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Kannibalismus bei Schweinen – was tun?

Schweine, die sich gegenseitig verletzen, Schwänze fressen und an Ohren knabbern sind auch in der Bioschweinehaltung ein ernstzunehmendes Problem. An der FiBL-Schweinetagung in Frick führte eine Tierärztin den Kannibalismus auf verschiedene Faktoren zurück, die wichtigsten sind laut Suisag-Fachfrau schlechtes Stallklima und Fehler in der Fütterung.

«Verhaltensstörung multifaktorieller Herkunft», heisst es im Lexikon der Veterinärmedizin über den Kannibalismus unter Tieren, «Angehörige einer Gruppe fügen Artgenossen Verletzungen zu. Beim Schwein als Ohren- und Schwanzbeissen, Flankenbeissen sowie als Ferkelfressen ausgeprägt.» Das Phänomen kennt praktisch jede Schweinehalterin und jeder Schweinehalter, wobei es in der Mast häufiger auftritt als in der Zucht, einmal abgesehen vom Ferkelfressen.

Wirtschaftliche Verluste und Imageschäden

An der kürzlich abgehaltenen Schweinetagung in Frick versuchte die Tierärztin Stefanie Rossteuscher vom Suisag-Schweinegesundheitsdienst (SGD) den Ursachen auf den Grund zu gehen und gewichtete gleichzeitig die Bedeutung der Faktoren, die beim Auftreten des Phänomens eine Rolle spielen. Sie betonte, dass es sich beim Kannibalismus um eines der bedeutsamsten Gesundheitsprobleme in der modernen Schweinehaltung handelt. Die Folgen sind wirtschaftliche Einbussen wegen erhöhten Behandlungskosten, vermindertem Zuwachs und Abzügen am Schlachthof. Zudem droht jedes Mal ein Imageverlust für die Schweinebranche, wenn die wüst anzusehenden Auswirkungen des Kannibalismus publik werden.

Auch aus Tierschutzperspektive ist das Problem nicht zu unterschätzen. Einerseits leiden betroffene Tiere andererseits gibt es klare rechtliche Vorschriften, die den Umgang mit Kannibalismus-Verletzungen angeht: «Der die Tierhalter/in ist dafür verantwortlich, dass kranke oder verletzte Tiere unverzüglich ihrem Zustand entsprechend untergebracht, gepflegt und behandelt oder getötet werden», heisst es im Artikel 5 der Tierschutzverordnung.

Wenn Behandlung oder Notschlachtung ausbleiben, drohen weitere Komplikationen und zusätzliche Umtriebe im Schlachthof. Erleidet ein Tier durch Schwanzbeissen einen eitrigen Abszess im Rückenmark, muss dies auf dem Begleitdokument vermerkt werden, da ansonsten der Stillstand eines ganzen Schlachtband droht, wenn beim Trennen der Hälften der Eiter herumspritzt, mit den entsprechenden Kostenfolgen natürlich.

Ursachen und Lösungsansätze

Die Prävention und Verhinderung von Kannibalismus sind deshalb enorm wichtige Kostenfaktoren in einer rationellen und tiergerechten Schweineproduktion. Hier ein Überblick der möglichen Auslöser und Lösungsansätze:

Stallklima

Wenn dieses das Wohlbefinden der Schweine stört, sind sie gestresst, was den Auslöser für Angriffe auf die körperliche Integrität der Artgenossen sein kann. Es sind namentlich die folgenden Klimafaktoren, welche zu Kannibalismus führen:

  • Kälte- oder Wärmestress, besonders heikel ist die Abkühlung im Herbst.
  • Zu grosse Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht.
  • Kältebrücken, wie zum Beispiel eine kalte Wand.
  • Zugluft in unstrukturierten Einflächenbuchten ohne Windschutz.
  • Staunässe in Liegenestern in der kalten Jahreszeit.
  • Schadgase
  • Fliegenbefall

Lösungsansätze

  • Auf bevorstehende Wetterwechsel vorbereitet sein. Die Tiere in dieser Zeit genau beobachten.
  • Stalltemperatur zuverlässig messen, wenn nötig Temperatur anpassen, vor allem in Komfortbereichen. Der SGD bietet Klimamessungen für betroffene Betriebe an.
  • Zugluft ermitteln und vermeiden.
  • Bei zu hoher Schadgaskonzentration in der Stalluft die Frischluftzufuhr und allenfalls die Entmistungsfrequenz erhöhen.
  • Fliegen bekämpfen.

Fütterung

Die Fütterung ist laut Stefanie Rossteuscher der zweitwichtigste Risikofaktor. Hier sind es folgende Punkte, die Kannibalismus auslösen können:

  • Zu niedriger Nährstoffgehalt im Futter zur Sättigung der genetisch auf hohe Tageszuwachse getrimmten Masttiere.
  • Falsche Zusammensetzung des Futters, zum Beispiel zu tiefer Eiweissgehalt oder Mangel an Mineralstoffen und Spurenelementen.
  • Mykotoxine und andere Giftstoffe im Futter.
  • Zu wenig Fressplätze. Oft sind es Tiere, die nicht an den Trog gelangen, die dann von hinten die fressenden Schweine am Schwanz attackieren.
  • Mangelhafte Wasserversorgung.
  • Zu tiefe Fütterungsfrequenz.

Lösungsansätze

  • Energiegehalt und Zusammensetzung des Futters, bzw. der Ration überprüfen. Erster Ansprechpartner ist hier der Futtermittelberater oder –lieferant.
  • Rohfaserreiches Futter anbieten.
  • Mykotoxine und andere Giftstoffe ausschliessen.
  • Verhältnis Tier/Fressplatz überprüfen.
  • Häufiger oder ad libitum füttern.
  • Wasserversorgung überprüfen.

Fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten

Gemäss der Suisag-Veterinärin wird dieser Faktor eher überschätzt bei der Ursachenforschung für Kannibalismus.

Haltung

In diesem Bereich hat Stefanie Rossteuscher folgende Risikofaktoren ausgemacht:

  • Grössenunterschiede zwischen den Tieren zu gross.
  • Überbelegung der Buchten.
  • Fehlende Gestaltung der Buchten, keine räumliche Trennung zwischen Liege- und Kotbereich.

Lösungsansätze

  • Kleinere Gruppen, damit wird die Tierbeobachtung einfacher.
  • Reduktion der Tierzahl in betroffenen Buchten.
  • Strukturierung der Buchten mit Trennwänden, Sichtschutz einbauen.

Krankheiten/Umgang mit gebissenen Tieren

Durch Krankheiten geschwächte Tiere sind anfälliger auf Kannibalismus-Schäden. Kümmerer mit «Napoleonkomplex» sind laut Rossteuscher oft «kleine Beisser».

Lösungsansätze

  • Gebissene Tiere in Krankenbucht verlegen oder anderweitig absondern.
  • Hausmittelchen anwenden.
    Beispiele:
    - Tiere ablenken: Tannäste oder Brennesseln in die Bucht geben.
    - Rangkämpfe vermindern: Den Tieren eine stark riechende Flüssigkeit über den Rücken giessen.
    - Schwänze vergällen: Die (noch ganzen) Schwänze mit Chilipaste bestreichen.
  • Kümmerer nicht «durchschleppen».

Heikle Phasen

Besonders heikel im Hinblick auf Kannibalismus sind bestimmte Phasen im Mastschweineleben:

  • Absetzen
  • Einstallen der Mastjager.
  • Umstallungen
  • Umgruppierungen
  • Futterwechsel

Lösungsansatz

  • Laut Rossteuscher sollte man bei eingestallten Schweinen womöglich auf Umgruppierungen und Futterwechsel verzichten.

Zum Schluss erklärte die Veterinärin, dass Kannibalismus auch bei Einhaltung aller Vorsichtsmassnahmen weiterhin eine Herausforderung für die Schweinehalter bleiben werde. Es gebe keine Universallösung, sondern jeder Betrieb müsse individuell auf seine Situation reagieren.

Adrian Krebs

Weiterführende Informationen

 

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 06.01.2014

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