Beim Schweinefleisch hält das Kaufverhalten den Bioanteil tief

Die Produktion von Bioschweinefleisch in der Schweiz stagniert. Noch immer macht der Bioanteil weniger als zwei Prozent aus. Um diesen künftig zu erhöhen, müsste sich das Kaufverhalten der Konsumentinnen und Konsumenten ändern.

(21.06.2020) 

Stefan Arns Schweine haben Schwein: Sie leben draussen auf der Weide, dürfen grasen, sich suhlen und haben viel Bewegung. Daran mussten sich die jungen Schweine zuerst gewöhnen, denn sie gehören zur Rasse des Schweizer Edelschweins und waren nicht an Freilandhaltung gewöhnt. Nach und nach zeigte sich jedoch wieder ihr natürliches Verhalten, sie wälzen sich im Schlamm, um sich abzukühlen.

Die Auswahl an Schweinerassen ist in der Schweiz sehr beschränkt: Vorherrschend sind, nebst einigen wenigen alternativen Rassen, die Schweizer Landrasse und das Schweizer Edelschwein. Diese beiden Rassen werden teilweise mit Duroc und Piétrain gekreuzt. Biobauer Stefan Arn entschied sich für Schweizer Edelschweine. Mittlerweile folgen die kleinen Schweinchen dem Seeländer Landwirt auf Schritt und Tritt. Er möchte den Tieren, bevor sie zu schmackhaftem Bioschweinefleisch werden, ein möglichst schönes Leben bieten. «Schweine sind intelligente und neugierige Tiere, ich finde es nicht schön, wie Schweine konventionell gehalten werden», sagt Arn.

Preissturz durch Überangebot

Die konventionelle Schweinehaltung in der Schweiz sieht 0,9 Quadratmeter Fläche pro Schwein vor, wovon der Liegebereich 0,6 Quadratmeter umfasst. Auslauf ist nach Tierschutzverordnung nicht vorgeschrieben. Vorschrift sind aber Gruppenhaltung sowie Beschäftigungsmaterial. Diese konventionelle Haltung ist für die Landwirte und Landwirtinnen zumindest einigermassen lohnend. Ganz im Gegensatz zur Produktion von Bioschweinefleisch: «Aktuell liegt der Kilopreis bei sechs Franken achtzig, was nicht kostendeckend ist. Es bräuchte einen Kilopreis von mindestens sieben Franken zwanzig», sagt Adrian Schütz, stellvertretender Geschäftsführer vom Schweizerischen Schweinezucht- und Schweineproduzentenverband Suisseporcs. 2019 sei der Preis vorübergehend sogar auf sechs Franken zwanzig gefallen. Dies weil das Angebot an Bioschweinefleisch zwar gewachsen ist, die Nachfrage jedoch stagniert. Es kam vorübergehend zu einem Überangebot.

«In den letzten zwei Jahren konnte nicht kostendeckend Fleisch produziert werden, da der Preis für Schlachttiere und Jager, also zwanzig Kilogramm schwere Jungschweine, zusammengebrochen ist. Gleichzeitig sind die Kosten für die Futtermittel stark angestiegen», sagt Andreas Bracher, Präsident der IG Bio Schweine Schweiz (IGBSS) und selber Produzent von Bioschweinefleisch. Die Bioproduktion betreffe den gesamten Betrieb. Es brauche grössere Stallflächen, Stroh, das aus Bioanbau stammen muss sowie Raufutter für die Schweine. Dazu komme der grössere Arbeitsaufwand sowie fast doppelt so hohen Kosten für Biofuttermittel, die frei von chemisch-synthetischen Hilfsstoffen sein müssen.

Die Umstellung auf Bio umfasst den ganzen Betrieb

Ein weiterer Unterschied liege in der Säugezeit, die bei der Bioproduktion mindestens sechs Wochen dauern müsse. Das mache die Produktion insgesamt weniger effizient. Dazu komme, dass den Ferkeln ab dem 24. Lebenstag Auslauf angeboten werde und den Galtsauen ein Areal zum Wühlen oder Weiden zur Verfügung stehen müsse. Der Arbeitsaufwand werde durch eingestreute Liegeflächen ebenfalls um einiges höher, zudem bräuchten weniger Tiere mehr Fläche.

Bei der Bioschweinefleischproduktion gilt der ganzheitliche Ansatz, was bedeutet, dass alles in der Produktionskette die Bioanforderungen erfüllen muss, das heisst Tierhaltung, Fütterung, Erzeugung und Verarbeitung, wie Barbara Früh, Leiterin Tierwohl und Tierhaltung beim Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL erklärt. Sie betont, dass es auch konventionelle Betriebe gebe, die ihren Tieren freiwillig mehr Platz, Auslauf und Weide bieten würden. Bei Bio könne man sich jedoch sicher sein, dass die Bioanforderungen eingehalten würden, die weit über den Mindestanforderungen des Tierschutzes liegen.

Gewässerschutz als Hindernis

Wie Stefan Arn hält Andreas Bracher seine Schweine teilweise in der Weidehaltung. «Die Weidehaltung ist nach Biorichtlinien für Galtsauen empfohlen, aber keine Pflicht», sagt Bracher. Denn die Weidehaltung sei aufgrund von Gewässerschutzauflagen sowie der korrekten Eingliederung in die Fruchtfolge auf vielen Betrieben nur schwierig oder gar nicht umsetzbar. Zudem würde das Wühlverhalten der Schweine dem Boden arg zusetzen. «Viele Konsumentinnen und Konsumenten wünschen sich Weidehaltung von Schweinen, doch sind ihnen die damit verbundenen Probleme oft kaum bekannt. Die Kosten und der technische Aufwand können je nach Betrieb sehr hoch sein», sagt er. Voraussetzung für Freilandhaltung ist eine grosse Landfläche, denn das Land darf nur einmal in sechs Jahren mit den Schweinen bestossen werden.

«Auf unserem Betrieb in Alchenstorf BE weiden wir unsere Galtsauen maximal eineinhalb Stunden pro Tag und nur wenn die Bodenverhältnisse trocken genug sind», sagt IGBSS-Präsident Andreas Bracher. So sei ein Mehrwert für die Tiere möglich und die Auflagen des Gewässerschutzes könnten eingehalten werden. Genau in einer solchen kombinierten Freiland- und Stallhaltung sieht auch Barbara Früh die Zukunft der Bioschweinehaltung.

Nachfrage unter zwei Prozent

Doch hat die Bioschweinefleischproduktion in der Schweiz ein Grundproblem: «Es ist schlicht keine Nachfrage nach Bioschweinefleisch vorhanden. Die Landwirte wären an einer Umstellung durchaus interessiert, aber so wie die Lage aktuell ist, heisst das: Viel Aufwand, kaum Ertrag», sagt Adrian Schütz von Suisseporcs. Es brauche ganz klar mehr Abnehmer, damit sich die Bioschweinefleischproduktion lohnen könnte: mehr Grossverteiler, mehr Gastronomiebetriebe und mehr Detailhändler, welche Bioschweinefleisch anbieten und vor allem mehr Konsumentinnen und Konsumenten, die Bioschweinefleisch kaufen. «Achtzig Prozent der Teile eines Bioschweines werden weiter veredelt, also zu Charcuterie-Produkten, weil der typische Biofleischkonsument wenig Fleisch isst. Etlichen Konsumentinnen und Konsumenten ist wohl auch der Preis zu hoch», sagt auch Andreas Bracher. Bioschweinefleisch-Produkte ab Hof seien aber durchaus beliebt.

Trotzdem: Die Nachfrage liegt noch immer klar unter zwei Prozent. In den letzten Jahren ist sie auf sehr tiefem Niveau leicht angestiegen. Aktuell werden etwa 40 000 Bioschweine pro Jahr geschlachtet, mehr kann der Markt zurzeit nicht aufnehmen. Dieses Fleisch findet den Weg zu Konsumentinnen und Kosumenten entweder über den Direktverkauf oder über die beiden Fleischverarbeiter Micarna und Bell.

Umdenken in Sicht

In Zukunft könnte der Bioschweinefleischanteil weiterhin langsam wachsen. «Wir haben junge Konsumentinnen und Konsumenten, die bewusst einkaufen. Tendenziell essen sie weniger Fleisch, umso mehr sind ihnen die Herkunft und die Haltung der Tiere wichtig», lautet die Einschätzung von Andras Bracher. Aus diesem Grund wird es gemäss seiner Einschätzung zu einem geringen Marktwachstum kommen.

Auch Barbara Früh vom FiBL geht davon aus, dass die Konsumentinnen und Konsumenten künftig mehr Biofleisch nachfragen werden und die Produktion etwas weiterwachsen könnte. «Die Gesellschaft hinterfragt den Umgang mit dem Tier viel stärker. Bio und artgerechte Tierhaltungssysteme haben Zukunft», zeigt sie sich überzeugt. Der Kauf von Bioschweinefleisch sei letztlich ein Statement der Konsumentinnen und Konsumenten, welche Art von Landwirtschaft sie haben möchten.

Adrian Schütz von Suisseporcs ist diesbezüglich zurückhaltender: «Mit Blick auf die stetig wachsende Weltbevölkerung glaube ich eher, dass künftig effiziente Haltungssysteme betrieben werden», sagt er. Davon ahnen die Weide-Schweinchen von Stefan Arn oberhalb des Bielersees zum Glück nichts. Sie erkunden lieber ihr neues Territorium, fressen Gras und machen sich mit der Suhle weiter vertraut.

Schweinefleisch kämpft mit Image-Problemen

Seit vielen Jahren gilt Schweinefleisch zu Unrecht als ungesund. Dieses Vorurteil hält sich hartnäckig, obwohl Untersuchungen schon längst gezeigt haben, dass diese Fleischart viel wertvoller ist als bisher angenommen. Konsumentinnen und Konsumenten, aber auch Einkäufer der Gastronomie machen ungebrochen Jagd nach möglichst billigem Schweinefleisch. Dies hängt vermutlich damit zusammen, dass Schweine in der Schweiz für Konsumentinnen und Konsumenten kaum sichtbar sind. Kaum jemanden interessiert beim Kauf von Schweinefleisch, wie die Tiere vorher gelebt haben – ganz im Unterschied zu anderen Fleischarten, wo dieser Aspekt immer mehr Menschen zu interessieren scheint. So bräuchte es auch beim Schweinefleisch ein gesellschaftliches Umdenken und ein verändertes Kaufverhalten, um langfristig und nachhaltig etwas verbessern zu können.

Ann Schärer, LID-Mediendienst vom 19. Juni 2020


Weiterführende Informationen
Bioschweine (Rubrik Tierhhaltung)
Bioschweine (Rubrik Markt)
Freilandhaltung: So ist es der Sau wohl! (Webseite Bio Suisse)

Hinweis: Dies ist eine tagesaktuelle Meldung. Sie wird nicht aktualisiert.

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