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Die einfachste Lösung gegen die Verbuschung der Alpen: Engadinerschafe

Das grossflächige Überhandnehmen der einheimischen Grünerle in der Bergwaldzone hat grosse, negative Auswirkungen wie Abnahme der Biodiversität, Nitratauswaschung, Lachgasabgabe, reduzierter Lawinenschutz, verhinderte Rückkehr von Waldbäumen und führt zu einem unattraktiven Landschaftsbild. Eine gezielte Beweidung mit Engadinerschafen kann diese Entwicklung stoppen und das verbuschte Land wieder öffnen.

In den vergangenen Dekaden haben sich Sträucher in der Arktis, den europäischen Alpen wie auch in anderen Gebirgssystemen durch Landnutzungsänderungen und Klimaerwärmung (Arktis) stark ausgebreitet. Die sich in den Europäischen Alpen am stärksten ausbreitende Strauchart ist die Grünerle (Alnus viridis). Diese einheimische Strauchart wächst unheimlich schnell und bildet 2 bis 3 Meter hohe Kronen mit bogig aufsteigenden Ästen aus sich teilweise klonal ausbreitenden Wurzelstöcken. Sie produziert Unmengen von Flugsamen, abgeschnittene Äste bewurzeln sich rasch und ihre wohl wichtigste Eigenschaft hinsichtlich Lebenskraft und Wachstumsgeschwindigkeit ist ihre Fähigkeit zur Stickstoff-Fixierung. 

Die Grünerle wandelt dank der Symbiose mit Frankia- Bakterien enorme Menge an Luftstickstoff (N2) in anorganische Stickstoffverbindungen um. Grünerlen können deshalb nicht mehr genutztes Grasland rasch überwuchern. Einzelne Grünerlengebüsche sind in einer offenen, strukturreichen Landschaft durchaus ein bereicherndes Landschaftselement. Überziehen Grünerlengebüsche ganze Talflanken in den Alpen hat dies negative Auswirkungen: Biodiversitätsverlust, Nitratauswaschung und Lachgasabgabe, reduzierter Lawinenschutz, keine Rückkehr von Waldbäumen, unattraktives Landschaftsbild und stark eingeschränkte Optionen für eine landwirtschaftliche Nutzung (Bühlmann et al. 2016, 2017). Entsprechend gilt auch hier der berühmte Satz von Paracelsus: «Die Dosis macht das Gift»! Das grossflächige Überhandnehmen der Grünerle hat oft eine historische Ursache. Montane Wälder wurden zur Gewinnung von Landwirtschaftsland und Bauholz abgeholzt (im Urserntal im 11. Jahrhundert) und als Weide und Wiesen jahrhundertelange genutzt; sie sind somit ein Kulturprodukt. Infolge des Strukturwandels in der Landwirtschaft wurde diese Nutzung reduziert oder ganz aufgegeben. In den Schweizer Alpen hat der Gebüschwald, welcher zu 70 Prozent aus Grünerlen besteht, zwischen 1993/95 und 2009/17 um rund ca. 20 Prozent zugenommen (LFI2- LFI4; Brändli et al. 2020). Schon in den Jahrzehnten davor hat die Grünerlenverbuschung massiv zugelegt: im Urserntal zwischen 1965 und 2004 um über 50 Prozent (Wettstein 1999, van den Bergh unveröff.). In den letzten Jahren nahmen die Grünerlen vor allem >1 800 m ü. M. zu. «Zum Glück» liegen über zwei Drittel des Urserntals (227 km2) oberhalb der klimatischen Baumgrenze, sonst wäre die Verbuschung noch ausgedehnter. 

Möchte man diese Entwicklung der Grünerlenverbuschung stoppen oder rückgängig machen, ist das «tierisch einfach» dank des Engadinerschafes. Das Engadinerschaf ist eine robuste Rasse und schält im Frühjahr die Rinde von den Grünerlen. Die Analyse von Grünenerlen-Rinde zeigt im Frühjahr deutlich höhere Konzentrationen an einfachen Zuckern (Glukose, Fruktose und Saccharose), aber tiefere Konzentration an Stärke auf. Deshalb schmeckt die Rinde dem Engadinerschaf süss und saftig! Gegen Herbst wird das Abschälen der Rinde weniger und zu diesem Zeitpunkt beginnt die Stärkekonzentration zu überwiegen. 

Das Engadinerschaf verletzt mit dem Schälen die Grünerlen genau dort, wo es am effektivsten ist. Durch das Abziehen der Rinde, Verletzung des Kambiums und des darunterliegenden Holzkörpers ist «Tür und Tor» für weitere Schadorganismen geöffnet, die Grünerlenäste treiben nicht mehr aus, vertrocknen und sterben ab. Werden die Grünerlenäste hingegen geschnitten, wird diese gut gemeinte Massnahme spätestens im Folgejahr zunichtegemacht, weil alle – inklusive die schlafenden – Knospen austreiben und die Gebüsche dichtere Kronen bilden. Durch das Abfressen der Blätter der Grünerlen (bis zu 100 Prozent Kahlfrass), egal durch welches Weidetier oder Insekt, wird die Grünerle nicht geschädigt. Das Engadinerschaf eignet sich, um auch sehr dichte Grünerlenbestände zu öffnen. Im direkten Vergleich sind die Verbissraten an den Grünerlen durch Engadinerschafe um ein Vielfaches – nämlich über sieben Mal höher – als durch Ziegen (Pauler et al. 2022). Ziegen brauchen oftmals mehr Betreuungspersonal. Personal, welches in der heutigen Landwirtschaft fehlt. Deshalb sind Engadinerschafe für das Zurückdrängen der Grünerlen die effizientesten Weidetiere! Angesichts der besonderen Fleischqualität überzeugt die Vermarktung des Engadinerschafes als besonderes Nischenprodukt – inklusive Landpflege!

Das Projekt

Das Projekt im Urserntal verfolgte zwei Ziele: 

  • Beweidungsprojekt mit Engadinerschafen auf einer grösseren, räumlichen Skala über mehrere Jahre, um praxisrelevante Erfahrungen zu gewinnen. 
  • Schaffung einer lokalen Wertschöpfungskette durch den Verkauf von Lamm- und Schaffleisch in dem neu entstandenen Tourismusressort in Andermatt. 

Im Urserntal ist die Korporation Ursern der Hauptlandbesitzer, sie erlaubt und regelt die landwirtschaftliche Nutzung, inklusive diejenige des Sömmerungsgebietes. Der Kanton Uri (Amt für Forst und Jagd) stuft Gebüschwald als Wald ein, obwohl Grünerlengebüsche nicht die Funktionen eines Waldes erfüllen (vgl. Revision des Eidg. Waldgesetzes; «qualitativer Waldbegriff »). Die Westhänge des Gamsbodens (Richtung Gotthard) wurden für das Beweidungsprojekt ausgewählt, umfassen rund 30 Hektare verbuschtes Gelände und wurden in sieben Parzellen unterteilt. Im ersten Jahr (2017) wurden rund 20 Hektare (fünf Parzellen) mit rund 190 Engadiner bestossen. In den Folgejahren wurde die Herde auf rund 300 Engadinerschafe erhöht. 

Es wurden zwei verschiedene Monitoring-Ansätze für die Erfolgskontrolle der Beweidung gewählt: 

  • Ausmessen von Schäden an Grünerlenästen in 2 m x 20 m-Transekten in den Parzellen. 
  • Wiederholte Drohnenüberflüge der Flächen (ca. 60 Hektare). Das Monitoring im Gamsboden wurde von 2017 bis 2020 durchgeführt. Weil Steinadler die Drohne vermehrt angriffen und «vom Himmel» holten, mussten die Drohnenflüge 2020 reduziert werden. 

Zwischen 2017 und 2020 wurden insgesamt 17 627 Grünerlenäste hinsichtlich Frass- bzw. Schälspuren durch die Engadinerschafe, aber auch bezüglich Vitalität des Astes (lebend, absterbend, tot) beurteilt. Bereits nach der ersten Beweidungssaison mit «nur» 190 Engadiner wurden Schälspuren an rund 16.7 Prozent der Grünerlenäste festgestellt (Abbildung 1A und 1B). Bei der letzten Erfassung (2020) zeigten 38.5 Prozent der untersuchten Äste Frassspuren und fast 50 Prozent der Grünerlenäste waren tot oder am Absterben (Abbildung 2). Auf Landschaftsebene konnte das Zurückdrängen der Grünerlen-Verbuschung eindrücklich mit den Drohnenfotos aufgezeigt werden. Auch sehr dichtes Grünerlengebüsch wurde nach drei bis vier Jahren Beweidung durch die Engadinerschafe geöffnet. 

Das Projektziel, auf grösserer räumlicher Skala die Effizienz der Engadinerschafe als Landschaftspfleger gegen die Grünerlenverbuschung aufzuzeigen, wurde vollumfänglich erfüllt! Die lokale Wertschöpfungskette konnte nicht genügend umgesetzt werden, weshalb das Projekt nach wie vor auf Unterstützung von aussen angewiesen ist. Und trotz der massiven Verbuschung des Urserntals ist das Projekt seit 2020 auf der Suche nach weiteren verbuschten Flächen! 

Fazit

Die Verbuschung von Weiden und Wiesen durch Grünerlen kann durch zwei bis drei Beweidungsdurchgänge mit Engadinerschafen gestoppt werden! Die Richtgrösse von 300 Engadinerschafen pro 30 Hektare verbuschtes Gelände hat sich als sehr praxistauglich erwiesen. Angesichts der Widerstandskraft der Grünerlen sollten nach rund drei Beweidungssaisons mindestens 30 bis 40 Prozent der Grünerlenäste Schälschäden aufweisen, um die Verbuschung auf Landschaftsebene effizient zurückzudrängen. 

Erika Hiltbrunner

Dieser Artikel ist im Kleinwiederkäuer Forum Nr. 5 / 2025 erschienen.

 

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 23.03.2026

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