Andreas, es hat dich nach über 30 Jahren am FiBL in den französischen Jura verschlagen. Wie aber kamst du zum Biolandbau und nach Frick?
Ursprünglich komme ich aus Essen, einer sehr urbanen und industriellen Region in Deutschland, wo man die Auswirkungen auf die Umwelt sehr stark spürte. Zu meiner Studienzeit war es das naheliegendste, Agrarwissenschaften zu studieren, wenn man sich wirksam für den Schutz der Umwelt einsetzen wollte. Und in den 1980er Jahren entstand mit dem Biolandbau auch eine echte Gegenbewegung, wo ich merkte, da tut sich was. In Göttingen und später in Braunschweig habe ich mich früh mit Schädlingsbekämpfung und eher per Zufall, mit Bodenmikroorganismen auseinandergesetzt. Mein Hintergrund in der Bodenbiologie brachte mich 1995 auch ans FiBL, wo auf einem durch den Schweizer Nationalfonds finanzierten Projekt bereits hohe Erwartungen lagen. Auch die ersten Arbeiten am DOK-Versuch drehten sich um die Mikrobiologie.
Die Ausrüstung war damals bekanntermassen minimal. Wie nahm die Bodenbiologie als Fachbereich an Fahrt auf?
Die Infrastruktur war tatsächlich sehr bescheiden. Es gab kleine Laborräume, Geräte hatten wir keine. Allerdings waren die ersten Projekte im Bereich Bodenbiologie gut finanziert, womit wir Anschaffungen machen und den Bereich der Bodenbiologie allmählich aufbauen konnten. Mit dem Messen der mikrobiellen Bodenmasse erreichten wir grosse Expertise. Mit der Methode lassen sich auch heute noch Bodenbelastungen gut erkennen. Mit dem Parameter der Bodenbelastungen liessen sich damals viele Publikationen schreiben. Das half, ein Verständnis dafür durchzusetzen, wie sich Düngungen auf Mikroorganismen auswirken. Oder wie monotone Fruchtfolgen die mikrobiologischen Gemeinschaften verarmen lassen. Mit unseren Untersuchungen zur Bodenqualität am DOK-Versuch und der Aufbereitung der vorhandenen Daten konnten wir 2002 unsere Ergebnisse prominent publizieren. Das verschaffte Bio unter anderem den Durchbruch in den Wissenschaften.
Mit der Bodenbiologie hast du dich grob gesagt, in drei Bereichen beschäftigt: Der Biolandwirtschaft im Vergleich, der Bodengesundheit und der Ökotoxikologie sowie der Entwicklungshilfe in Westafrika. Wie kam es zur letzteren?
2015 erhielt ich eine Anfrage eines ehemaligen Masterstudenten, der uns bei einem Projekt von Helvetas für die nachhaltige Baumwollproduktion in Westafrika einspannen wollte. Das war ein spannendes Projekt, dass mich in eine neue Welt geworfen hat. Ich musste lernen, wie man unter den herrschenden Bedingungen lebt und eben auch Landwirtschaft betreibt. Bäuerinnen und Bauern zeigten mir ihre selbst entwickelten Pestizide aus Pflanzenextrakten, Rinden und Lehmerden, die sie zusammenmischen und vergären lassen. Das funktionierte, wenn auch meist nur für kurze Zeit. Allerdings ohne schädliche Nebenwirkungen. Das war sehr interessant, die Erfahrung davon enorm. Meine Rolle fand ich hauptsächlich in der Koordination und im Hintergrund. Vor Ort war ich jeweils einige wenige Male pro Jahr.
Für den Biolandbau zu argumentieren, sei etwa in Mali oder Ghana nicht immer ganz einfach gewesen. Wo lagen die Herausforderungen in der internationalen Arbeit?
Westafrika war interessant, weil mit den Methoden des Biolandbaus und den dortigen Böden einfach der grössere Hebel im Vergleich zu Mitteleuropa erreicht wird. Wir konnten so auch Vorbehalte gegenüber Bio abbauen. Schwierig ist aber, dass die Menschen sehr unterschiedliche Informationen erhalten. Da kommt einmal jemand von einem grossen Konzern und empfiehlt jenes Saatgut und diese Pestizide. Überzeugend wirkt oft auch das entsprechende Prestige, dass grosse Marken und Konzerne mitbringen. Dann wiederum verweisen wir darauf, dass man mit weniger Einsatz von Produktionsmitteln das Risiko und die Abhängigkeiten mindern und trotzdem Gewinn machen kann. Die Leute vor Ort haben einfach ein riesiges Problem, wenn sie die Produktionsmittel als Vorauszahlung für den Ertrag geliefert bekommen und der Ertrag durch einen Ausfall dann nicht erzielt wird. Systemische Stabilität und tiefe Kosten sind meiner Meinung nach für die Menschen nachhaltiger. Das zu vermitteln, war nicht immer einfach.
Die Bodengesundheit, aber auch das FiBL als wichtige Institution des Biolandbaus, liegen dir am Herzen. Was beschäftigt dich, wenn du an die Zukunft beider denkst?
Das FiBL ist in den letzten Jahren stark gewachsen und ich wünsche mir, dass wir stärkere integrative Kräfte fördern. In einem grossen Institut wie dem FiBL kann man sich schnell einmal verloren fühlen. Daher ist es wichtig, alle zusammenzubringen und neue Ideen zu entwickeln, die einen starken Teamgeist fördern. In meinen ersten Jahren am FiBL war ich sehr motiviert, die Ziele voranzutreiben. Damals waren wir ein kleines, engagiertes Team, und unser gemeinsames Zusammenarbeiten hat uns sehr erfolgreich gemacht. Was den Boden angeht: Wenn wir weiterhin auf der Erde leben wollen, müssen wir die Funktionen des Bodens fördern. Der Boden ist ein Reaktor, der alle unsere Aktivitäten in Einklang bringen soll. Er muss Früchte hervorbringen, Schadstoffe abpuffern, CO2 aufnehmen und filtern und so weiter. Wenn er das weiter tun soll, müssen wir ihn pflegen und ihm Sorge tragen. Global gesehen, passiert das aber nicht. Auch auf gesellschaftlicher Ebene – es bringt wenig Humus aufzubauen, bei steigendem Verbrauch fossiler Energien oder ausufernder Kriege. Wir Menschen beanspruchen den Nutzen der Natur, aber tun wenig dafür, dass diese Natur für uns noch lange erhalten bleibt. Das Prinzip der Vorsorge und die langfristigen Ziele gehen im Rausch der aktuellen Veränderungen und Probleme unter. Ich hoffe es ist noch nicht zu spät für den Erhalt oder die Wiederherstellung lebensfreundlicher Bedingungen auf diesem wunderbaren Planeten Erde.
Text: Jeremias Lütold
Weiterführende Informationen
DOK-Versuch (FiBL.org)
