Philipp Oggiano ist Agrarwissenschaftler und seit 2023 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Departement für Agrar- und Ernährungssysteme am FiBL in der Schweiz. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Ökobilanzierung und der Modellierung nachhaltiger Agrar- und Ernährungssysteme. Unter anderem war er an einer Studie beteiligt, die untersucht hat, wie die Landwirtschaft in Zürich auf das städtische Netto-Null-Klimaziel ausgerichtet werden kann.
Viele Regionen, Unternehmen und auch Städte setzen sich Ziele zur Reduktion der eigenen Klimaemissionen. Auch die Stadt Zürich hat sich ein solches Ziel gesetzt und will bis 2040 die direkten Treibhausgasemissionen auf«Netto-Null» senken. Die meisten denken dann zuerst an Verkehr, Industrie und Haushalte. Doch die Stadt Zürich ist mit 24 Betrieben und 810 Hektaren auch die Gemeinde mit der grössten landwirtschaftlichen Nutzfläche im Kanton Zürich.
Was können diese Betriebe dazu beitragen, das Klimaziel zu erreichen? Das hat das FiBL im Auftrag der Stadt in einer Modellstudie untersucht. Gemeinsam mit der zuständigen Stadtverwaltung und Landwirt*innen aus dem Stadtgebiet wurden in drei Workshops verschiedene Szenarien – von moderaten Optimierungen bis hin zu grossen Veränderungen – entwickelt und die jeweiligen Emissionen berechnet.
Das Netto-Null-Ziel führt zu Zielkonflikten
Die Berechnungen führen zu einer ernüchternden Erkenntnis: In den aktuellen Betriebsstrukturen ist das Netto-Null-Ziel kaum erreichbar. Das einzige Szenario, das dem Ziel rechnerisch sehr nahekommt, ist eine weitgehende Aufgabe der Nutztierhaltung im Stadtgebiet. Flächen, die heute der Futterproduktion dienen, liefern Biomasse für die Energiegewinnung, zudem wird in diesem Szenario grossflächig Pflanzenkohle zur Kohlenstoffspeicherung in die Böden eingebracht. Technisch lassen sich die Emissionen mit diesen Massnahmen fast vollständig senken. Dieses Szenario offenbart jedoch klare Zielkonflikte.
Betrachtet man die Emissionen der Landwirtschaft isoliert von anderen städtischen Emissionsquellen, machen Wiederkäuer durch ihren Methanausstoss und das Hofdüngermanagement den Hauptanteil an Treibhausgasen aus. Jedes Tier weniger bedeutet daher direkt weniger Emissionen. Dabei ist aber zu beachten, dass der Anteil an landwirtschaftlichen Emissionen im gesamtstädtischen Vergleich nur 0,2 Prozent ausmacht. Eine Landwirtschaft ohne Tiere würde zudem einen starken Rückgang der lokalen Lebensmittelproduktion bedeuten. Nutztiere liefern ausserdem Hofdünger, der nicht vollständig durch Biogas-Gärreste ersetzt werden kann. Und die städtische Landwirtschaft würde eine soziale Funktion verlieren: Weidetiere prägen das Landschaftsbild und den Erholungswert städtischer Grünräume. Hier kommen also Fragen zu Klimaschutz, lokaler Ernährungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und gesellschaftlichen Erwartungen zusammen.
Mittelweg kann die Lösung sein
Die Ergebnisse der Studie deuten auch darauf hin, dass die Lösungen jenseits von «Alles oder Nichts» liegen. Das Szenario «Feed no Food» zeigt einen interessanten Mittelweg auf. In diesem Szenario werden die Tiere ausschliesslich mit Gras und Nebenprodukten gefüttert, die für die menschliche Ernährung nicht nutzbar sind. Futter-- und Düngerimporte entfallen komplett und somit auch ein Grossteil der verbrauchten fossilen Energieträger. Um weitere Emissionen einzusparen, würde der bestehende fossile Maschinenpark auf Alternativen umgestellt werden.
Zwar steigen in diesem Modell die absoluten Emissionen der Stadt leicht an, da mehr Wiederkäuer zur Verwertung der Weideflächen benötigt würden. Gleichzeitig steigt aber die Ressourceneffizienz, das System wird in sich schlüssiger, auch wenn die absolute lokale Klimabilanz dadurch belastet wird.
Modellierungen helfen, konkrete Empfehlungen zu entwickeln
Die Studie unterstreicht, dass es für Klimaschutz in der Landwirtschaft keine einfachen Lösungen gibt. Jede Massnahme für das Klima hat zum Beispiel Auswirkungen auf die Produktion oder die Wirtschaftlichkeit der Höfe. Mit den wissenschaftlichen Modellierungen wurden diese Zielkonflikte aufgezeigt, wodurch konkrete Empfehlungen abgeleitet werden konnten. Die Arbeit liefert die Faktenbasis, auf der Politik und Gesellschaft nun entscheiden müssen, welche Landwirtschaft sie für die Stadt Zürich in Zukunft wollen.
Weiterführende Informationen
Originalartikel der Studie «Netto-Null für die Landwirtschaft der Stadt Zürich: Ein erreichbares Ziel?» (Agrarforschung Schweiz)
Podcast «Netto-Null in der städtischen Landwirtschaft – Utopie oder machbar?» (Landwirtschaft.Klima.Wandel.)
Stimmen zum Klima (FiBL.org)
