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«Es ist eine Denkweise, die über meine Zeit hinausgeht»

Meldung  | 

Landwirt Pirmin Adler ist für seine Bemühungen in Sachen Klimaschutz und -anpassung mehrfach ausgezeichnet worden. Auf seinem Betrieb Adlerzart versucht er unter anderem flächendeckend auf Agroforst umzustellen und das Tierwohl mit Hecken und anderen Massnahmen zu verbessern. Wir haben uns im Rahmen der Serie «Stimmen zum Klima» mit ihm über die bereits realisierten Massnahmen unterhalten und wollten wissen, was er als nächstes umsetzen möchte.

Landwirt Pirmin Adler bewirtschaftet in Oberrüti im Kanton Aargau den Betrieb Adlerzart mit 22 Hektaren Nutzfläche. Foto: zVg

Auf seinem Hof im aargauischen Oberrüti bewirtschaftet Pirmin Adler eine Landwirtschaftliche Nutzfläche von 22 Hektaren. Hier hält er Mutterkühe und Weidegeflügel. Er betreibt zudem Ackerbau im Agroforst und eine umfangreiche Direktvermarktung. Kürzlich hat er beim Prix Climat sowohl den Publikums-, wie auch den Jurypreis gewonnen.

Im Interview mit Pirmin Adler geht es um seine Wahrnehmung des Klimawandels und die Gründe, wieso zwar alle davon reden aber fast niemand etwas tut. Adler erklärt, warum er seinen Betrieb flächendeckend mit Agroforst bewirtschaften will und was er sich davon verspricht. Mit seinen Massnahmen hofft er auch, einen Teil der Berufskolleg*innen zu überzeugen.

Was kommt dir als erstes in den Sinn, wenn du den Begriff Klimawandel hörst?

Pirmin Adler: Unterschiedliche Dinge, es wird viel geredet und wenig umgesetzt. Man zeigt gerne mit dem Finger auf andere, statt ein bisschen selbstkritisch zu sein. Das fällt mir vor allem auf, wenn ich mich mit Privatpersonen unterhalte. Die wenigsten hinterfragen ihr Verhalten kritisch. Es sind oftmals kleine Sachen im Alltag: Was lassen wir jeden Tag ins Abwasser, mit was dusche ich, wie oft brauche ich das Auto, wie und wo wurden die Nahrungsmittel auf dem Teller produziert? In der Klimadiskussion laufen zu viele zu sehr nur mit der CO2-Brille herum, dabei ist die Klimaproblematik viel breiter.

An was liegt es, dass es eine solch grosse Differenz zwischen Wahrnehmung und Handeln gibt?

Ich denke die meisten verlassen sich auf den Staat und hinterfragen nicht, wie die Produkte im Umlauf zusammengesetzt sind. Man geht davon aus, dass alle zugelassenen Inhaltsstoffe gut verträglich und in der Abwasserreinigungsanlage problemlos hinauszufiltern sind. Dabei hinkt die gesetzgeberische Aktivität aber hintennach, in der Demokratie gibt es viele verschiedene Interessen, was zu Verzögerungen führt.

Bist du selbst stets auf der Höhe punkto Verwendung von Substanzen?

Bei mir gibt es zwei Bereiche, den Haushalt und den Betrieb, das hängt aber eng zusammen, weil alles, was ich im Haushalt verwende, letztendlich über die Hofdünger auf die Felder gelangt. Ich bin noch nicht dort, wo ich sein möchte, aber Schritt für Schritt finden fortlaufend Anpassungen statt.

Wann ist dir zum ersten Mal bewusst geworden, dass es tatsächlich eine Veränderung des Klimas gibt?

Durch die Medien: Flächen die verwüsten, die Gletscherschmelze und die steigenden Temperaturen. Auf regionaler Ebene sehe ich die hohe und einseitige Düngerbelastung problematisch. Vor allem Gülle, welche in zu vielen und zu hohen Einzelgaben ausgebracht wird.

Du hast kürzlich den Doppelsieg am Prix Climat geholt, also Publikums- und Jurypreis, dazu herzliche Gratulation! Für welche Aktivitäten wurdest du dort ausgezeichnet?

Danke. Es war ein Kopf- an Kopf-Rennen aller Nominierten. Ich habe mich mit einem gesamtheitlichen Betriebskonzept beworben, welches biodiversitätsfördernde Strukturen sowie praktische Lösungen für Klimaanpassung und Tierwohl bietet. Es beinhaltet unterschiedliche Wirkungen auf Wasserhaushalt und Mikroklima, Kohlenstoffspeicherung und Schonung der Ressourcen. Wir versuchen, uns Richtung Autarkie zu bewegen, beispielsweise durch die Reduktion des Zukaufs von Mineralstoffen, Strom, Treibstoffen und Veterinärmedizin.

Rentieren sich diese Massnahmen zugunsten des Klimas unter dem Strich auch finanziell?

Das ist eine gute Frage. Es handelt sich um langfristige Investitionen in Resilienz und Autarkie. Das ist eigentlich die grosse Stärke der Landwirtschaft: Wenn wir möchten, könnten wir quasi aus dem Nichts hinaus hochwertige Nahrungsmittel produzieren. Systemabhängigkeit der Landwirtschaft sehe ich aber als grosses Problem.  

Aber ohne fossile Brennstoffe beispielsweise wäre die Schweizer Landwirtschaft nicht mehr funktionsfähig, oder wie siehst du das?

Ich sehe Möglichkeiten zunächst in der Reduktion. Im Ackerbau sollten wir so arbeiten, dass es möglichst wenige Durchfahrten braucht: ein Durchgang für Bodenbearbeitung und Saat. Ich will mit Mischkulturen und Untersaaten so arbeiten, dass im Unterhalt der Kulturen praktisch nichts mehr gemacht werden muss. Und dass im Idealfall nach der Ernte der Hauptkultur die Untersaat schon da ist und nicht erneut umbrochen und eingesät werden muss. Das ist auch eine Investition in Bodenfruchtbarkeit und Tiergesundheit.

Wie sieht es aus mit den Erträgen?

Kurz- und mittelfristig habe ich sicher weniger Ertrag, weil es extrem viel Zeit braucht, bis diese Systeme etabliert sind. Ich muss auch Flächen opfern für Bodenaufbau und Selbstregulation. Aber ich komme nicht darum herum, mehr in Ökosystemleistungen zu investieren. Die sind wirklich unverzichtbar und von hoher Wertigkeit.  Es ist eine Denkweise, die über meine Zeit hinausgeht, wir müssen das Ökosystem ganzheitlich unterhalten, das ist eine riesige Herausforderung. Heute konzentrieren sich viele auf das, was man direkt aus dem System herausnehmen und sehr schnell in Geld umsetzen kann. Andere Leistungen wie zum Beispiel saubere Luft und Trinkwasser sind schwierig in Geld umzusetzen, dafür sollte der Staat mehr unternehmen.

Du hast davon gesprochen, dass du Flächen opfern musst, was meinst du damit?

Meine Hecken brauchen Fläche, bis sich die Gehölze dort etabliert haben und Ertrag abwerfen, das braucht Zeit. Die Hecken, die ich 2022 angepflanzt habe, kann ich langsam anfangen zu ernten, d.h. die Tiere finden dort etwas, was sie brauchen können. Positive Effekte wie z.B. Infiltration, Bodengesundheit und Biodiversität werden jährlich mehr. Es dauert bestimmt noch zehn weitere Jahre, bis sich alles auf einem guten Niveau dreht.

Wo siehst du weiteres Potenzial, um Adlerzart noch klimafreundlicher zu machen?

Der Fokus ist auf dem, was ich angefangen habe, ich möchte Agroforst auf allen Flächen etablieren, das hat sicher oberste Priorität. Daneben versuche ich, noch ressourcenschonender zu arbeiten. Ich hoffe natürlich, dass ich mich meine bisherigen Aktivitäten dabei unterstützen, damit ich weniger eingreifen muss ins System, etwa mit Schädlingsregulierung oder Tiergesundheit dank Mehrnutzenhecken. Ich ernte auch immer mehr Häcksel als Bodenaufbauer und Strohersatz.

Bist du auch ein regenerativer Landwirt?

(zögert) Ja, schon, aufbauend halt, gesamtheitlich. Ich versuche einen holistischen Ansatz zu verfolgen.

Bieten dir die aktuelle Agrarpolitik und der Markt genug Unterstützung für diesen holistischen Ansatz oder siehst du dich als einsamen Rufer in der Wüste?

Ich bewege mich in Gruppierungen, die ähnlich denken wie ich und es scheint mir, dass diese immer etwas grösser werden, wobei wir natürlich immer noch in der Minderheit sind. Aber mich dünkt, dass wir zusammen etwas bewegen können. Ich versuche, Berufskollegen anzustecken und das gelingt teilweise, auch wenn es noch viele Blockaden gibt, etwa gesetzlicher Natur. Wichtig ist es auch, Privathaushalte für unsere Ideen zu gewinnen. Nicht zuletzt dank Unterstützung diverser Organisationen, der Forschung und Ämtern ist es auch gelungen, Agroforst auf die Agenda der Agrarpolitik 2030+ zu bringen.

Was sind die Gruppierungen, von denen du sprichst?

Das fängt unten an mit diversen Arbeitskreisen, weiter unterschiedliche Organisationen in den Bereichen Bildung und Interessensvertretung. Es ist wichtig, dass es Bindeglieder gibt von der Landwirtschaft nach oben. Dafür ist auch die Forschung sehr wichtig.

Stichwort Forschung: Wie beurteilst du die Arbeit des FiBL in diesem Zusammenhang?

Sehr aktiv und engagiert. Für mich ist es wirklich bereichernd, dass das FiBL beispielsweise im Bereich Laubfütterung viel macht und sogar selber eine Futterhecke angelegt hat.

Gibt es Pfade, welche die Forschung noch stärker angehen sollte?

Ich bin positiv überrascht von den breiten Aktivitäten. Auch auf meinem Betrieb gibt es Projekte, z.B. von der ZHAW. Auch international passiert einiges. Ein Bremsklotz ist die Zusammenstellung des Parlaments. Es sitzen meiner Meinung nach zu viel Gleichdenkende in einem Boot, von Landwirtschaft bis Industrie. Es ist eine riesige Macht, die sich vor allem für das bestehende System einsetzt. Was meine Umsetzungen anbelangt gibt es Berufskollegen, die sich negativ äussern, aber im Grossen und Ganzen ist auch viel Respekt vorhanden für Betriebe, die andere Wege gehen. Manchmal geht auch etwas bachab, aber auch davon können andere ebenfalls profitieren. Schlussendlich brauchen sich alle anzupassen.

Im Agroforst-Bereich gibt es ja auch gut begründete Bedenken, z.B. wegen Schattenwurf und Wasserkonkurrenz, was meinst du dazu?

Wichtig ist es, den Agroforst möglichst vorteilhaft ins bestehende System zu integrieren und positive Wechselwirkungen zu schaffen: Ausgeglichene Wasserkreisläufe, Windschutz, Erosionsschutz, Tiergesundheit. Klar gibt es auch negative Wechselwirkungen, Konkurrenz um Wasser, Licht und Luft, und die versucht man so gut wie möglich zu entschärfen, etwa durch Wurzelschnitt und gute Himmelausrichtung, Distanzen und Streifenbreite.   

Interview: Adrian Krebs

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Hinweis: Dies ist eine tagesaktuelle Meldung. Sie wird nicht aktualisiert.

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