Bioverita – Bio von Anfang an

Seit zehn Jahren setzt sich der Verein bioverita dafür ein, die Wertschätzung für die ökologische Züchtungsarbeit zu erhöhen. Dazu gehört es, Sorten aus ökologischer Züchtung bekannter zu machen, sagt Anna-Lena May im Interview.

(11.03.2020) 

Anna-Lena May, Projektmanagerin bei bioverita Deutschland, erzählt im Interview, warum Aufklärungsarbeit zur ökologischen Züchtungsarbeit auch bei etablierten Biobäuerinnen und -bauern wichtig ist und wie sie sich für die Unabhängigkeit von Biolandwirtschaft und Handel einsetzt.

Bioverita nutzt den Claim «Bio von Anfang an». Wofür setzt sich der Verein ein und welches Ziel verfolgen Sie?

Anna-Lena May: Bioverita ist der Missing-Link zwischen Biozüchterinnen und Biozüchtern, die nicht zu grossen Konzernen gehören, und den Biobäuerinnen und -bauern sowie den Konsumentinnen und Konsumenten. Wir sind das Sprachrohr zur Bekanntmachung der recht unbekannten Biozüchtung. Als Verein geht es bei bioverita nicht um den gewinnorientierten Zweck, sondern um die ökologische Pflanzenzüchtung als Kulturaufgabe. Denn Biozüchterinnen und Biozüchter tragen einen wichtigen Baustein zur Zukunftsfähigkeit der Biolandwirtschaft bei. Unser Claim beschreibt dabei unsere Aufgabe. Wir wollen, dass schon bei der Züchtung von neuen Sorten alle ökologischen Kriterien erfüllt werden. Uns geht es um das Bewusstsein für die Produktion von Biolebensmitteln entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Züchtung über den Handel bis hin zu den Konsumentinnen und Konsumenten.

Aber bedeutet nicht «Bio» gleichzeitig, dass von Beginn an ökologisch gearbeitet wurde?

Leider nein. Laut der EU-Bio-Verordnung muss zwar bei der Produktion von Biogemüse Saatgut aus biologischer Vermehrung verwendet werden. Vorgeschrieben ist aber nicht, dass das Saatgut aus biologischer Züchtung stammen muss. In der Praxis werden daher konventionelle Sorten eine Saison lang auf einem Biobetrieb vermehrt, und das Saatgut darf dann für die Bioproduktion verwendet werden. Wenn Bio auf Saatgut konventioneller Herkunft setzt, wird die Weiterentwicklung des Biolandbaus erschwert und auch die Biolandwirtinnen und -landwirte geraten immer mehr in die Abhängigkeit von grossen konventionellen Firmen. Im Jahr 2018 haben sich die grössten Saatgutkonzerne zu drei Firmen zusammengeschlossen: Seitdem kontrollieren Bayer/Monsanto, DuPont/Dow und ChemChina/Syngenta über sechzig Prozent des weltweiten Saatgutmarktes. Beim Saatgut dieser Konzerne handelt es sich oft um Hybridsorten. Diese sind nicht nachbaufähig und bringen Bäuerinnen und Bauern indirekt in ein ungewolltes Abhängigkeitsverhältnis. Wir wollen mit biologisch gezüchteten Sorten die Biolandwirtinnen und -landwirte dabei unterstützen, sich von der konventionellen Züchtung zu lösen.

Sind sich die Bäuerinnen und Bauern dessen bewusst?

Die Biobranche hat die Saatgut-Frage lange verschlafen und wacht jetzt erst auf. In unseren Gesprächen merken wir oft Betroffenheit. Sowohl Landwirtinnen und Landwirte, Händlerinnen und Händler bis hin zu den Konsumentinnen und Konsumenten zeigen sich überrascht, dass das Saatgut, welches sie anbauen bzw. im Endprodukt verzehren, keinen biologischen Ursprung hat. Deshalb heisst unser Claim: «Bio von Anfang an. Von der Züchtung bis zum Endprodukt.» Das wollen wir entlang der Wertschöpfungskette kommunizieren. Deshalb beinhaltet ein grosser Teil unserer täglichen Arbeit Aufklärung. Wir wollen die biologische Züchtung bekannt machen und damit die kleinen, gemeinnützigen und vor allem unabhängigen Züchtungsinitiativen unterstützen.

Wie funktionierte denn früher die Saatgutzüchtung?

Die Züchtung von Kulturpflanzen ist schon über 10 000 Jahre alt. Damals haben die Bäuerinnen und Bauern das natürlich selbst übernommen, doch haben sie leider irgendwann ihre Züchtungskompetenz den Saatgutfirmen überlassen. So wuchsen die Konzerne, und so schrumpfte das Wissen bei den Landwirtinnen und Landwirten. Früher gab es sogar den Beruf des Samenbauers. Dieser wurde aber schon vor über zwanzig Jahren als Ausbildungsberuf aufgrund mangelnder Nachfrage eingestellt. Heute dominieren Hybridsamen die Felder. Doch diese sind an die biologische Landwirtschaft gar nicht angepasst. Nicht biologisch gezüchtete Sorten haben nie «von klein auf gelernt», unter biologischen Lebensbedingungen zu wachsen. Das stellt man auf den Feldern dann auch fest.

Wie gehen Sie mit Ihrem Verein konkret gegen die Missstände beim Saatgut vor?

Das bioverita-Qualitätslabel will den Konsumentinnen und Konsumenten aufzeigen, dass es sich um ein Produkt handelt, das von Beginn der Wertschöpfungskette an biologische Qualitätsbedingungen erfüllt. Bisher schreiben viele Firmen ihre eigenen Definitionen auf die Produkte – das verwirrt. Deshalb arbeiten wir beispielsweise auch partnerschaftlich mit Biogrosshändlern zusammen, um gemeinsame Vermarktungsprojekte umzusetzen.

Was ist der Vorteil eines solchen Labels?

Als Konsument oder Konsumentin trägt man kontinuierlich zur Gestaltung der Nahrungsmittelkette bei: Mit jedem Einkauf, mit jeder Mahlzeit. Das Label versichert, dass das Saatgut, welches für dieses Produkt verwendet wurde, aus der Biozüchtung stammt. Oder einfacher: Achtung, vital und lecker!

Und was bedeutet das für die Produkte?

Wir kennzeichnen Produkte mit dem einheitlichen bioverita-Label und vermitteln, dass neue Sorten aus der Biozüchtung an die Biolandwirtschaft und die klimatischen Anforderungen von heute optimal angepasst sind. Biologisch gezüchtete Sorten sind immer samenfest und somit nachbaufähig. Die Menschen sollen, richtig informiert, die Möglichkeit haben, ökologisch noch bewusster einzukaufen.

Markus Büttner, mgo-media

Weitere Informationen
Biosaatgut und Biopflanzgut (Rubrik)

Hinweis: Dies ist eine tagesaktuelle Meldung. Sie wird nicht aktualisiert.

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