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Ein Drittel aller Lebensmittel wird verschwendet

Jährlich geht weltweit rund ein Drittel aller produzierten Lebensmittel zwischen Acker und Teller verloren oder wird verschwendet. Die Situation in der Schweiz ist ähnlich: Gemäss dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) fallen jedes Jahr rund 2,6 Millionen Tonnen Lebensmittelverluste an, wobei etwa zwei Drittel davon vermeidbar wären. Im Durchschnitt verschwendet jede Person in der Schweiz rund 190 Kilogramm essbare Lebensmittel pro Jahr.

Food Waste umfasst sowohl Lebensmittelverluste entlang der gesamten Wertschöpfungskette als auch die Verschwendung noch geniessbarer Lebensmittel durch Handel, Gastronomie und Haushalte. Food Waste hat nicht nur wirtschaftliche Folgen, sondern auch weitreichende Auswirkungen auf Klima, Umwelt und Biodiversität.

Intensivierung allein reicht nicht

Gleichzeitig steht die Lebensmittelproduktion weltweit vor grossen Herausforderungen. Bis 2050 dürfte die Weltbevölkerung auf rund zehn Milliarden Menschen anwachsen. Um alle so ernähren zu können wie heute, mit grossen und weiter wachsenden Anteilen tierischer Produkte in den Diäten in vielen Weltregionen, müsste die landwirtschaftliche Lebensmittelproduktion verdoppelt werden, und zwar trotz erschwerter Bedingungen durch den Klimawandel sowie dessen Auswirkungen auf Wasser und Boden. 

Zahlreiche Studien zeigen, dass eine reine Intensivierung der Landwirtschaft nicht ausreicht. Vielmehr braucht es verschiedene Massnahmen, um das Ernährungssystem nachhaltiger zu gestalten. Dazu gehören eine stärker pflanzenbasierte Ernährung, sogenannte «Feed no Food» Strategien, bei denen möglichst wenig Futtermittel vom Acker, wo direkt Nahrung für die Menschen angebaut werden könnte, verwendet werden, [AM1.1]sowie die konsequente Reduktion von Lebensmittelverlusten. Forschende des NFP69 (Nationales Forschungsprogramm «Gesunde Ernährung und nachhaltige Lebensmittelproduktion») betonen, dass viele der Massnahmen, die zu einer nachhaltigeren Lebensmittelproduktion beitragen, gleichzeitig auch eine gesunde Ernährung fördern.

Auswirkungen weit über Landesgrenzen hinaus

Rund zwei Drittel des ökologischen Fussabdrucks des Schweizer Lebensmittelkonsums fallen im Ausland an. Die Schweiz importiert grosse Mengen an Lebensmitteln, Futtermitteln und landwirtschaftlichen Rohstoffen. Lebensmittelverluste in der Schweiz verursachen deshalb auch Umweltbelastungen ausserhalb der Landesgrenzen.

Wo entsteht Food Waste?

Lebensmittelverluste entstehen auf allen Stufen der Wertschöpfungskette. Den grössten Anteil verursachen gemäss BAFU private Haushalte mit rund 39 Prozent. Das entspricht fast 900 000 Tonnen pro Jahr. Fast gleich viel, 37 Prozent, entstehen in der Lebensmittelindustrie. Auf die Gastronomie entfallen rund 11 Prozent, auf die Landwirtschaft 9 und auf den Einzelhandel 4 Prozent. Untersuchungen des Nationalen Forschungsprogramms NFP 69 sehen die Verringerung von Lebensmittelverlusten als wichtigen Hebel für ein nachhaltigeres Ernährungssystem.

Wenn Ästhetik zu Verschwendung führt

Ein Teil der Lebensmittelverluste entsteht, weil Gemüse, Früchte oder Kartoffeln die Qualitätskriterien von Handel und Industrie nicht erfüllen. Besonders deutlich zeigt sich dies am Beispiel der Kartoffelproduktion in der Schweiz. Untersuchungen des NFP 69 zeigen, dass rund 53 Prozent der Schweizer Kartoffelernte für den menschlichen Konsum verloren gehen.

Ein grosser Teil dieser Verluste entsteht bereits auf landwirtschaftlicher Ebene, häufig weil Kartoffeln ästhetische Anforderungen (Grösse, Form oder andere Qualitätsvorgaben) des Handels oder der Verarbeitung nicht erfüllen. Die Forschenden empfehlen, die ästhetischen Standards für Kartoffeln zu senken, da Form und Grösse für die Verbraucher*innen eine untergeordnete Rolle spielen.

Die grösste Verbesserungsmöglichkeit finden

Kartoffeln, die nicht den Standards der Lebensmittelverarbeitung entsprechen, sollen als Futtermittel verwenden werdet. Kleinere, lichtdichte Verpackungen könnten den Konsumierenden helfen, die richtige Menge an Kartoffeln zu kaufen und die Haltbarkeit verbessern. Da sich die Vorschläge nicht ohne Weiteres auf andere Lebensmittel übertragen lassen, empfehlen die Forschenden, auch dort zu analysieren, auf welcher Stufe das grösste Optimierungspotential besteht.

Ein Forschungsprojekt des FiBL in Zusammenarbeit mit Coop zielt genau darauf ab, Verluste frischer Biofrüchte und -gemüse zwischen Feld und Verkaufsort zu reduzieren. Der Fokus liegt auf der Identifizierung kritischer Punkte in der Lieferkette und Entwicklung von Lösungen zur Verbesserung der Haltbarkeit. 

Mindesthaltbarkeitsdaten besser verstehen

Sinnvoll sind laut NFP 69 auch Aufklärungskampagnen, um das Verständnis des Mindesthaltbarkeitsdatum zu verbessern. Viele Lebensmittel werden ungeöffnet kurz nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums entsorgt, obwohl sie oft noch geniessbar wären. Informationskampagnen und eine verständlichere Kennzeichnung könnten hier Abhilfe schaffen. Zudem wird an Verpackungen geforscht, die auf pH Veränderungen bei tatsächlichem Verderb reagieren und diesen anzeigen sollen. 

Kreisläufe besser schliessen

Nicht vermeidbare Lebensmittelreste können als Dünger oder Bodenverbesserer wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden. Solche Ansätze werden beispielsweise im europäischen Projekt «Waste4Soil» untersucht. Das FiBL testet unter anderem, ob verschiedene Bodenverbesserer einen positiven Effekt auf die Unterdrückung von Pflanzenkrankheiten, die Stickstoffverfügbarkeit im Boden oder den Wasserhaushalt haben. 

Food Waste Reduktion als Teil eines nachhaltigen Ernährungssystems

Die Forschung zeigt deutlich: Die Reduktion von Lebensmittelverlusten ist ein wichtiger Hebel für mehr Nachhaltigkeit im Schweizer Ernährungssystem. Weniger Food Waste bedeutet geringere Treibhausgasemissionen und weniger Umweltbelastung entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Gleichzeitig kann Food Waste nicht isoliert betrachtet werden. Um die wachsende Weltbevölkerung nachhaltig zu ernähren, braucht es ein Zusammenspiel verschiedener Massnahmen: eine stärker pflanzenbetonte Ernährung, eine Reduktion der Tierproduktion (z.B. im Einklang mit Feed no Food Strategien), einen verantwortungsvollen Konsum und die konsequente Verringerung von Lebensmittelverlusten.

Michelle Knecht, FiBL

Weiterführende Informationen

NFP 69 Ergebnisse (2020): Gesunde Ernährung aus nachhaltiger Lebensmittelproduktion
NFP69 Nahrungsmittelverluste bei Kartoffeln reduzieren
Übersicht Food Waste in der Schweiz (BAFU)
Lagerverluste bei Biofrüchte- und gemüse vermeiden (fibl.org)
Waste4Soil (EU-Projekt)

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