Hans Rudolf Herren: «Man muss das Wirtschaftssystem revolutionieren»

(21.04.2015) 

An der Bio Suisse DV vom 15. April forderte Hans Rudolf Herren in seinem Referat eine radikale Umstrukturierung der Ernährungswirtschaft. Der Agrarökologe, Mitautor des Weltagrarberichts und Träger des «alternativen Nobelpreises» erklärt im Interview, wie er sich das vorstellt.

Bioaktuell: Bio boomt, viele springen auf den Zug auf. Wie kann man dafür sorgen, dass gerade mit den grossen Handels- und Verarbeitungsunternehmen, die einsteigen, sich die Biobranche in ihren Denkweisen und Strukturen nicht immer mehr den Konventionellen annähert?
Hans Rudolf Herren: Grundsätzlich ist es zu begrüssen, dass grosse Firmen einsteigen, solange sie sich nach den Prinzipien und der Philosophie des Biolandbaus richten. Es ist unbedingt nötig, dass der Markt wächst, so dass wir der Nachfrage nachkommen. Und diese Firmen eröffnen natürlich ein grosses Potenzial.

Aber sind diese auch bereit, eine so radikale Umstrukturierung der Ernährungswirtschaft mitzutragen, wie Sie sie fordern?
Das hängt nicht zuletzt von den Konsumenten ab. Diese müssen den Konzernen streng auf die Finger schauen. In den USA ist beispielsweise Kellog in den Biomarkt eingestiegen und lobt jetzt gewisse Produkte als Bio aus. Gleichzeitig hat sich die Firma politisch dafür eingesetzt, dass man Gentechnisch veränderte Organismen (GVO) weiterhin nicht ausweisen muss und GVO-Freiheit nicht einschränken darf. Das passt nicht zusammen. Wichtig ist, dass die Industrie bei der Weiterentwicklung der Richtlinien nicht mitreden darf, so dass die Bestimmungen nicht verwässert werden. Dafür müssen die Dachverbände wie die Internationale Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen (IFOAM) sorgen. Wichtig ist auch, dass die bisherigen Bioplayer mehr Marktpotenzial abdecken können. Die regionalen Märkte müssen stärker entwickelt werden, und darauf sind die grossen Firmen nicht eingestellt.

Sie fordern eine lokale Land- und Ernährungswirtschaft, aber auch Bioprodukte werden je länger je mehr über grosse Distanzen gehandelt. Was sagen Sie dazu?
Das geht nur weil die externen Kosten, das heisst die Umweltkosten, die durch den Transport entstehen, nicht in den Produktepreis integriert werden. Sonst wären nämlich beispielsweise die Biotomaten aus China nicht günstiger als die lokalen. Wir müssen unbedingt die Umweltkosten in die Produktepreise integrieren. Dann wären Bioprodukte nämlich auch günstiger als konventionelle.

Aber das geht nicht, ohne das ganze Wirtschaftssystem auf den Kopf zu stellen.
Ja. Das muss man machen.

Das ist politisch kaum durchsetzbar. Bräuchte es eine Revolution?
Ja. Wir brauchen eine wirtschaftliche Revolution. Volkswirtschaftlich wäre es sicher ein Gewinn, denn es könnten viele Umwelt- und Gesundheitskosten gespart werden. Es braucht eine Übergangsphase, welche mit Subventionen abgefedert werden. Die Ökonomen sollen das mal ausrechnen.

Wie sehen Sie den nächsten Entwicklungsschritt von Bio, der ja unter dem Stichwort «Bio 3.0» derzeit intensiv diskutiert wird?
Wir müssen jetzt durchstarten. Das Ziel muss 70 Prozent Marktanteil sein. Die nachhaltigen Entwicklungsziele der UNO, die derzeit basierend auf den Erkenntnissen des Nachhaltigkeitsgipfels «Rio plus 20» von 2012 diskutiert werden, sind eine grosse Chance. Alle Länder werden einen gewissen Anteil der Ziele erfüllen müssen. Der Biolandbau bietet in vielen Bereichen praktikable Lösungen. Deren Auswirkung beschränkt sich nicht nur auf die Landwirtschaft, sondern hat auch positive Effekte auf die Ernährung und die Gesundheit. Es geht nun darum, die Entscheidungsträger zu überzeugen, für diese Ziele auf den Biolandbau zu setzen und ihn entsprechend zu fördern. Bio Suisse muss hier jetzt aktiv werden. Der Schweizer Staat gibt 170 Millionen Franken für konventionelle landwirtschaftliche Forschung aus und nur 4 Millionen für die Biolandwirtschaft. Es müsste eigentlich umgekehrt sein!

Interview: Markus Spuhler


Hans Rudolf Herren (Jahrgang 1947 ) ist Insektenforscher, Landwirtschafts- und Entwicklungsexperte. Als Pionier in der biologischen Schädlingsregulierung bekämpfte er in den 1980er Jahren erfolgreich die Schmierläuse, die in Afrika das wichtige Grundnahrungsmittel Maniok bedrohten. Dies hat entscheidend dazu beigetragen haben, eine Hungersnot zu verhindern. Als erster Schweizer wurde Herren dafür 1995 mit dem Welternährungspreis und 2013 mit dem Right Livelihood Award ausgezeichnet. Letztere Auszeichnung erhielt Herren zusammen mit der Biovision – Stiftung für ökologische Entwicklung, die er 1998 gründete. Wikipedia/RS


Weiterführende Informationen

Hans Rudolf Herren (Webseite Bio Vision)

Hans Rudolf Herren (Wikipedia)

DV Bio Suisse: Nur noch Sorten züchten, die allen zugänglich sind (Meldung vom 16.04.2015)

Hinweis: Dies ist eine tagesaktuelle Meldung. Sie wird nicht aktualisiert.

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