Unter den Betrieben, die ausschliesslich direkt vermarkten, gehört der Gemüsebaubetrieb Gfellerbio im waadtländischen Sédeilles zu den Grossen. Foto: Raphaela Graf, aus dem Buch
300 Personen gemeinsam gehört der Hof Radiesli, von dem das Buch den Namen hat. Sie bestimmen die Geschicke und helfen beim Pflanzen, Jäten, Ernten, Hühner misten und Taschen abpacken mit. Foto: Raphaela Graf, aus dem Buch
Vor 30 Jahren übernahm Dieter Weber den Hof in Liestal von seinen Grosseltern – und ist noch immer daran, sein System zu verbessern. Foto: Raphaela Graf, aus dem Buch
Geht nicht, gibt’s nicht auf dem Hof Silberdistel von Familie Bürgi im solothurnischen Holderbank. Was nicht vorhanden ist, wird gebaut, gezüchtet oder erkämpft. Foto: Raphaela Graf, aus dem Buch
Lange, zu lange, ist dieses Buch auf dem Schreibtisch liegen geblieben. Dies, obwohl der etwas rätselhafte Titel «Das Radiesli stimmt mich zuversichtlich» schon früh das Interesse geweckt hatte. Dieses Rätsel sei gleich als erstes gelöst, es handelt sich um ein Zitat einer Mitarbeiterin des solidarischen Landwirschaftsbetriebes Radiesli in Worb: «Immer wenn ich an der Gesamtweltlage zu verzweifeln drohe, stimmt mich das Radiesli zuversichtlich», lässt sich diese im Buch von Nicole Egloff zitieren.
Starke Bebilderung
Das Zweite, was auffällt, ist das starke Fotomaterial von Raphaela Graf. Der Band ist reich und sehenswert bebildert. Die Bildstrecken zwischen den Texten liefern der Leserschaft willkommene Erholungsphasen zwischen den Texten. Diese sind ausführlich und äusserst informativ, aber für Fans von Informationshäppchen nicht geeignet. Vielleicht hätte hie und da eine Infografik das Verständnis erleichtern können. Die Autorin, als ehemalige Mitarbeiterin von Pro Specie Rara eine Kennerin der Materie, geht der Sache nämlich auf den Grund. Man spürt es in den Texten, dass sie die zwölf porträtieren Betriebe nicht nur besucht, sondern dort auch angepackt hat.
Auf jedem der Höfe – einem pro Monat im Jahresverlauf - hat Nicole Egloff rund drei Tage verbracht. Dort hat sie handfeste Erfahrungen gemacht. Das fängt schon auf dem Betrieb Gfellerbio im waadtländischen Sédeilles an: «T'as envie de te salir les mains?» wird sie dort als erstes gefragt. «Hast du Lust, dir die Hände schmutzig zu machen?». Und ob sie Lust hat. Sie schleppt, erntet, rüstet, hirtet und verkauft auf dem Markt. Doch die Autorin belässt es nicht bei den detaillierten Beschrieben ihrer anpackenden Arbeit, sondern geht tiefer. Sie beschreibt die ökonomische Lage der Produzierenden, schält die Zielkonflikte hinaus und lässt die Bewirtschafter*innen in Interviews zu Wort kommen.
Landwirtschaft wird noch komplexer
Jeder Hof ist in kompakten Betriebsspiegeln abgebildet, im Abspann erklärt ein Glossar A wie Agroforst bis Z wie Zweinutzungshuhn die zahlreichen Begriffe einer Landwirtschaft, die durch all die neuen Betriebs- und Bewirtschaftungsformen eher noch komplexer geworden ist. Für Konsumierende ohne landwirtschaftlichen Background ist das Buch fast so etwas wie ein kleines Agronomiestudium; aber auch Expert*innen kommen ausreichend auf ihre Rechnung, wer weiss schon aus dem Stand, was Mosaiklandwirtschaft oder Bokashi genau bedeuten.
Die Auswahl der Betriebe ist breit. Porträtiert werden Quereinsteiger*innen ebenso wie generationenübergreifende Projekte, solidarische Landwirtschaft mit Patchwork-Modellen genauso wie klassische Familienbetriebe. Gemeinsam ist allen, dass sie biologisch wirtschaften und auf der Suche nach innovativen Bewirtschaftungsweisen zugunsten einer nachhaltigen und tierfreundlichen Zukunft sind. Schön fasst dies Matthias Hollenstein vom Betrieb Slow Grow zusammen: «Ich will ein System aushecken, das alle Umweltziele erfüllt, das multifunktional ist und bei dem Produktion und Naturschutz nicht mehr im Widerspruch zueinander stehen». Nicht umsonst betreiben er und seine Mitstreiter*innen ein HofLabor, wo sie praxisnahe Feldversuche durchführen.
Schwierig niederzulegen
Meister*innen des Mulchens und Controlled Traffic Farmers kommen im fast 300 Seiten dicken Buch ebenso zu Wort, wie Regenwasser-Sammelnde und Markt-Gärtner*innen. Einige der Betriebe sind in der Szene mehr als bekannt, etwa der Hof Silberdistel von Familie Bürgi, das Gut Rheinau oder der vielfach preisgekrönte Hof Adlerzart. Andere hatten noch etwas weniger Medienpräsenz, so wie Natürlich Schwarz in Tägerwilen oder Umami in Zürich. In allen Texten gibt es Neues zu entdecken, dabei werden auch Konflikte und psychologische Grenzlagen nicht ausgespart. Ein grosses Thema ist auch die Direktvermarktung samt ihren Tücken. Egloff zeigt auf, wieviel Arbeit hinter dem idyllischen Hofladen und dem gut assortierten Marktstand stecken. Adrian Müller vom FiBL und Jeanine Ammann von Agroscope runden das ganze in einem Interview wissenschaftlich ab.
Das sehr reichhaltige Werk lässt sich dank der guten Strukturierung komfortabel in Etappen lesen, ist aber zuweilen schwierig niederzulegen. Gerade für die Wintermonate ist es deshalb ein empfehlenswertes Buch.
Adrian Krebs, FiBL
Weiterführende Informationen
Das Buch auf der Verlagswebsite (rotpunktverlag.ch)
Das Buch auf der Website der Autorin (nicoleegloff.ch)
Webseiten der porträtierten Betriebe:
Gfellerbio (gfellerbio.ch)
Gut Rheinau (gutrheinau.ch)
Silberdistel (silberdistel-kost.ch)
Dusch (biohofdusch.ch)
Slowgrow (slowgrow.ch)
Obere Wanne (oberewanne.ch)
Katzhof (katzhof.ch)
Las Sorts (lasorts.ch)
Natürlich Schwarz (natuerlich-schwarz.ch)
Radiesli (radiesli.org)
Adlerzart (adlerzart.ch)
Umami (eat-umami.ch)
