Niemals von 0 auf 100 – so könnte ein Motto für den Weidestart lauten, von dem Tiere und Pflanzen profitieren. Aus futterbaulicher Sicht empfiehlt sich vor der eigentlichen Weidesaison ein frühes Überweiden: grossflächig, stundenweise, mit geringem Druck. Die Futteraufnahme steht dabei nicht im Vordergrund, sondern die Weidepflege und Förderung einer dichten Grasnarbe durch moderaten Tritt und Verbiss. Diese Vorweide beginnt je nach Lage, Witterung und Bodenverhältnissen im März, wenn die Gräser spitzen.
Die Vorweide ist auch für die Gesundheit der Tiere sinnvoll: Sie passt gut zur schrittweisen Gewöhnung ans Weidefutter. «Diese Umstellung muss langsam erfolgen», betont Christophe Notz, Experte für Fütterung und Tiergesundheit am FiBL. «Das junge Weidegras ist energiereich, aber strukturarm. Fressen die Tiere davon zu viel auf einmal, kann der Pansen übersäuern. Eine restriktive Weidezeit und das Beibehalten der Stallfütterung mit strukturreichem Heu ist darum zu Beginn sehr wichtig.» Das strukturreiche Dürrfutter regt Kautätigkeit und Speichelfluss an, was den Pansen-pH-Wert in Balance hält.
Satt auf die Weide gehen
Die erste Futtervorlage im Stall erfolgt vor dem Weidegang. «Die Tiere sollen satt auf die Weide gehen. Ein paar Kandidaten hat es meist, die lieber hungrig warten, bis sich das Tor zur Weide öffnet. Das darf man aber nicht tolerieren», rät Christophe Notz. In dieser Zeit schmackhaftes, sehr gutes Heu vorrätig zu haben, lohnt sich ebenso wie eine gute Tierbeobachtung. «Zur Kontrolle immer wieder mal die Kauschläge der Kühe zählen: Enthält die Ration genug Struktur, sind es pro Minute etwa 50 bis 60 Kauschläge.»
Was beim Fokus auf die Fütterung leicht vergessen geht, sind die Fresspausen. «Die sind aber genauso wichtig», betont Christophe Notz. «Wer im Stall zu oft Futter nachschiebt, tut seinen Tieren keinen Gefallen. Sie brauchen ausreichende Ruhepausen, um wiederzukäuen und das Futter gut zu verdauen.» Halte man sich an die 8/8/8-Regel – pro Tag 8 Stunden fressen, 8 Stunden wiederkäuen und 8 Stunden ruhen –, könne man nicht viel falsch machen. Wenn die Tiere also nach der Weide zurück im Stall sind, sollte man ihnen etwa vier Stunden Pause ohne erneute Futtervorlage gönnen.
Erkrankungen vorbeugen
Während etwa zwei Wochen wird die Weidezeit nach und nach erhöht und die Zufütterung im Stall reduziert. Auch für Ziegen und Schafe, insbesondere Lämmer, ist die langsame Umstellung sehr wichtig. Eine Überlastung der Verdauung kann bei ihnen zur massiven Vermehrung von Clostridien im Darm führen. Die von den Bakterien produzierten Giftstoffe schädigen den Körper und verursachen die meist tödlich verlaufende Breinierenkrankheit. Vorbeugen ist auch bei der Weidetetanie das Mittel der Wahl. Die mit starken Krämpfen einhergehende Erkrankung verläuft schnell tödlich. Auslöser ist Magnesiummangel. «Das junge Gras ist kaliumreich, aber Kalium und Magnesium konkurrieren im Körper um die Aufnahme. So kann ein Magnesiummangel entstehen. Eine gute Mineralstoffversorgung hilft, dieses Problem zu vermeiden», so Christophe Notz.
Ausreichend Zeit, strukturreiches Futter, Mineralstoffe und Fresspausen, dazu jederzeit Zugang zu einwandfreiem, möglichst fliessendem Wasser verhelfen den Tieren zu einem gesunden Weidestart.
Verena Bühl, FiBL
Dieser Artikel ist im Bioaktuell 2|2026 erschienen
Weiterführende Informationen
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