Seit dem 1. März 2025 führt ihr die Geschäftsstelle von Bio Suisse in Co-Leitung. Eure erste Zwischenbilanz?
Balz Strasser: Unsere Zusammenarbeit ist sehr fruchtbar und inspirierend. Ein grosser Vorteil ist, dass wir unsere Aufgaben thematisch aufgeteilt haben. Zum Beispiel ist Rolf näher bei den Märkten, ich näher bei der Digitalisierung. So können wir unsere Erfahrungen und unser Know-how gezielt für den Verband einbringen. Bei komplexen Herausforderungen reflektieren wir gemeinsam und kommen schneller zu besseren Lösungsvorschlägen, die wir dann in der Geschäftsleitung besprechen.
Rolf Bernhard: Unsere Co-Leitung lässt zudem Raum für innovatives Denken. Oft sind das Impulse und Gedanken aus der Basis, die wir aufnehmen und weiterspinnen. Hat etwas Potenzial, können wir auch gleich einen Prozess anstossen.
2026 ist der Startschuss für die Strategie 2030 gefallen. Unter anderem sollen die Mitglieder von Bio Suisse mehr Nutzen haben. Welche Rolle spielt hier das neue Portal «My Bio Suisse»?
R.B.: Als Verband möchten wir so effizient wie möglich funktionieren und die besten Dienstleistungen erbringen. Mit «My Bio Suisse» lancieren wir ein digitales Portal, dank dem wir mit unseren Produzentinnen und Partnern einfacher und schneller kommunizieren können. So können wir uns wieder darauf konzentrieren, uns inhaltlich zu verbessern, statt uns administrativ zu verlaufen. Zudem ist die Digitalisierung auf vielen Höfen bereits enorm fortgeschritten. Da müssen wir Lösungen bieten, um Prozesse zu vereinfachen.
B.S.: Wir stehen noch am Anfang. Aktuell werden bestehende Prozesse ins Portal «My Bio Suisse» gezügelt. Später sollen laufend neue Dienste angeboten oder bestehende ausgebaut werden. So könnte es künftig im Biodiversitäts- und Klimacheck möglich sein, die eigenen Leistungen mit Durchschnittswerten ähnlicher Betriebstypen zu vergleichen und sich so zu verbessern. Aber auch für die Marktbearbeitung und -transparenz wird das Portal Vorteile bringen.
Was für Vorteile?
R.B.: Wenn es zum Beispiel von bestimmten Produkten zu viel oder zu wenig gibt, können wir die Produzentinnen und Produzenten gezielt über die Marktveränderungen informieren. Das kann etwa bei der Planung der Fruchtfolge helfen und neue Möglichkeiten eröffnen. Damit unterstützen wir den Handel und den Absatz.
Die Absatzförderung, die Positionierung der Knospe und die Steigerung des Biokonsums sind wichtige strategische Ziele. Die Mitgliedorganisation Biofarm fordert, dass der Verband hier explizit Schweizer Knospe-Ware bevorzugt.
R.B.: Wir nehmen das Anliegen sehr ernst. Die Priorisierung der Inlandproduktion und -verarbeitung ist ja bereits in den Richtlinien verankert. Umso mehr haben wir uns gefragt: Wie können wir Schweizer Knospe-Produkte noch besser positionieren? Mit Biofarm haben wir bereits Pflöcke eingeschlagen. So konnten wir etwa beim Biospeisehafer die Marktpartner mit unseren Mehrwerten davon überzeugen, mehr Schweizer Hafer zu kaufen, und so den hiesigen Anbau ausbauen und von Import- auf Inlandware umstellen. Ähnliches passiert gerade bei anderen Kulturen wie den Biosonnenblumen für die Ölherstellung oder dem Biogetreide für Brot, wo wir schon länger eng mit Coop zusammenarbeiten. Das ist Teil unseres Kerngeschäfts: In einem Markt, der anspruchsvoller geworden ist, die Mehrwerte der Schweizer Produktion in den Mittelpunkt zu stellen und zu vermitteln.
B.S.: Was die Betriebe anbauen, müssen sie auch absetzen können. Da helfen uns unsere guten Beziehungen bis hinauf in die Chefetagen der Marktpartner. Ich würde sogar sagen, dass diese Beziehungen teilweise mehr bringen als eine scharfe Richtlinie. Umso wichtiger ist es, dass wir mit den Partnern gemeinsam definieren, wohin wir mit Bio wollen.
Gute Beziehungen sind auch nötig, wenn Bio Suisse den Biomarktanteil bis 2030 von 12 auf 15 Prozent steigern will.
B.S.: Das stimmt, denn erst wenn der Detailhandel, und das sind nicht nur die zwei Grossen, mehr Schweizer Bioprodukte will, entsteht in der Produktion ein Sog.
Gilt das auch für andere Absatzkanäle wie die Gemeinschafts- oder Systemgastronomie?
B.S.: Natürlich. Wenn zum Beispiel eine Restaurantkette beschliesst, gewisse Produkte wie Gemüse oder Fleisch ganz auf Bio umzustellen, dann hat das entsprechende Auswirkungen auf die Lieferanten und die Betriebe. Ein einziger Entscheid eines grossen Players im Lebensmittelbereich kann bedeuten, dass wir plötzlich zehn neue Umsteller haben – ohne dass wir als Bio Suisse involviert gewesen wären.
Wie sieht es bei den Convenience-Stores, Kiosken und Take-aways aus?
R.B.: Es gibt jährliche Gespräche mit diversen Marktteilnehmern. Wir sind offen für Kooperationen und nutzen jede Gelegenheit, um Schweizer Bioprodukte in weitere Handelskanäle zu bringen. Topstandorte wie Bahnhöfe und Flughäfen sind da besonders interessant. Um neue Märkte zu erschliessen, müssen wir aber mehr auf Ebene Sortiment denken.
B.S.: Zum Beispiel können wir eine Ladenkette dabei unterstützen, in Kooperation mit einem Verarbeitungsbetrieb eine exklusive Linie von 20 Bioprodukten zu entwickeln, zu testen und bei Erfolg dauerhaft anzubieten. Damit fördern wir auch Kleinindustrien und Manufakturen, die weniger die Möglichkeit haben, mit Migros oder Coop zusammenzuarbeiten. Da haben wir noch Potenzial.
Aber hat das Wachstum auch Grenzen? Die Zahl der Biobetriebe und die Biofläche sollen zunehmen. Wie viel Bio kann der Markt aufnehmen?
R.B.: Das muss man in einem grösseren Kontext betrachten. Bio ist ein resilientes Produktionssystem, das sich an die ändernden Klima- und Umweltbedingungen anpasst und auch unter schwierigen Anbaubedingungen langfristig einen Beitrag an die Ernährungssicherheit leistet. Gerade in Misserntejahren, etwa 2024 beim Getreide, war Bio verlässlich und nicht viel tiefer als andere Produktionsrichtungen. Das Biosystem verursacht zudem keine oder nur wenige externe Kosten. Stattdessen leistet es viel für Natur, Biodiversität, Klima und Ressourcenschutz. Wenn man nun bedenkt, dass gemäss Bundesamt für Landwirtschaft der Schweizer Biowarenkorb für eine vierköpfige Familie pro Monat nur 65 bis 70 Franken mehr kostet als der Nicht-Biowarenkorb, dann ist Bio kein Hochpreissegment. Bio ist für alle da.
Trotzdem hört man regelmässig, Bio müsse günstiger werden. Der Preiskampf verunsichert viele Produzentinnen und Produzenten.
B.S.: Unsere Richtlinien verlangen faire Handelsbeziehungen. Wenn Produzentenpreise nicht mehr kostendeckend sind, erfahren wir das schnell. Dann suchen wir mit den Marktpartnern das Gespräch. Oft erreichen wir damit eine Verbesserung oder klären Missverständnisse. Die Sicht des Handels zu kennen, fördert zudem das Verständnis, sodass wir auch als Vermittler agieren können.
Vermittlung braucht es auch in der Politik. Was läuft da?
R.B.: Als Bio Suisse generieren wir Lösungen für eine nachhaltige Landwirtschaft und räumen Steine für die Biobetriebe aus dem Weg. Wir engagieren uns in vielen Bereichen, etwa in der Pflanzen- und Tierzucht oder für einen gentechnikfreien Biolandbau. Das machen wir einerseits mit politischen Vorstössen, die wir über Politikerinnen und Politiker ins Parlament bringen. Andererseits sind wir in sehr vielen Arbeitsgruppen an der Erarbeitung der Agrar- und Ernährungspolitik AP30+ aktiv beteiligt, um die Rahmenbedingungen für Bio positiv mitzugestalten. Um uns in dieser anspruchsvollen Phase gezielt aus Sicht Produktion einzubringen, haben wir bei Bio Suisse auch zeitgerecht in eine Co-Leitung Politik investiert.
Wichtigster Rahmen bleiben aber die Richtlinien von Bio Suisse. Laut Strategie 2030 sollen diese optimiert werden. Was heisst das?
B.S.: Wir wollen zum einen die Komplexität reduzieren: Man soll künftig schneller eine klare Antwort erhalten auf die Frage, was man darf und was nicht. Zum anderen wollen wir die Bedürfnisse unserer Basis und der Lizenznehmenden besser abbilden, dabei aber für die Glaubwürdigkeit der Knospe weiterhin «streng» bleiben, nur so können wir uns differenzieren. Wir hoffen, dass es uns gelingt, all dies unter einen Hut zu bringen.
Interview: René Schulte, Bio Suisse
Dieses Interview erschien im Bioaktuell 1|26.
Weiterführende Informationen
Bioaktuell Magazin (Rubrik Magazin)
Bio Suisse (bio-suisse.ch)
