Blattlausregulierung bei Freilandgemüse Schneckenbekämpfung 

Tuta absoluta, ein neuer Tomatenschädling ist da

Im September 2009 klebten die ersten Tomatenminiermotten oder mit wissenschaftlichem Namen Tuta absoluta auf Pheromonfallen in der Schweiz. Auch in Baden Württemberg sind die Tierchen 2009 eingetroffen – wir haben also einen neuen Tomatenschädling! Die Erfahrungen mit dem ungewollten Eindringling sind in unserem Klima gering. Gleichzeitig verfügt er über ein hohes Vermehrungs- und Schadpotential. Mehr Kenntnisse zum Leben und zur Abwehr dieses Insekts werden immer wichtiger.

Eine Bildergalerie finden Sie unter: 
www.tutaabsoluta.com

Herkunft und Ausbreitung

Das aus Lateinamerika stammende Insekt gelangte vermutlich 2006 in Früchten erstmals nach Spanien und Marokko, von wo es sofort die Eroberung des Mittelmeerraumes Richtung Osten startete. In die Niederlande und Grossbritannien werde es 2009 ebenfalls über Importe eingeschleppt, und zwar aus Spanien oder Marokko.

In der Schweiz erreichte die Tomatenminiermotte als erste Regionen die traditionellen Tomatenanbaugebiete Tessin und Region Genf. Kurz darauf zappelte die Miniermotte schon auf den Fallen im Seeland. Es ist damit zu rechnen, dass sie sich rasch weiter nach Norden und Osten ausbreitet.

Wirtspflanzen

Tuta absoluta befällt befällt Pflanzen, die zur Familie der Nachtschattengewächse / Solanaceae gehören. Neben Tomaten, Auberginen, Paprika, Tabak und Kartoffeln sind sowohl Zierpflanzen wie Engelstrompete oder Ziertabak als auch Wildpflanzen / Unkräuter wie Schwarzer Nachtschatten betroffen. Aus Italien wurde zusätzlich der Befall von Buschbohnen gemeldet. Allerdings schädigt das Tierchen hauptsächlich die Tomaten.

Lebenszyklus und Biologie

  • Das ausgewachsene Insekt ist 5-7 mm lang, mit einer Flügelspannweite von 10-12 mm.
  • Die Miniermotten sind überwiegend nachts und in der Dämmerung aktiv. Während des Tages verstecken sie sich zwischen den Blättern.
  • Die Entwicklung vom Ei bis zum ausgewachsenen Insekt (Imago) verläuft bei 20-25°C am schnellsten und beträgt dann knapp 30 Tage. Die ausgewachsenen Insekten leben je nach Futterangebot und Befruchtung zwischen 10 und 20 Tage. Die Entwicklung und Lebensdauer ist stark von der Umgebungstemperatur abhängig.
  • Die Zahl der abgelegten Eier liegt im Mittel bei etwa 150 Stück pro Weibchen - im Freiland sind es bei Einmalablage zirka 50 Eier.
  • Die Eiablage erfolgt überwiegend ans Blatt, in geringerem Umfang an Blattstiel und Kelchblätter sowie unreife, kleine und grüne Früchte. Die Eier werden meist einzeln, manchmal auch in kleinen Gruppen bis fünf Stück abgelegt. Sie sind etwa 3 mm gross, oval, cremefarben und kurz vor dem Schlüpfen bräunlich schwarz gefärbt.
  • Unter den Bedingungen in Spanien und Lateinamerika wird von 4 Larvenstadien ausgegangen. Die Larven sind raupenförmig und haben eine deutlich abgegrenzte Kopfkapsel und Beinpaare. Die Farbe der Larven wechselt vom Schlüpfen bis zur Verpuppung von weiss über grünlich bis hin zu rötlich oder rötlichem Streifen entlang des Rückens. In ihrem letzen Entwicklungsstadium haben sie einen schwarzen Strich hinter dem Kopfteil.
  • Die frisch geschlüpften Larven bohren sich sofort in die Pflanze ein.
  • Es gibt 4 Larvenstadien, die alle versteckt in Blattminen oder in anderen Pflanzenteilen leben.
  • Die Verpuppung findet in kleinen Gespinsten an Blättern, in Minengängen, nach dem Abseilen im Boden oder vermutlich auch an der Gewächshauskonstruktion oder anderen Gegenständen statt.

Überwinterung

Die Tomatenminiermotte überwintert in unvollständig entwickelter Form (Ei, Larve, Puppe) und nimmt die Weiterentwicklung wieder auf, sobald günstigere Bedingungen herrschen. Die Minimaltemperatur bei der die Tiere aktiv sind beträgt 9° C, sie überdauern aber auch tiefere Temperaturen. Bisherige Erfahrungen zeigen, dass die Überwinterung in unbeheizten Folientunnels kaum möglich ist. In frostfrei gehaltenen oder sogar temperierten Gewächshäusern, zum Beispiel in der Jungpflanzenanzucht, können sie an Pflanzen, deren Resten sowie Früchten überleben.

Die Möglichkeit des Überwinterns einzelner Stadien von Tuta absoluta bei Temperaturen nahe oder sogar unter 0°C ist noch nicht abschliessend geklärt.

Weiterverbreitung

Die Ausbreitung über grosse Distanzen geschieht über befallene Pflanzenteile, vor allem Früchte oder Jungpflanzen. Die Möglichkeit, dass sich die Tiere von einem Verpackungsbetrieb, der Tomaten aus Spanien oder Marokko importiert, ausbreiten können, steigt mit zunehmender Temperatur. Es wird zudem vermutet, dass die Motten durch aktives Fliegen oder passives Sichtreibenlassen mit Hilfe von Windverwehungen viele Kilometer überwinden können.

Schaden

Ein Befall ist vom Sämling bis zur produktiven Pflanze möglich. Schäden treten vor allem durch Minierfrass der Larve an Blättern, Stängeln und Früchten auf. Die Larven fressen 2 bis 3 cm2 Grundgewebe (Mesophyll) aus dem Blatt, wobei die äusserste Blatthaut (Epidermis) bestehen bleibt. Die fleckenförmigen Frassstellen erscheinen daher durchsichtig. Der Kot der Larve ist körnig, schwarz und verteilt sich ungeordnet über die Mine. Die Larven können die Blattminen auch verlassen, um Stängel und Früchte zu befallen. Die Austrittslöcher bei den Früchten sind deutlich kleiner, als beim Baumwollkapselwurm und haben einen Durchmesser von 2 bis 3 mm. Die Frassgänge beginnen nach dem Befall zu faulen.

Im Frassbild und Aussehen der Larve und Puppe unterscheidet sich Tuta absoluta klar von der Tomatenminierfliege (Liriomyza byroniae). Deren Larve bildet kanalartige Gänge, in denen der Kot fadenförmig dem Verlauf der Mine folgt. Die Larve von Liriomyza ist madenähnlich, ohne erkennbare Beinpaare und ohne Kopfkapsel. Die Larve behält bis zum Verpuppen ihre weisslich cremige Farbe.

Ein starker Tuta absoluta Befall führt zu komplettem Blattsterben wie auch zur Missbildung der ganzen Pflanze nach der Minierung des Stammes und kann einen Totalausfall der Kultur zur Folge haben. Die Ertragsausfälle in Spanien und Lateinamerika sollen 30 bis 100 Prozent betragen, wenn nicht bekämpft wird. Der intensive Pflanzenschutzmitteleinsatz konnte eine Reduktion auf 2 bis 15 Prozent bewirken.

Abwehren statt direkt bekämpfen

Einzelne Gegenmassnahmen allein erzielen nur eine Teilwirkung. Prävention, Pflege des Nützlingsbestandes, Einsatz von Pheromon- und eventuell Lichtfallen sowie Pflanzenkontrollen sind nach heutigem Wissen Schlüsselfaktoren, um die Lücken in der Zulassung von Wirkstoffen zu schliessen und das Schadensrisiko der Miniermotte in Grenzen zu halten. Die nachstehenden Massnahmen stehen zur Verfügung.

Bei Befall in der Region, aber noch kein Befall auf dem eigenen Betrieb

  • Alles tun, um das Eindringen der Miniermotte in den eigenen Betrieb zu verhindern.
  • In Frankreich und Spanien wird dazu die Verwendung von Insektennetzen an den Lüftungen (9x6 Fäden pro cm2) und das Anbringen doppelter Türen mit Insektenschutznetzen in den Eingangsbereichen empfohlen.
  • Strikte Kontrolle der zugekauften Jungpflanzen auf allfälligen Befall.
  • Anbringen von Fallen zur Befallsbeobachtung in der Nähe der Eingänge zum Gewächshaus und in den nahen Arbeitsräumen. Die bisher zuverlässigste Überwachung erfolgt über Pheromonfallen, von denen zu diesem Zweck 2 bis 4 Stück pro Hektare im Gewächshaus ausreichen. Beim Fang der ersten Motten folgen dann häufigere Kontrollen auch im Bestand.
  • Abgeerntete Kulturen sofort vollständig abräumen und fachgerecht kompostieren. Keinee Tomatenpflanzen überwintern lassen.
  • Hygiene in und um die Gewächshäuser: keine überständigen Kulturen oder Ernteresten.
  • Unkräuter in den Gewächshäusern strikt entfernen (vor allem Schwarzer Nachtschattengewächse).
  • Keine Solanaceen im Gewächshaus überwintern (zum Beispiel Datura).
  • Tomatenpackbetriebe in der Nähe und Entsorgung von Abfällen (Früchte und Gebinde) überwachen. Keine gebrauchten Tomatengebinde aus südlichen Ländern wiederverwenden.

Bei Auftreten der ersten Miniermotten auf dem eigenen Betrieb

  • Durch das Entfernen befallener Pflanzenteile während der Arbeitsgänge (Clipsen, Ausbrechen, Entblättern, Absenken, Ernte) kann die Population, wirksam reduziert werden. Die betroffenen Pflanzenteile, Blätter wie Früchte, sollten luftdicht in Säcke verpackt und in die Müllverbrennung gegeben werden, denn die Larven können die Minen verlassen oder sich in den Früchten zur Motte entwickeln.
  • Einsatz von Pheromon-Klebefallen zum Massenfang: 3 bis 5 Fallen pro 1'000 m2 bei mässigem Befall und/oder 2 bis 3 Pheromon-Wasserfallen pro 1’000m2.
  • Nützlingseinsatz: Der Nützling Macrolophus ist ein wirksamer Gegenspieler der Tomatenminiermotte. Es sollte unbedingt Wert auf eine ausreichende Ausbringungszahl (1 bis 2 Stück pro m2), gute Etablierung und Aktivität dieses Nützlings gelegt werden. Gewarnt wird dagegen vor dem Einsatz von Nesidiocoris tenuis-Raubwanzen (wirksam in Spanien), da diese auch Saugschäden an den Pflanzen hervorrufen! Weitere Nützlingsarten sind in Abklärung.

Pflanzenschutzmittel

Neu sind Audienz und Delfin (Bt) gegen Tuta absoluta zugelassen. Informationen zu diesen Produkten sind in der Betriebsmittelliste zu finden.

Betriebsmittelliste (FiBL-Shop)

Alle vorbeugenden, abwehrenden Massnahmen haben weiterhin höchste Bedeutung in der Bekämpfungsstrategie gegen diesen Schädling.

Weiterführende Informationen

Bezug Fallen für Tomatenminiermotte

Biocontrol Andermatt AG, Strahlenmatten 6, CH-6146 Grossdietwil
www.biocontrol.ch

Weblinks

Tuta absoluta

Russell IPM

Wikipédia

Pressemitteilung von Agroscope, 29.07.2013 (1.2 MB)

Quellen für diesen Artikel

Lutz Collet, IAG Posieux, Schweiz, „Gmüesblatt“ KZG Bern 01/2010
Peter van Deventer, Plant Research International, Wageningen, The Netherlands, "Fruit&Veg Tech" (Vol.No.2 2009)

Martin Lichtenhahn

 

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 09.09.2013

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