Du warst lange Vorsitzender der IAHA, der Internationalen Allianz für Tierhaltung von IFOAM. Was sind deren Aufgaben?
Otto Schmid: Die IAHA ist ein Netzwerk von Organisationen und Einzelpersonen, die sich weltweit für die Stärkung der Biotierhaltung einsetzen. Wir haben sie 2011 an der IFOAM-Generalversammlung in Korea initiiert. 2012 wurde die IAHA dann gegründet und organisierte seither mehrere Tierhaltungs-Konferenzen. Dieses Jahr ging ein Traum von mir in Erfüllung: einmal die IAHA-Konferenz ans FiBL bringen.
Was waren deine Aufgaben in der IAHA?
Hauptaufgabe war, mit wenigen Ressourcen, aber einem engagierten Kreis an Fachleuten die Konferenzen zu organisieren. Vor allem ging es darum, Kolleginnen und Kollegen vom FiBL und anderen Institutionen zum Mitmachen zu begeistern. Ich sah mich als Brückenbauer. Ich bin dankbar, dass dies immer wieder gelungen ist.
Ende April fand die Konferenz mit rund 180 internationalen Teilnehmenden am FiBL statt. Mit welchem Fokus?
Die Biotierhaltung zielt darauf ab, Nachhaltigkeit und Ethik im Umgang mit Nutztieren zu vereinen. Mit dieser Konferenz wollten wir zeigen, dass die Biotierhaltung ein Modell für die Zukunft der Nutztierhaltung sein kann. Es wurden für die Konferenz über 50 Essays und 50 Posterbeiträge eingereicht, anhand derer zentrale Herausforderungen und Fragestellungen der Biotierhaltung diskutiert und Lösungen angedacht wurden. Ich möchte hier den engagierten Kolleginnen und Kollegen am FiBL danken, die die Konferenz hervorragend organisiert haben!
Auch neben der IAHA warst du sehr aktiv bei IFOAM, unter anderem als Delegierter der Schweiz im Vorstand von IFOAM Organics Europe. Welche Aufgaben waren damit verbunden?
Von 2003 bis 2013 war ich als Schweizer Vertreter in der IFOAM-EU-Gruppe, heute IFOAM Organics Europe. Diese wurde 2002 mit dem Ziel ins Leben gerufen, in Brüssel ein Büro zu eröffnen, das die Anliegen des privaten Biolandbausektors in der EU vertritt. Erst mit der Zeit wurde mir bewusst, wie wichtig diese Gruppe war für die Entwicklung des Biolandbaus in Europa und für die Schweiz. Ich übernahm damals die Koordination der Untergruppe Forschung. In dieser Funktion konnte ich in der EU-Forschungsabteilung Themen des Biolandbaus ein- und damit voranbringen und ich lernte, was es heisst, in Brüssel Lobbyarbeit zu machen. Die Lobbyarbeit für die Bioforschung übernahm dann ab 2008 die sogenannte Technologie-Plattform Organics, die vom damaligen FiBL-Direktor Urs Niggli initiiert wurde, und für die ich mich auch engagierte. Eine besondere Funktion hat IFOAM Organics Europe als Sprachrohr des privaten Sektors bei der Revision und Ergänzung der EU-Bioverordnung. Vom FiBL konnten wir über diese Schiene immer wieder gut unser Fachwissen einbringen. Die Schweizer Vertretung bei IFOAM Organics Europe kommt übrigens nach wie vor vom FiBL. 2013 hat Barbara Früh von mir übernommen und dieses Jahr an Rennie Eppenstein übergeben.
Bald nach deinem Start am FiBL hast du massgeblich an der Entwicklung der Biorichtlinien mitgewirkt, national und international. Wie lief das ab?
Die Idee zu einer weltweit gemeinsamen Definition des Biolandbaus entstand an der IFOAM-Generalversammlung 1976 im Schweizer Seengen. Es ging darum, den gemeinsamen Nenner zu finden. Wir mussten auch nicht bei Null anfangen, es gab schon ein paar gute Richtlinien. Der Prozess verlief parallel in der Schweiz, koordiniert vom FiBL, und international unter der Federführung von IFOAM. Ein grosser Erfolg der gemeinsamen Arbeit war, dass wir 1980 national und international Biorichtlinien herausgeben konnten. (mehr dazu im Podcast, siehe Weiterführende Informationen)
Wie kam es dazu, dass du so viel auf internationaler Ebene gearbeitet hast, auch in EU-Forschungsprojekten? Gestartet hattest du am FiBL ja als Bioberater für die Schweiz.
Während meiner Zeit als Bioberater merkte ich, dass gewisse Probleme der Betriebe sozioökonomischer Natur waren. Darum initiierte ich 1989 am FiBL die sozioökonomische Forschung. So bin ich vom Bauernberater zum Politikberater geworden. Die verschiedenen EU-Projekte, an denen ich über das FiBL beteiligt war, waren fantastisch zur Horizonterweiterung. An IFOAM hat mich gereizt, dass wir international wie eine grosse Familie waren. Und ich konnte etwas bewirken, etwa in der Richtlinienentwicklung.
Du warst zeitweise fast mehr in Brüssel als zu Hause auf deinem Betrieb – wie konntest du das vereinbaren?
Ich hätte diese Arbeit nicht machen können ohne meine Frau Heidi, der ich ganz grossen Dank schulde. Sie hat zu Hause die Stellung gehalten und war auch berufstätig. Auf unserem kleinen Biobetrieb hörten wir mit der Schafhaltung wieder auf, da dies zu viel wurde. Heute sage ich selbstkritisch, dass wegen meiner häufigen Abwesenheit die Familie zu kurz kam.
Was wünschst du der Biobewegung für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass der Biolandbau seine Glaubwürdigkeit behält und die vier Grundprinzipien von IFOAM – Gesundheit, Ökologie, Fairness und Sorgfalt – beibehält. Denn ethische Grundwerte sind das Fundament des Biolandbaus und müssen sich in den Richtlinien widerspiegeln. Wichtig ist auch, dass in die Richtlinienentwicklung alle wichtigen Akteurinnen und Akteure einbezogen werden. Der Biolandbau, speziell FiBL und Bio Suisse, sollte mutiger aktuelle Themen aufgreifen und umsetzen. Anstelle des jetzigen Korsetts aus Richtlinien muss kreativ in die Weiterentwicklung des Biolandbaus investiert werden. Die Richtlinien sind nach wie vor wichtig, inzwischen warne ich aber davor, den Biolandbau zu überregulieren. Auch braucht es Spielräume für Eigenverantwortung und Selbstkontrolle, zum Beispiel bei der Biodiversitätsförderung und beim Tierwohl.
In der Schweiz warst du viele Jahre auch Dozent. Wo und mit welchen Inhalten?
Von 1988 bis 2021 war ich Dozent für biologischen Landbau, später auch für Agrar-Marketing an der ETH Zürich, was mir grosse Freude machte. Mein Ziel war es, die Besonderheiten, den Landbausystem-charakter und die ethische Basis des Biolandbaus zu vermitteln, zusammen mit Kolleginnen und Kollegen vom FiBL. Leider gibt es die Biolandbau-Vorlesungen an der ETH seit drei Jahren nicht mehr, was ich sehr bedaure für die Studierenden.
Noch mal zurück zum Anfang. Du hast am FiBL als erster Bioberater der Schweiz begonnen. Was hat das damals bedeutet, was hast du alles gemacht?
Im April 1977 konnte ich mit einer dreijährigen Unterstützung des WWF Schweiz am FiBL beginnen und den Beratungsdienst aufbauen. Das war eine spannende und herausfordernde Aufgabe. Es gab erst wenig Bioforschung und kaum Beratungsunterlagen. Die Menschen auf den Biobetrieben waren meine Lehrmeisterinnen und Lehrmeister. Zu meinen Tätigkeiten gehörten Einzel- und Gruppenberatungen, Vorträge an Landwirtschaftsschulen, Biolandbaukurse, das Erstellen erster Merkblätter und das Anstossen von Praxisversuchen. Der Auf- und Ausbau des FiBL-Beratungsdienstes in den Anfängen wurde möglich dank Geldern von Kantonen, zuerst Zürich und Bern, und Firmen wie Migros und Ricola. Neben der FiBL-Arbeit verfasste ich mit Silvia Henggeler, einer erfahrenen Biogärtnerin, das Buch «Biologischer Pflanzenschutz im Garten», das erstmals 1979 erschien und mit über 135 000 verkauften Exemplaren zum Bestseller wurde.
Heute bist du in der Schweiz auch wieder beratend tätig. In welchen Bereichen?
Mich freut es, wenn ich mit meiner Erfahrung noch Impulse geben kann. Beispiele sind die Mithilfe bei der Organisation der IAHA-Konferenz, die Beratung eines Kantons bei der Evaluation seines Bioaktionsplans und Bodenbeurteilungen für lokale Gemeinschaftsgarten-Projekte.
Was motiviert dich, nach wie vor fürs FiBL tätig zu sein? Und an welchen Themen arbeitest du da aktuell?
Als dienstältester Mitarbeiter finde ich die jetzigen Schwerpunkte des FiBL sehr spannend. Ich möchte noch mit einigen historischen Rückblicken den jüngeren Mitarbeitenden aufzeigen, dass vieles, was heute im Biolandbau als selbstverständlich gilt, mit viel Aufwand erkämpft wurde. Abschliessend möchte ich betonen, dass ich eine grosse Dankbarkeit dafür habe, dass ich so viele interessante Tätigkeiten ausüben durfte!
Interview: Theresa Rebholz, Bioaktuell
Dieser Artikel erscheint im Bioaktuell Magazin 4|2026.
Weiterführende Informationen
Podcast: 47 Jahre am FiBL – Otto Schmid erzählt (fibl.org)
IAHA (iaha2026.org)
