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«Klimaanpassung lässt sich nicht von oben verordnen»

Meldung  | 

Im Interreg-Projekt KlimaCrops hat das FiBL gemeinsam mit Partnern dazu geforscht, wie sich Ackerbaubetriebe in der Nordwestschweiz an den Klimawandel anpassen können. Über die im Projekt gewonnenen Erkenntnisse berichtet Umwelt -und Naturwissenschaftler Jan Landert vom FiBL in der Serie «Stimmen zum Klima».

Jan Landert arbeitet seit über zehn Jahren im Departement für Agrar- und Ernährungssysteme am FiBL in der Schweiz mit Fokus auf Nachhaltigkeits­bewertungen. Foto: FiBL, Andreas Basler

Jan Landert arbeitet seit über zehn Jahren im Departement für Agrar- und Ernährungssysteme am FiBL in der Schweiz mit Fokus auf Nachhaltigkeitsbewertungen. Im Interreg-Projekt KlimaCrops hat der Umweltnaturwissenschaftler untersucht, wie sich Ackerbaubetriebe in der Nordwestschweiz an den Klimawandel anpassen können – und was das für ihre Wirtschaftlichkeit und Umweltwirkungen bedeutet.

Worum ging es beim Projekt KlimaCrops?

Extremwetterereignisse wie Hitzewellen und Wassermangel nehmen bekanntermassen zu. Das gefährdet Ernteerträge und belastet die Einkommen der landwirtschaftlichen Betriebe. KlimaCrops bearbeitete genau diese Themen. Mit unseren Projektpartner*innen vom Ebenrain-Zentrum im Kanton Baselland und vom Amt für Landwirtschaft im Kanton Solothurn haben wir verschiedene landwirtschaftliche Anbausysteme – biologisch und ÖLN – unter Berücksichtigung der Umweltwirkungen so modelliert, dass das landwirtschaftliche Einkommen auch zukünftig gesichert werden kann (ÖLN = ökologischer Leistungsnachweis; in der Schweiz die Voraussetzung für den Erhalt der staatlichen Direktzahlungen). 

Wie seid ihr dabei vorgegangen?

Gemeinsam mit Berater*innen und Landwirt*innen haben wir zwei Musterbetriebe als Ausgangspunkt definiert: einen ÖLN-Ackerbetrieb und einen Biomilchbetrieb. Die Landwirt*innen haben dann verschiedene Anpassungsmassnahmen vorgeschlagen – zum Beispiel Tröpfchenbewässerung statt Sprinkler, reduzierte Bodenbearbeitung, trockenheitsresistente Kunstwiesenmischungen, Transfermulch beim Kartoffelanbau, Agroforst oder der Anbau angepasster Kulturen wie Sonnenblumen statt Raps oder Sorghum statt Mais. Die Massnahmen kamen nicht von uns Forschenden, sondern aus der Praxis. Wir haben dann damit die Wirtschaftlichkeit und die Umweltwirkungen modelliert. 

Wie habt ihr die Klimaveränderung in die Rechnung einbezogen?

Mit einem Modell der Welternährungsorganisation FAO haben wir Ertragsprognosen für das Jahr 2050 in der Region Basel-Land und Solothurn erstellt. Diese sind dann in die Berechnung der Wirtschaftlichkeit eingeflossen. Dabei haben wir die heutigen ökonomischen Rahmenbedingungen angenommen, auch bei der Höhe der Direktzahlungen. Die ist natürlich eine grobe Annahme, andere Werte einzusetzen, wäre jedoch sehr spekulativ. 

Was habt ihr zur Wirtschaftlichkeit herausgefunden?

Beide Musterbetriebe verzeichnen im Jahr 2050 Deckungsbeitragsverluste von knapp zehn Prozent. Verantwortlich dafür sind die sinkenden Erträge im Ackerbau. Die gute Nachricht: Die Anpassungsmassnahmen können diese Verluste praktisch ausgleichen – aber auf unterschiedliche Weise. Beim Biomilchbetrieb waren vor allem die trockenheitsresistenteren Kunstwiesenmischungen entscheidend. Der ÖLN-Betrieb konnte dank schonender Bodenbearbeitung mehr Direktzahlungen beziehen. Zum Minus trugen die alternativen Kulturen bei: Sie brachten tendenziell geringere Erlöse da sie entweder die modellierten Ertragsverluste nicht vollständig kompensieren konnten oder leicht geringere Marktpreise erzielten.

Und wie sieht es bei den negativen Umweltwirkungen aus?

Hier zeigen sich unterschiedliche Trends. Wir haben fünf ausgewählte Umweltindikatoren, unter anderem Treibhausgasemissionen, mit FarmLCA analysiert, unserem FiBL Tool für Ökobilanzen. Beim Biomilchbetrieb stiegen die Umweltwirkungen insgesamt leicht an – weil die angepasste Kunstwiese mehr Futter liefert, daher die Milchkuhherde vergrössert werden kann und damit auch mehr Treibhausgas-Emissionen entstehen. Beim ÖLN-Betrieb sieht es anders aus: Weniger Maschineneinsatz durch Direktsaat, reduzierter Zukauf von Raufutter durch den Anbau von Luzerne, der Einsatz von Tröpfchenbewässerung und der Anbau extensiverer Ackerkulturen senken die Umweltwirkungen.

Was bedeutet das für die Praxis?

Es gibt kein Einheitsrezept. Klimaanpassung ist möglich – aber sehr kontextabhängig. Je nach Betriebsstruktur braucht es einen anderen Massnahmenmix. Während der ÖLN-Betrieb im Modell neue Massnahmen bei der Bodenbearbeitung umsetzen kann und so von mehr Direktzahlungen profitiert, ist dieses Potential beim Biobetrieb bereits heute ausgeschöpft. 

Wichtig für die Wirtschaftlichkeit sind die Direktzahlungen. Besonders interessant war auch die Diskussion mit den beteiligten Landwirt*innen: Sie haben darauf hingewiesen, dass der Anbau alternativer Kulturen zusätzliche Unterstützung durch Beratung und Weiterbildung braucht – und angepasste finanzielle Rahmenbedingungen durch Direktzahlungen. Das ist ein wichtiger Hinweis an Politik und Beratung.

Was nimmst du persönlich aus dem Projekt mit?

Wie viel Wissen und Pragmatismus in der landwirtschaftlichen Praxis steckt. Die Landwirt*innen hatten sehr klare Vorstellungen davon, was auf ihrem Betrieb umsetzbar ist und was nicht. Diese Bodenhaftung ist für die Forschung sehr wertvoll. Und es hat bestätigt, was wir auch anderswo beobachten: Klimaanpassung lässt sich nicht von oben verordnen – sie muss gemeinsam entwickelt werden.

Interview: Bernadette Oehen, FiBL

Weiterführende Informationen

Hinweis: Dies ist eine tagesaktuelle Meldung. Sie wird nicht aktualisiert.

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