Laut Lukas Baumgart, der am FiBL für Nachhaltigkeitsbewertung zuständig ist, trägt die Produktion von Obst und Gemüse im Vergleich zur tierischen Erzeugung nur in Begrenztem Umfang zur Klimawirkung der Landwirtschaft bei. «Der überwiegende Anteil der landwirtschaftlichen Treibhausgasemissionen entsteht in der Fleisch- und Milchproduktion», so Baumgart. Gleichzeitig betonte er, dass Nachhaltigkeit nicht auf Klimafragen reduziert werden dürfe. Sie umfasse ebenso soziale, ökologische und ökonomische Aspekte.
Mit der Agrarpolitik 2030+ bewege sich die Schweiz auch in Richtung Ergebnisorientierung. In diesem Zusammenhang würden auch direktzahlungsrelevante Nachhaltigkeitstools diskutiert, erklärte Baumgart. Parallel dazu setze sich die Branche eigene Ziele: So hat der Schweizer Gemüsebau beschlossen, bis 2040 alle Gewächshäuser fossilfrei zu beheizen. Für den einzelnen Betrieb werde es jedoch immer schwieriger, ohne entsprechende Nachhaltigkeitsnachweise Zugang zum Markt zu behalten oder sich darin zu differenzieren.
Eine Flut von Tools
Doch sobald es um die konkrete Ausweisung von Nachhaltigkeit geht, wird es unübersichtlich. Lukas Baumgart versuchte, etwas Ordnung ins Dickicht der bestehenden Nachhaltigkeitstools zu bringen. Während einige Anwendungen ausschliesslich die Umweltdimension abbilden – etwa klassische Ökobilanzen –, beziehen Multikriterienbewertungen wie SMART-Farm (FiBL) oder RISE (HAFL) auch soziale und ökonomische Kriterien mit ein.
In der Praxis erweisen sich diese Instrumente jedoch oft als wenig praxistauglich. Reto Sager von Rathgeb Bio berichtete von den Erfahrungen des Betriebs mit einer SMART-Analyse im Jahr 2020. Nach einem mehrstündigen Besuch einer externen Fachperson erhielt der Betrieb einen umfangreichen Analyse-Bericht mit detaillierten Zielerreichungsgraden zu zahlreichen Unterthemen. Aufgrund der hohen Komplexität und fehlender konkreter Handlungsempfehlungen für den Betriebsalltag verschwand der Bericht letztlich in der Schublade.
An der Betriebsrealität vorbei gemessen?
Dass sich SMART nur bedingt für die Beratung einzelner Betriebe eignet, bestätigte auch Lukas Baumgart: «SMART ist als Vergleichstool für die Forschung entwickelt worden.» Er stellte an der Tagung die neu vom FiBL entwickelte Applikation MeinHofKompass vor. Im Unterschied zu SMART ermögliche diese eine Nachhaltigkeitsbewertung des eigenen Betriebs «am Stubentisch». Auf Basis eines Selbstchecks erhalten die Nutzer*innen anschliessend gezielt auf ihre Ergebnisse abgestimmtes Informationsmaterial und Möglichkeiten zum digitalen Austausch.
Unabhängig vom eingesetzten Tool war die Skepsis unter den anwesenden Biogemüseproduzent*innen deutlich spürbar. Einerseits vereinfachten die Modelle die Realität und könnten der betrieblichen Komplexität nur bedingt gerecht werden. Andererseits sei für die Anwender*innen oft wenig transparent, wie die Bewertungen zustande kämen. Die Gewichtung der einzelnen Kriterien liege bei den Tool-Entwickelnden – und das Resultat hänge entsprechend stark von den zugrunde liegenden Annahmen ab.
Mehrere Teilnehmende äusserten zudem die Sorge, dass immer neue Anforderungen und Programme vor allem eines bewirken könnten: zusätzliche Bürokratie. Im Extremfall müsse ein Betrieb am Ende gleich mehrere Nachhaltigkeitsprogramme parallel erfüllen. «Wieso reicht die Knospe nicht als Zeichen für Nachhaltigkeit?», lautete eine Frage aus dem Publikum an Bio Suisse.
Druck kommt vom Markt
Andreas Bisig, Leiter der Abteilung Märkte bei Bio Suisse, zeigte Verständnis für die Anliegen der Produzent*innen. «Auch Bio Suisse würde es begrüssen, wenn die Knospe als Nachhaltigkeitsnachweis ausreichen würde», betonte er. Gleichzeitig steige jedoch der Druck seitens des Detailhandels, Emissionsfaktoren für einzelne Produkte ausweisen zu können.
Bio Suisse setze sich deshalb dafür ein, den zusätzlichen Aufwand für die Betriebe möglichst gering zu halten. Das neue Datenportal My Bio Suisse funktioniere nach dem sogenannten Once-only-Prinzip: Daten sollen nur einmal erfasst werden. Ab Dezember wird dort auch der gemeinsam mit IP-Suisse entwickelte Klimacheck verfügbar sein. Dieser umfasst 25 Klimaschutzmassnahmen und soll die Klimaleistungen der Betriebe sichtbar machen – ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Klimaziel Netto-Null bis 2040 von Bio Suisse.
Plädoyer für konstruktive Mitarbeit
Die Diskussion an der Tagung machte deutlich, dass viele Zielvorgaben nicht primär aus der Landwirtschaft selbst stammen. Vielmehr sind es die Nachhaltigkeitsstrategien der Retailer, die den Druck auf die Produzent*innen erhöhen. Christian Gerber, Vorsitzender der Fachgruppe Biogemüse, plädierte trotz dieser Diskrepanz für eine konstruktive Haltung: «Bio Suisse hat mit dem Klimacheck einen praktikablen Ansatz gesucht. Nun müssen wir uns fragen: Unterstützen wir Bio Suisse oder stellen wir uns quer?»
Entscheidend sei es, pragmatische Lösungen zu finden und sich auf das Machbare zu einigen – mit dem Ziel, die Interessen der Biogemüsebranche möglichst geschlossen und wirkungsvoll zu vertreten.
Corinne Obrist, FiBL
Weiterführende Informationen
MeinHofKompass (meinhofkompass.ch)
Nachhaltigkeit (ganze Rubrik)
Gemüsebau (Rubrik Pflanzenbau)
