Weshalb ist die Sortenwahl im Gemüsebau so bedeutend?
Martin Koller: Grundsätzlich verkauft sich auch Biogemüse, besonders im Detailhandel, immer über das Aussehen. Eine Sorte muss also nicht nur robust sein, sondern auch marktfähig im Bezug auf die äussere Qualität. Resistenzen und Toleranzen gegenüber Krankheiten und Umweltstress sind dabei besonders wichtig. Saatgut mit neuen Resistenzen ist oft teurer, aber diese Investition lohnt sich, weil sie höhere Ausbeuten und stabilere Erträge ermöglicht. Besonders bei Direktsaatkulturen brauchen wir Sorten mit starkem und schnellem Feldaufgang, die auch unter schwierigen Bedingungen zuverlässig wachsen.
Welche Rolle spielen regionale Herkunft und Klimaanpassung?
Martin Koller: Regionalität ist aus Marktsicht und bei den Grossverteilern oft nicht das primäre Kriterium. Entscheidend für unsere Produzent*innen ist, dass wir zum richtigen Zeitpunkt die passende Sorte einsetzen. Die zunehmenden heissen Sommer machen die Auswahl noch kritischer. Manche Sorten kommen mit Trockenheit oder starker Sonneneinstrahlung nicht klar. Wir brauchen daher ein breites Sortiment von verschiedenen Züchter*innen, um flexibel reagieren zu können. Für bestimmte Kulturen, wie Kohlrabi oder Rotkabis, gibt es zudem Einschränkungen durch Bio-Richtlinien, beispielsweise das Zellfusionsverbot. Das schränkt die Sortenauswahl weiter ein.
Welche Herausforderungen bringt der Klimawandel mit sich?
Martin Koller: Klimaveränderungen stellen uns vor neue Anforderungen. Die Böden werden heisser, Schaderreger ändern ihr Auftreten und manche Sorten bei Salaten etwa können nur noch zwei Jahre im Anbau bestehen. Wir müssen kontinuierlich neue Resistenzen und geeignete Sorten einsetzen, um über alle Anbauzeiten und Klimaregionen hinweg produzieren zu können. Bei Rüebli brauchen wir beispielsweise mehrere Sorten, um die ganze Saison über verlässlich ernten zu können. Das betrifft nicht nur die Schweiz, sondern ganz Europa.
Gibt es genug neue Sorten für den Biolandbau?
Martin Koller: Leider nicht. In vielen Kulturen entstehen kaum noch neue Sorten speziell für Bio. Wir müssen daher sicherstellen, dass genügend Züchtungsunternehmen – sowohl Biozüchter*innen als auch konventionelle – weiterhin in den Biolandbau investieren. Für grosse Züchter*innen ist der Biolandbau schon seit langem uninteressant. Immerhin haben mittelgrosse, oft familiengeführte Unternehmen, langfristige Strategien, in denen Biozüchtungen Platz haben. Kleinere Anbieter reichen für die Breite unserer Kulturen aber nicht aus. Der Markt für Bio-Saatgut ist klein, sinnvoll sind Investitionen in neue Sorten nur, wenn sie europaweit rentabel sind. Dazu kommt die Zulassung der neuen Gentechniken ohne Deklarationspflicht in der EU, die Ende 2025 beschlossen wurde. Diese ganzen Entwicklungen werden die Sortenwahl beeinflussen, weil immer weniger Sorten für den Biolandbau verfügbar sein werden.
Wie kann die Branche diesen Herausforderungen begegnen?
Martin Koller: Wir müssen nun als gesamteuropäische Biobranche zusammenstehen und gemeinsam mit unseren Partnern aus der biologischen und konventionellen Züchtung sicherstellen, dass wir auch in Zukunft Zugang zu modernen Sorten haben und weiterhin konkurrenzfähige Produkte auf den Markt bringen können. Dafür müssen wir alle Akteure an einen Tisch bringen, um Strategien zu entwickeln und die Sortenversorgung langfristig zu sichern. Nur gemeinsam kann der Biogemüsebau in grösserem Massstab bestehen. Ab 2037 wird in der EU vollständig auf Biosaatgut umgestellt, was für die biologische Saatgutversorgung ein weiterer Flaschenhals darstellt und zusätzliche Planung erfordert. Entscheidend ist, dass wir Zugang zu Sorten haben, die sowohl agronomisch stabil als auch marktfähig sind. Wenn wir diese Anforderungen erfüllen, können wir den Biogemüsebau auch in Zukunft erfolgreich gestalten.
Interview: Jeremias Lütold, FiBL
Weiterführende Informationen
Website innoplattform.bio
Gemüsebau (Rubrik Pflanzenbau)
