Gemeinsam bauen wir ein neues Hofgebäude auf und bewirtschaften einen kleinen Betrieb mit Mutterkühen und Schafen im Nebenerwerb. Mein Mann begeistert sich für die Wollverarbeitung und Handarbeiten, ich baue gerne Trockenmauern und Möbel. Damit stossen wir mal auf Verwunderung, mal auf Skepsis und ab und zu auch auf Begeisterung.
Aber wer hat denn eigentlich bestimmt, dass Frauen besser stricken und Männer technische Aufgaben besser lösen? Sind das nicht ziemlich festgefahrene Vorstellung und bin ich nicht genauso Frau, wenn ich mit der Motorsäge Zaunpfähle anspitze?
Frauen können Technik
Frauen und Technik – dieser Satz bestimmt unser Leben noch deutlich mehr als uns lieb ist. Er gehört zu einer Kette von Aussagen, die sich zu Überzeugungen aufsummieren: «Das kann ich nicht», «das können Männer einfach besser», «dafür habe ich kein Talent».
Männer haben manchmal einen Vorsprung im technischen Bereich, weil sie sich oft schon früh damit beschäftigen. Unsere gesellschaftliche Prägung spielt dabei sicher eine Rolle. Hier hilft ein kurzer Denkausflug: Wie wären wohl die Reaktionen gewesen, hätten wir Frauen als Teenager gesagt «Ich geh zu meiner Freundin in die Werkstatt - am Auto schrauben»? Wir können uns vorstellen, dass zumindest von einer Person in unserem Umfeld ein abwertender Kommentar gekommen wäre.
Und dann stehen wir als erwachsene Frau auf dem Feld und sollen vor den aufmerksamen Blicken der Nachbarn den Balkenmäher anlassen. Der – nebenbei gesagt – für eine Männerstatur entwickelt wurde. Ähm, nein danke.
Aber wir können das und es gibt viele Landwirtinnen, die das beweisen! Wir müssen dafür allerdings immer wieder negative Bewertungen von aussen und innere Überzeugungen beiseiteschieben.
In Utopien denken
Stellen wir uns eine Welt vor, in der wir einfach tun könnten, was uns interessiert und das ohne eine negative Bewertung aus unserem Umfeld. Vielleicht sogar mit positivem Support: «Das finde ich toll, dass du das versuchst», «Das ist doch ein sehr gutes Ergebnis für das erste Mal», «Wenn du Fragen dazu hast, unterstütze ich dich gerne».
Was für eine Welt! Anstatt Blut und Wasser zu schwitzen, um vor den Augen der Männer ja keine Fehler zu machen und blöde Kommentare einzukassieren, könnte ich entspannt und positiv an neue technische Aufgaben herangehen und mich freuen, wenn es klappt. Oder ohne Angst nach Tipps fragen, wenn es nicht klappt.
Rollen erweitern – in beide Richtungen
Unter festgefahrenen Vorstellungen leiden beide Seiten. Wo Frauen Männerdomänen erobern, sollten Männer ebenso selbstverständlich in klassische Frauenräume eintreten können. Heute gehört noch viel Mut dazu, als Mann dazu zu stehen, einen Grossteil des Haushaltes zu machen.
Mein Mann backt gerne und hat sich in die Wollverarbeitung gestürzt, samt Spinnen und Stricken. Seine Arbeitsergebnisse werden aber oft mir zugeschrieben. Umgekehrt ist der Hausbau in den Augen der anderen hauptsächlich sein Verdienst. Das kann für beide Seiten frustrierend sein.
Carearbeit würdigen
Wir brauchen mehr Offenheit in alle Richtungen. Und wir müssen Carearbeit wieder wertschätzen. Haushalt und Kinderbetreuung sind ausgesprochen wichtige Aufgaben!
Sie schaffen ein würdiges, positives Lebensumfeld, quasi den Lebensraum für uns Menschen auf dem Hof, sichern unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden mit gutem Essen und begleiten die nächste Generation ins Erwachsenwerden. Was kann es Wichtigeres geben?
Frauen wie Männer, die in diesen Arbeiten aufgehen, nehmen eine ebenso wichtige Rolle ein, wie Menschen, die sich für die Betriebsleitung entscheiden.
Freie Entscheidungen
Wichtig ist, dass allen Personen auf dem Betrieb die Möglichkeit bleibt, sich frei für ihre Interessen zu entscheiden. Bestehende Unfreiheiten bei dieser Entscheidung sind nicht immer leicht zu erkennen.
Da spielen viele teils unterschwellige Faktoren eine Rolle: Wie wurde ich sozialisiert, was wurde mir als Kind vermittelt. Die unterschiedliche Stellung von Mann und Frau in unserer Gesellschaft hat eine sehr lange Tradition. Davon haben wir uns, selbst in sehr progressiven Kreisen, noch lange nicht befreit.
Viele kleine Alltäglichkeiten belegen das: Begriffe wie Bauer und Hausfrau vermitteln ein konkretes Geschlechterbild zu der jeweiligen Rolle. Es gibt weniger Vorbilder für Männer im Haushalt und Frauen in der Betriebsleitung. Bilderbücher zeigen gerne und oft eine idyllische Hofwelt mit klassischer Rollenaufteilung.
Wie wird sich also eine Frau, die in dieser Welt voller unterschwelliger Botschaften sozialisiert wurde, entscheiden, wenn es um die Betriebsleitung geht? Und wie entscheidet ein Mann bei der Frage zur Aufteilung von Haushalt und Kinderbetreuung? Und wie geht es erst den Menschen, die sich keinem eindeutigen Geschlecht zuordnen?
Erste Schritte zur Veränderung
Vielleicht macht es schon einen Unterschied, wenn mein Neffe mit mir auf dem Schlepper durchs Dorf fahren darf und meinem Mann beim Stricken zusieht. Damit können wir Vorbild sein und zu der Erkenntnis beitragen: «Ach so, diese Möglichkeit gibt es ja auch noch».
Es geht darum einen Anfang zu finden. Jeder Nicht-Kommentar und jede positive Motivation, jeder Mut etwas Ungewohntes zu versuchen sind ein Schritt in die richtige Richtung. Und dabei sind alle Geschlechter gefragt.
Simona Moosmann, FiBL
Weiterführende Informationen
Frauen in der Landwirtschaft (Rubrik Grundlagen)
Schwerpunkt Frauen in der Landwirtschaft (Magazin Bioaktuell 1/26)
