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«Entscheidend ist, dass der gesamte Betrieb abgebildet wird»

Meldung  | 

Die Arbeitsgemeinschaft Obrecht zeigt, dass klimaneutrale Landwirtschaft in der Praxis möglich ist: Die Betriebe der beiden Familien verbinden Biofleischproduktion, Ackerbau, Photovoltaik und Wald und wirtschaften so rechnerisch klimaneutral. Andreas und Christian Obrecht berichten im Interview über die effizientesten Massnahmen und die Tücken verschiedener Bilanzierungsmethoden.

Gemeinsam sind die Betriebe von Andreas und Christian Obrecht klimaneutral. Foto: zvg

Der Betrieb von Andreas und Silvia Obrecht-Gadient mit gedeckter Güllengrube und Solaranlage. Foto: zvg

Der Betrieb Christian und Amelie Obrecht-Weber mit Solaranlage und Ackerbau für die menschliche Ernährung. Foto: zvg

Seit 1993 arbeiten die beiden Landwirtschaftsbetriebe von Christian und Amelie Obrecht-Weber sowie Andreas und Silvia Obrecht-Gadient eng zusammen. Drei Jahre später stellten sie gemeinsam auf Bio Suisse um. 2017 folgte eine grundlegende Neuausrichtung der Tierhaltung: von der Biomilchproduktion auf Mutterkuhhaltung.

Neben der Fleischproduktion spielt der Ackerbau eine zentrale Rolle. Auf rund 15 Hektaren bauen die Betriebe Getreide für die menschliche Ernährung an, darunter Weizen, Gerste, Roggen, Dinkel und Triticale. Mit ihrer Produktion können sie rechnerisch den Jahresbedarf von 772 Personen decken – deutlich mehr als der Schweizer Durchschnitt von rund 110 Personen pro Betrieb.

Im Rahmen des Projekts «Klimaneutrale Landwirtschaft Graubünden» wurden die beiden Betriebe mehrfach klimabilanziert. Unter Einbezug der landwirtschaftlichen Produktion, der eigenen Waldflächen sowie der Photovoltaikanlagen weist die Arbeitsgemeinschaft Obrecht rechnerisch eine negative Klimabilanz aus und wirtschaftet damit klimaneutral.

Konkrete Massnahmen des Betriebes

  • Reduktion von Methanemissionen durch die Abdeckung unserer Güllebehälter
  • Förderung des Humusaufbaus durch eine weniger tiefe und bodenschonende Bodenbearbeitung.
  • Gründüngung und Zwischenfutteranbau sowie eine möglichst ganzjährige Bodenbedeckung der Ackerflächen.
  • Ausdehnung der Weidehaltung, was sowohl den Humusaufbau fördert als auch Stickstoffverluste reduziert.
  • Flächendeckender Einsatz des Schleppschlauchverfahrens bei der Gülleausbringung.
  • Rasche Einarbeitung von Mist im Ackerbau kurz nach der Ausbringung zur Verringerung von Emissionen.
  • Mikrobielle Karbonisierung als Mistkompostmethode nach Walter Witte.
  • Einsatz effektiver Mikroorganismen (EM) beim Silieren, in der Gülle sowie zur Vernebelung im Laufstall.
  • Zugabe von Pflanzenkohle in der Fütterung zur Verbesserung der Nährstoffbindung und Emissionsminderung.
  • Konsequente Trennung und das Recycling von Plastikfolien.

Sie sind seit fünf Jahren Teil des Projekts «Klimaneutrale Landwirtschaft Graubünden». Welche zentralen Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Andreas und Christian Obrecht: In dieser Zeit haben wir ein fundiertes Verständnis dafür entwickelt, wie Klimagase in der Landwirtschaft entstehen und an welchen Stellschrauben angesetzt werden kann. Besonders wertvoll war der kontinuierliche Austausch mit den anderen Pilotbetrieben. Dieser Erfahrungsaustausch hat wesentlich dazu beigetragen, praxisnahe und realistisch umsetzbare Lösungen zu entwickeln.

Welche Massnahmen hatten auf Ihren Betrieben den grössten Effekt?

Ein besonders grosser Schritt war die Abdeckung des Güllensilos, durch die jährlich rund 12 Tonnen CO₂-Äquivalente eingespart werden können. Zudem speichert das verbaute Holz einmalig rund 6,5 Tonnen CO₂. Sehr wirksam ist auch die Mistkompostierung, welche Emissionen reduziert und gleichzeitig die Nährstoffeffizienz verbessert. Ergänzend leisten Gründüngung, Zwischenfruchtanbau und eine schonende Bodenbearbeitung einen wichtigen Beitrag zum Humusaufbau.

Gemäss Ihrer Bilanzrechnung wirtschaften Ihre Betriebe klimaneutral. Wie kommen diese Ergebnisse zustande?

Unsere Betriebe wurden von mehreren Stellen klimabilanziert, jeweils mit unterschiedlichen Systemgrenzen. Für uns ist entscheidend, dass der gesamte Betrieb abgebildet wird – also Landwirtschaft, Waldwirtschaft und eigene Energieproduktion. Die Klimabilanzierung nach dem World-Climate-Farm-Standard bildet diese Gesamtsicht aus unserer Sicht am vollständigsten ab. Unter Berücksichtigung von Wald und Solarstrom weisen unsere Betriebe insgesamt eine negative Klimabilanz aus.

ProduktionsartNettoemission t Co2e/Jahr
Landwirtschaftliche Produktion284.535
Forst/ Wald-233.161
Klimabilanz Landwirtschaft51.374
Solarstromproduktion-134.320
Bilanz Gesamtbetrieb-82.946

Kritiker bemängeln die Abhängigkeit von Klimabilanzen von den Rechenmodellen. Wo sehen Sie deren Grenzen?

Die Systemgrenzen und Bewertungsansätze sind tatsächlich nicht einheitlich. Ein zentraler Punkt ist die Bewertung von Methan. Aktuell wird meist noch mit dem GWP100-Modell gerechnet, das die Klimawirkung von Methan aus unserer Sicht überschätzt. Das GWP*-Modell würde die Besonderheiten von Wiederkäuersystemen besser berücksichtigen. Hier besteht klarer Weiterentwicklungsbedarf.

Welche Tipps geben Sie Betrieben, die klimafreundlicher wirtschaften wollen?

Wer sich vertieft mit dem Thema auseinandersetzt, wird automatisch zum Experten für den eigenen Betrieb. Dieses Wissen hilft, gezielt jene Massnahmen umzusetzen, die zum Betrieb passen. Wichtig ist eine ehrliche Analyse der eigenen Voraussetzungen sowie der Mut, schrittweise Veränderungen anzugehen.

Text und Interview: Sandro Michael, Bündner Bauernverband, gekürzt durch Corinne Obrist, FiBL

Weiterführende Informationen

Hinweis: Dies ist eine tagesaktuelle Meldung. Sie wird nicht aktualisiert.

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