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Low Stress Stockmanship (LSS): Ruhig und überlegt lenken

Low Stress Stockmanship ist eine Methode für den stressarmen und sicheren Umgang mit Schweinen. Im Zentrum steht das Einfühlungsvermögen in das Tier.

Schweinehaltende kennen die Situation gut: Eine Sau soll für den Schlachthof verladen werden – aber sie geht partout nicht in den Anhänger. Wie lässt sich ein mehr als hundert Kilo schweres Tier bewegen, wenn es nicht will? Low Stress Stockmanship (LSS) bietet einen Lösungsansatz. Rund 15 Kursteilnehmende sind im Frühjahr auf dem Ifanghof im Kanton Aargau um einen Anhänger in einem Schweinestall versammelt. Sie wollen lernen, wie sich schwierige Situationen mit Schweinen mit LSS ruhig und sicher managen lassen.

Die Methode kommt ursprünglich aus dem Rinderbereich, kann ansich aber auf jede Tierart angewandt werden. Denn die Grundlage ist etwas, das wir alle kennen: Einfühlungsvermögen. Oder: Wie sieht das Tier die Situation? Warum will es etwas (nicht) tun? Und wie kann ich ihm in seiner Sprache mitteilen, was ich will?

Die Perspektive wechseln

Auf dem Ifanghof lernen die Kursteilnehmenden LSS anhand eines realen Beispiels kennen. Der Betriebsleiter berichtet, dass das Verladen der Mutterschweine an dieser Stelle immer sehr schwierig sei. LSS motiviert zum Perspektivenwechsel: Warum will die Sau nicht in den Anhänger? Wie erlebt sie die Situation? Da sind einerseits die Artgenossen im Stall, seitlich kurz vor der Laderampe, von denen sie sich nicht trennen will. Und: Die Laderampe hängt einige Zentimeter über dem Boden, wackelt etwas und besteht aus Riffelblech. Das mögen Schweine gar nicht. 

Darauf macht Kursleiter Ronald Rongen aufmerksam. Er bietet diverse LSS-Kurse an, wobei das Thema LSS für Schweine noch recht neu ist. Ronald Rongen, Niederländer und in Belgien ansässig, ist Tierarzt, Verhaltensforscher und Tierschutzbeauftragter. Er ist an andere Grössenkategorien und Haltungsarten gewohnt und lobt: «Die Tierhaltung in der Schweiz ist unserer in vielen Schritten voraus». 

Das Wesen der Schweine

Im Theorieteil des Kurses am FiBL hatte er am Vormittag zunächst erklärt, was das Wesen von Schweinen ausmacht: unter anderem ein ausgeprägtes Sozialverhalten, Neugierde und Intelligenz. Erste Erfahrungen seien sehr prägend. An eine erste, stressige Begegnung mit einer Waage erinnere sich ein Schwein zum Beispiel lange. Darum empfiehlt er: Erste Erfahrungen mit neuen Abläufen oder Geräten unbedingt positiv gestalten. 

Ausserdem seien Schweine grundsätzlich Beutetiere mit ausgeprägtem Flucht- und Angstverhalten, so der LSS-Experte. Dies zeige sich zum Beispiel, wenn sie getrieben werden und etwas im Weg liege. Auf unbekannte Objekte würden Schweine zunächst mit Angst reagieren, die aber schnell zu Neugier werden könne, inklusive ausführlichem Erkunden mit dem Rüssel. Darum sei es wichtig, das Treiben von Schweinen gut vorzubereiten und alles, was stören oder ablenken könnte, beiseitezuräumen. Dazu gehören unter anderem Schläuche, Eimer oder Arbeitsgeräte. Aber auch ein Gullideckel, ein Luftzug oder ein starker Schatten könne die Schweine beunruhigen. «Erst mal anhalten, hingehen und ausgiebig begutachten!» sei dann das Motto der Gruppe. «Ein guter Trick ist, den Weg vorher abzulaufen und dabei mit der Handykamera auf Höhe des Oberschenkels zu filmen. Dann sieht man, wie ein Schwein diesen Weg sehen würde», gibt Ronald Rongen als Praxistipp.

Andere Wahrnehmung der Welt

Zudem erläutert er, dass der wichtigste Sinn der Schweine ihre Ohren sind – egal ob stehend oder hängend. Damit würden Schweine die Welt «sehen» und auch sehr hohe Frequenzen hören. Ein wichtiger Hinweis vom Kursleiter ist darum, dass das Umfeld ruhig sein soll. Besonders Geräusche von Metall auf Metall sollen vermieden werden, da dies für die Schweine extrem unangenehme Frequenzen erzeuge. Bei Waagen könne zum Beispiel das Anbringen eines alten Stücks Fahrradschlauch an der richtigen Stelle Wunder bewirken.

Auch auf die Augen und die Nase geht Ronald Rongen ein, die ebenfalls eine wichtige Rolle in der Wahrnehmung von Schweinen spielen: Die Augen sind seitlich, wie bei Fluchttieren üblich. Das heisst, dass sie nur in einem Bereich von 50 Grad vorne räumlich sehen, weshalb Schweine grundsätzlich dahin gehen, wo sie hinschauen. Der Kursleiter erklärt, dass sie farblich Gelb, Gelbgrün und Blau wahrnehmen können, besonders Gelb sei dabei eine Warnfarbe: Gelbe Wasserschläuche oder Kleidungsstücke machen Schweine besonders unruhig – andererseits helfen gelbe Stiefel zum Beispiel beim Treiben von Ferkeln. Blau hingegen habe eine beruhigende Wirkung. Bezüglich des Geruchssinns gibt Ronald Rongen vor allem zwei Tipps: «Wird kurz bevor man in den Stall geht geraucht oder Deo aufgetragen, dann irritiert der Geruch die Tiere ungemein. Zigarettengeruch zum Beispiel signalisiert den Tieren: Achtung, Brandgefahr!»

Mehr Ruhe im Alltag

Die Personen, die den Kurs besuchen, haben unterschiedliche Motivationen für ihre Teilnahme: Da sind Betriebsleitende, die den Umgang mit Mutterschweinen oder das Verladen ruhiger gestalten wollen. Einige Forschende hoffen unter anderem auf Tipps für das Wiegen. Und ein Schlachthof-Mitarbeiter ­interessiert sich dafür, wie den Tieren auf ihrem letzten Weg Stress erspart werden kann.

Dass LSS tatsächlich den Stress von Tieren verringern kann, hat eine FiBL-Studie bei Rindern im Schlachthof gezeigt. Die Projektteilnehmenden trainierten mit ihren Rindern je drei Mal das Laufen durch Panelgänge mit der LSS-Methode. Im Schlachthof wurde bei diesen Tieren ein signifikant tieferer Gehalt des Stresshormons Cortisol gemessen. Und auch die Menschen berichteten, dass die Arbeit mit den Tieren einfacher geworden sei.

Tipps zum Treiben und Verladen

Wie also funktioniert das Treiben von Schweinen nach Low Stress Stockmanship? Ronald Rongen erläutert: «Die Schweine haben eine sogenannte Fluchtzone. Diese kann man sich wie einen Kreis um das Schwein herum vorstellen. Sobald ein Mensch in diese Zone kommt, weicht das Tier aus, um seinen persönlichen Bereich zu wahren.» Die Grösse der Fluchtzone könne je nach Erfahrungen eines Tieres stark variieren: Wenn ein Schwein viel gestreichelt und von Hand gefüttert wird, dann hat es so gut wie keine Fluchtzone mehr. Wenn es selten in Kontakt mit Menschen kommt, dann weicht es schon aus, wenn ein Mensch sich in einiger Entfernung nähert.

Weiter erklärt der Experte, dass man beim Treiben nach LSS in die Fluchtzone der Tiere geht, bis sie sich bewegen. Sobald die gewünschte Reaktion erfolgt ist, wird wieder Abstand gelassen und das Tier dadurch belohnt, dass es in Ruhe gelassen wird. LSS funktioniere grundsätzlich ohne Rufen, ohne Locken und ohne Leckerli als Belohnung. «Wichtig ist immer die richtige Mischung aus Respekt und Vertrauen im Verhältnis von Tier und Mensch», sagt Ronald Rongen. «Und vor allem, ruhig zu bleiben. Wenn ich nervös und gestresst werde, dann überträgt sich das auf die Tiere.» Sein Motto ist «In der Ruhe liegt die Kraft». Dies gilt besonders, wenn die Schweine etwas entdeckt haben, das sie begutachten wollen. Dann solle man ihnen einfach einen Moment Zeit geben und schon geht es weiter.

Beim Beispiel auf dem Ifanghof, wo das Verladen einer Sau an einer schwierigen Stelle angeschaut wurde, könnten schon einfache Mittel die Situation verbessern: Ein Holzkeil unter der Rampe verhindert, dass diese wackelt. Damit gibt man dem Schwein einen sicheren, soliden Untergrund. Zudem kann eine lange Stallmatte am Übergang vom Boden zur Laderampe den Höhenunterschied glätten und der Sau einen bekannten Untergrund bieten. Idealerweise würde der Verladebereich so gestaltet werden, dass die Sau beim Verladen in Richtung der Artgenossen läuft. Je mehr dieser Massnahmen umgesetzt werden, desto wohler fühlt sich das Schwein in der Situation. Es hat nämlich gute Gründe, sich nicht in die gefährlich wirkende neue Umgebung zu wagen. Wer sich in die Tiere hineinversetzen kann und ihre Wahrnehmung der Welt kennenlernt, kann den Alltag mit ihnen stressarmer gestalten – für Tier und Mensch.

Eva Föller, FiBL

Dieser Artikel erschien im Magazin Bioaktuell 6|26.

Weiterführende Informationen

 

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 09.07.2026

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