Jedem Standort sein eigenes Getreide - weltweit

Dünger und Pestizide machen es heute möglich, auf der ganzen Welt die gleichen Nutzpflanzensorten und -arten anzupflanzen. Dies ist mit Pestizidbelastungen der Umwelt, Stickstoffüberschüssen, Verlust der Vielfalt und Qualität der Lebensmittel verbunden. Eine Alternative bieten Nutzpflanzensorten und -arten, die an einzelne Standorte angepasst sind.

(20.06.2017) 

Hier bietet sich das System der partizipativen Züchtung des Ehepaars Salvatore Ceccarelli und Stefania Grando an. Das heisst, es können in enger Zusammenarbeit von Forschung und Landwirtschaft schnell neue, standortangepasste Sorten für den Biolandbau entwickelt werden. Ceccarelli und Grando, ehemals Züchter am internationalen Forschungsinstitut ICARDA in Aleppo in Syrien, erzählten an einem Seminar am FiBL, wie sie vor mehr als dreissig Jahren erkannten, dass die meisten ihrer neu gezüchteten Sorten nach der Zulassung nicht angebaut wurden, sondern in einem Ordner im Verwaltungsbüro endeten.

Partizipative Züchtung = Bauern und Bäuerinnen in die Züchtung einbeziehen

Damit waren die beiden Forschenden nicht zufrieden und begannen, Bauern und Bäuerinnen in die Züchtungsprozesse mit einzubeziehen. Dabei zeigte sich, dass die neuen Sorten, die unter optimalen Anbaubedingungen gezüchtet wurden, nicht unbedingt für die extensiven Anbaubedingungen in Trockenregionen geeignet waren. Ausserdem wurde deutlich, dass die Bauern und Bäuerinnen unterschiedlich Ansprüche an die Sorten haben und nicht nur der Ertrag, sondern zum Beispiel auch die Verarbeitungseigenschaften ihrer traditionellen Gerichte entscheidend sind.

Daraufhin entwickelten sie neue Kreuzungen bei ICARDA und testeten gemeinsam die Nachkommenschaften an verschiedenen Standorten auf kleinen Versuchsflächen direkt bei den Bauern. Die Landwirte selektieren die besten Pflanzen für ihren Standort – und diese wurden für die weitere Zucht verwendet. So entstand mit der Zeit nicht nur eine enge Zusammenarbeit zwischen Forschung und Praxis, sondern auch eine Reihe von neuen Sorten, die an die lokalen Anbaubedingungen gut angepasst sind.

Erfolgsmodell breitet sich aus

Die züchterische Arbeit war so erfolgreich, dass die Tätigkeiten nach Jordanien, Iran, Ägypten, Algerien, Eritrea, Äthiopien und Jemen ausgedehnt werden konnten. Heute sind es Netzwerke wie «Rete Semi Rurali» in Italien oder das «Reseau Semence Paysanne» in Frankreich, die die Zusammenarbeit von Forschung und Landwirtschaft sicherstellen. Aus diesen gemeinschaftlichen Züchtungsprojekten sind aktuell 10 Weizensorten in Europa zugelassen und 35 weitere Anträge sind eingereicht.

Vielfalt ist der Schlüssel

Im Zentrum des Projektes steht die Überzeugung, dass genetische Vielfalt der Schlüssel für eine nachhaltige Landwirtschaft darstellt. Dabei reicht es nicht aus alte Sorten in Genbanken zu erhalten, sondern es müssen daraus neue Sorten entwickelt werden, die sich mittels gemeinschaftlicher Selektion an die lokalen Bedingungen vor Ort und den Klimawandels anpassen können. Heute ist Salvatore Ceccarelli Berater für Züchtungsprojekte. Im EU Projekt «Diversifood», in dem Pro Specie Rara und das FiBL Projektpartner sind, arbeitet er heute in Italien mit Landwirten und züchtet mit ihnen Getreide und Gemüse. Das FiBL unterstützt seit sechs Jahren partizipative Baumwollzüchtung in Indien und startete dieses Jahr zusammen mit der Sojazüchtung von Agroscope ein partizipatives Züchtungsprojekt für Soja in der Schweiz. Pro Specie Rara setzt sich seit vielen Jahren erfolgreich für die Erhaltung und Nutzung unserer Kulturpflanzensorten und Nutztierrassen und den freien Zugang von Landwirte und Gärtnern zu genetischen Ressourcen ein. BO


Ähnliches Thema

Jedem Boden sein Getreide (Rubrik Ackerbau)

Hinweis: Dies ist eine tagesaktuelle Meldung. Sie wird nicht aktualisiert.

Werbung