sauren und mit Löschkalk (der eigentlich in der Bordeauxbrühe „versteckt“ schon auf der Hilfsstoffliste ist) im basischen Bereich. Die experimentierfreudigen Bauern wünschen sich hier einen gewissen Freiraum.

Zuversicht trotz Feuerbrand

Während der ganzen Tagung war unter den Teilnehmern auch Optimismus festzustellen. Die Pflanzenkrankheit Feuerbrand führt zu deutlichem Mehraufwand, aber die Praktiker sind bereit, Anstrengungen zur Rettung des Kernobstbaus auf sich zu nehmen. Sie haben auch die Zuversicht, dass sie gemeinsam Mittel und Wege finden, um weiterhin wirtschaftlich erfolgreich Äpfel und Birnen produzieren zu können.

Merkblatt Feuerbrandanfälligkeit von Kernobstsorten (PDF, 175 KB)

Ansprechpartner:

Jakob Rohrer
BBZ Arenenberg
Beratungsstelle für Biolandbau

8268 Salenstein

Tel. 071 663 32 14
Fax 071 663 32 17
E-Mail
www.arenenberg.ch

 

Hinweis: Dies ist eine tagesaktuelle Meldung. Sie wird nicht aktualisiert.

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