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Pferdetagung 2026: Ist dick das neue Normal?

Meldung  | 

Übergewicht bei Pferden ist längst kein Randphänomen mehr: In der Schweiz gilt «zu dick» vielerorts schon als normal. An der FiBL-Pferdetagung wurde deutlich, wie eng Fütterung, Haltung und Gesundheitsrisiken zusammenhängen und warum ein geschulter Blick auf den Ernährungszustand der Tiere wichtig ist.

Im Idealfall sind die Rippen zu erahnen und beim Abtasten ohne Druck gut fühlbar. Foto: FiBL, Ann-Christin Lehnert

Um den BCS zu ermitteln, werden sechs Regionen angeschaut und abgetastet. Nur durchs Abtasten lässt sich sicher unterscheiden, ob es sich um Fettpolster handelt oder Muskelgewebe. Fotos oder auch eine starke Behaarung können zum Teil stark täuschen. Illustration: Johanna Probst

Entscheidend sind die Maschenweite und die Länge der Halme. Zu kleine Maschenweiten können zu Frustration führen. Foto: FiBL, Ann-Christin Lehnert

Themenschwerpunkt der diesjährigen FiBL-Pferdetagung waren die Herausforderungen der heutigen Pferdehaltung, insbesondere mit Blick auf Futtersysteme und die Möglichkeiten, den Ernährungszustand eines Pferdes einschätzen zu können. Nach drei Gastvorträgen am Vormittag folgte der Besuch des biodiversen Natura-Hofs in Zeihen.

Wenn Überernährung krank macht

«In der Schweiz sind Pferde tendenziell häufiger übergewichtig als zu dünn», sagt Fütterungsberaterin Johanna Probst von PROROSS, «Dick ist hierzulande fast das neue Normal». Doch selbst leichtes Übergewicht kann langfristig gesundheitliche Folgen haben, sei es in Form von Stoffwechselerkrankungen, einer erhöhten Belastung der Gelenke oder sogar Organschäden durch Fetteinlagerungen.  
Die Ursachen sind meist vielfältig. Üppige Weiden, energiereiches Kraftfutter und gleichzeitig zu wenig Bewegung führen schnell zu einem Energieüberschuss. Dazu kommt, dass es gar nicht so einfach sei, den Ernährungszustand eines Pferdes objektiv zu beurteilen, erklärt Probst. Das Körpergewicht allein gibt zwar einen ersten Anhaltspunkt, unterscheidet jedoch nicht zwischen Muskelmasse, Fett und Knochen.

Lieber Anschauen und Abtasten

Der Body Condition Score (BCS) kann helfen, den Ernährungszustand eines Pferdes besser abzuschätzen. Dabei ist dieser weitgehend unabhängig von Rasse, Alter oder Trainingszustand des Pferdes, da man verschiedene Körperregionen berücksichtigt. Der Bauch wird bewusst nicht beurteilt, da ein «Heubauch» je nach Fütterung, Trächtigkeit oder schwacher Bauchmuskulatur täuschen kann. Stattdessen konzentriert sich die Beurteilung auf die Rippen - diese sollen im Idealfall leicht zu erahnen und gut fühlbar sein - auf Hals und Kammfett, Schulter, Rücken/Lende, Hüfte und den Schweifansatz. Der Schnitt aller Werte ergibt dann eine Punktzahl auf einer Skala von 1 (abgemagert) bis 9 (adipös). Ideal wäre eine 5.

Entscheidend ist, dass man das Pferd vor Ort anschauen und abtasten kann, erklärt Johanna Probst. Auf Fotos ist der Unterschied zwischen Muskeln und Fett kaum auszumachen. «Muskeln sind fester und definierter, während Fettpolster weicher und schwammiger sind», so Probst.

Wird Übergewicht festgestellt, ist Geduld gefragt. Radikale Diäten können die Leber durch den schnellen Fettabbau belasten und mehr Schaden anrichten, als sie beheben würden.

Bitte nicht Füttern (auch wenn's noch so lieb guckt)

Viele Pferdebesitzer*innen kennen das «Fütterungsdilemma», welches darin besteht, den physiologischen und verhaltensbezogenen Bedürfnissen eines jeden Pferdes gerecht zu werden, insbesondere in Bezug auf Weidegang und ad libitum Fütterung, ohne dass das Pferd dabei zu viel Energie aufnimmt. Tatsächlich gibt es hier unterschiedliche Lösungsansatze, welche Marie Roig-Pons, Forscherin an der Uni Bern, basierend auf ihrer Forschungsarbeit, vorstellte. «Slow-Feeding-Systeme» ähneln dem Fressverhalten auf Kurzgrasweiden, und ermöglichen eine besonders natürliche Futteraufnahme. Entscheidend seien hier vor allem die Maschengrösse und die räumliche Ausrichtung der Heunetze, so Roig-Pons. Müssen die Pferde das Heu aus vertikalen Netzen ziehen, kann dies unter Umständen muskuläre Verspannungen begünstigen. Bei Pferden, die von tiefen Heunetzen «von oben» frassen, konnte dies nicht beobachtet werden.

Beobachtungen zeigten zudem positive Verhaltensänderungen gegenüber der rationierten und zeitgesteuerten Fütterung, wie etwa eine geringere Aggressivität und ein synchronisiertes Fressverhalten mit längerer Liegezeit. Gegenüber einer herkömmlichen ad libitum Fütterung, wurde eine geringere Futteraufnahme beobachtet.

Allerdings können zu kleine Maschenweiten bei Heunetzen Frustration auslösen (ein guter Standard ist 4,5 cm). Auch gesundheitliche Aspekte wie mögliche Zahnfleischreizungen sollten im Blick behalten werden. Beobachtungsempfehlungen sprechen sich somit für das «Slow-Feeding-System» aus, wobei Marie Roig-Pons dazu plädiert, am Ende immer auf das Pferd zu hören.

Die Nährstoffe im Blick behalten

Ein weiterer Schlüssel liegt im Weidemanagement. Rebekka Gerber, wissenschaftliche Mitarbeiterin am landwirtschaftlichen Institut Grangeneuve, wies daher auf die Hauptwachstumsphase von Gräsern hin (15. April bis 15. Mai) sowie auf den Weidewechsel von energiereichem Gras im Frühjahr zu proteinhaltigem Gras im Herbst. Grundsätzlich empfiehlt sie, die Nährwerte von Futterpflanzen zu kennen, botanische Zusammensetzung einschätzen zu können und Gräserkombinationen bewusst zu wählen.  
Um hohe Zuckergehalte im Weidefutter zu vermeiden, sollte unter anderem auf das Wetter und auf den Zustand der Weide geachtet werden. Kalte, sonnige Morgen fördern eine erhöhte Fruktaneinlagerung in Gräser. Auch abgefressene Weiden sind nicht automatisch zuckerarm, im Gegenteil: Gestresste Gräser lagern Zucker vermehrt nahe am Boden ein.

Zudem ist ein Kleeanteil bis zu 25-30% auf einer Pferdeweide kein Problem, da die darin enthaltene Proteine nach heutigem Wissensstand nicht die Ursache für Hufrehe sind.

Des Weiteren empfiehlt Rebekka Gerber regelmässig Weidehygiene zu betreiben. Mischweiden erweisen sich als besonders sinnvoll und lassen sich in der klassischen Weidefolge Kühe – Pferde – Schnittweide managen. Zudem erinnert Gerber daran, einen Überblick über das Zusammenspiel von Graswachstum und -zusammensetzung, sowie die Bedarfsfläche zu haben. Wobei es auch gilt, Vertrauen ins hochwertige Schweizer Gras zu haben.

Ann Nachtwey und Michelle Knecht, FiBL

Weiterführende Informationen

Alles zur Pferdehaltung auf dem Biobetrieb (Rubrik Tierhaltung)
Pferdefütterung auf dem Biobetrieb (Rubrik Tierhaltung)
BCS Tabelle (629.7 KB) (Schramme und Kienzle, 2004 als PDF)

 

Hinweis: Dies ist eine tagesaktuelle Meldung. Sie wird nicht aktualisiert.

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