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Was passiert, wenn das Klima schneller wandert als die Arten?

Meldung  | 

Der Klimawandel entkoppelt gewachsene Beziehungen zwischen Pflanzen, Insekten und Umwelt. Um funktionierende Ökosysteme zu erhalten, braucht es neue Denkmodelle – und neue Begriffe. Ein Diskussionsanstoss von Peter Müller.

In Städten kommen schon heute sogenannte Klimabäume wie der Gingko zum Einsatz. Foto: Pixabay, Annette Meyer

Wir wollen funktionierende Ökosysteme: Nützlinge und Bestäuber, die ihre Nahrung finden. Vögel, die brüten können. Böden, die leben. Pflanzen, die wachsen, blühen und fruchten und Teil eines grösseren Netzes sind. Dieses Ziel teilen alle, die sich mit Biodiversität beschäftigen. Die Frage ist: Reichen unsere bisherigen Mittel noch aus, um es zu erreichen?

Was wir beobachten

Einheimische Pflanzen- und Insektenarten gehen zurück. Ökosysteme geraten unter Druck. Die Ursachen dafür sind mannigfaltig, doch ein häufig genannter Grund lautet: invasive Neophyten. Die naheliegende Schlussfolgerung ist, einheimische Arten zu fördern und fremde zu bekämpfen.

Diese Logik erscheint schlüssig. Sie übersieht jedoch einen entscheidenden Mechanismus, der in der Forschung zunehmend dokumentiert wird: die Entkopplung ehemals fein abgestimmter Beziehungen zwischen Pflanzen, Insekten und Klima.

Drei Ebenen der Entkopplung

Pflanzen und Insekten haben sich über Jahrtausende gemeinsam an bestimmte Umweltbedingungen angepasst. Dieses Zusammenspiel gerät durch den Klimawandel auf mehreren Ebenen unter Druck.

  • Räumlich: Mobile, wärmeliebende Arten wandern dem Klima hinterher. Standorttreue Spezialisten können das nicht. Besonders im Siedlungsraum verschärfen Fragmentierung und urbane Klimainseln das Problem.
  • Zeitlich: Pflanzen reagieren auf steigende Temperaturen mit früherer Blüte. Viele Insekten orientieren sich hingegen an der Tageslänge, einem Signal, das sich nicht verändert. Blüte und Bestäuber fallen zunehmend auseinander.
  • Funktional: Selbst wenn sich Pflanze und Insekt noch treffen, können veränderte Temperaturen Nektar- und Pollenqualität verändern. Das System wirkt stabil, ist funktional aber bereits geschwächt. Hier versagt die Kategorie «einheimisch», denn sie erfasst Anwesenheit, nicht Funktion.

Aus dem Klima gefallen

Was, wenn einheimische Arten nicht verdrängt werden, sondern aus dem Klima gefallen sind? Das Klima hat sich unter ihnen wegbewegt. Sie stehen noch da, aber ihre Anpassungsgrundlage existiert nicht mehr. 

Der Neophyt füllt oft nur eine entstandene Lücke. Er ist Symptom und gelegentlich vielleicht sogar Teil der Lösung. Die internationale Forschung diskutiert diesen Ansatz inzwischen offen, etwa unter dem Begriff «Assisted Migration». Dieser meint die vom Menschen unterstützte Verschiebung von Pflanzen- oder Tierarten in klimatisch geeignete Habitate.

Ein neuer Begriff: klimaheimisch

Pflanzen sind nicht an Orte gebunden, sondern an Bedingungen: Temperatur, Niederschlag, Boden und Photoperiodik. Wenn sich diese Bedingungen verschieben, verschiebt sich auch die Frage, welche Arten unter neuen Verhältnissen funktional heimisch sind.

Ich schlage deshalb den Begriff «klimaheimisch» vor – nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zu «einheimisch». Er beschreibt Anpassung an Bedingungen statt an Grenzen.

Die Praxis ist weiter

In Städten ist diese Anpassung längst Realität. Rotbuche und Stieleiche scheitern zunehmend an Hitze und Trockenstress. Gepflanzt werden klimaresiliente Arten wie Ginkgo oder Gleditsia, geografisch fremd, aber funktional passend.

Die Forschung zu Novel Urban Ecosystems zeigt: Städte können biodiverser sein als ihr Umland. «Fremd» ist nicht gleichbedeutend mit «ökologisch wertlos».

Klare Auswahlkriterien

Dies ist kein Plädoyer für beliebige Exoten. Arten, die nur mit hohem Pflegeaufwand überleben oder ökologische Funktionen nicht erfüllen, lösen das Problem nicht, sie verschieben es bloss. Der Ansatz der Functional Assisted Migration formuliert klare Kriterien: Anpassung an zukünftiges Klima, an lokale Böden, funktionale Anschlussfähigkeit und geringes Invasivitätsrisiko.

Einheimische Ökotypen bleiben wertvoll. Sie tragen das genetische Erbe langer Koevolution. Doch als alleinige Antwort auf den Klimawandel reichen sie nicht mehr aus. Das Schema «einheimisch = gut, fremd = schlecht» beschreibt eine Welt, die vielerorts bereits vergangen ist. Wer daran festhält, riskiert, funktionierende Ökosysteme nicht zu schützen, sondern vergangene Zustände zu konservieren.

Eine Einladung

«Klimaheimisch» ist ein Angebot: Behalten wir das Ziel funktionierender Ökosysteme und erweitern wir unsere Mittel. Fragen wir nicht nur, woher eine Pflanze stammt. Fragen wir, was sie kann.

Wir sollten uns im Schweizer Gartenbau und bei Bio Suisse vermehrt mit damit beschäftigen, welche Arten unter veränderten Bedingungen ökologische Funktionen übernehmen können. Wie lässt sich eine gesteuerte Ansiedlungsstrategie entwickeln, die weder naiv noch ideologisch ist? Und wie schaffen wir ein Pflanzensortiment, das resilient genug ist für eine Zukunft, deren genaues Klima wir nicht kennen, aber deren Richtung wir sehr wohl einschätzen können? 

Das wäre eine spannende gemeinsame Aufgabe. Ich lade ein zur Diskussion.

Peter Müller ist Geschäftsführer der Biogärtnerei oMioBio GmbH in Ballwil LU und Mitglied der Fachgruppe Hortikultur von Bio Suisse

Weiterführende Informationen

Hinweis: Dies ist eine tagesaktuelle Meldung. Sie wird nicht aktualisiert.

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