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Low Stress Stockmanship (LSS): Wie man mit Rindern spricht

Die Methode Low Stress Stockmanship ermöglicht mit einfachen Techniken, mit den Tieren und nicht gegen sie zu arbeiten. Das ist stressfrei – für die Rinder und für die Menschen.

Es soll ganz ruhig sein. Wenn Philipp Wenz mit Rindern arbeitet, spricht er kein Wort. Er ruft nicht, er flucht nicht und er redet ihnen nicht gut zu. Seine Kommunikation funktioniert nur mit Körperhaltung und mit seiner Position zu den Rindern. «Rinder haben ein sehr gutes Gehör. Sie hören einen grösseren Frequenzbereich und leisere Töne als wir», erklärt er anlässlich eines zweitägigen Workshops Ende 2023. «Zufriedene Kühe sind still, unzufriedene Kühe brüllen. Darum gilt bei Kühen: je leiser, desto besser.»

Im Workshop, der auf dem Demeter-Hof Silberdistel von Cäsar und Lena Bürgi im Solothurner Jura stattfindet, geht es um Low Stress Stockmanship (LSS), einer Methode zum stressarmen Umgang mit Herdentieren. Kursleiter Philipp Wenz bietet bereits seit vielen Jahren Fortbildungen zu LSS an. Der Agrarwissenschaftler und gelernte Landwirt hat auf vielen Höfen in Deutschland und der Schweiz gearbeitet und dabei die Erfahrung gemacht, dass es acht Mitarbeitende und zwei Stunden stressige Arbeit – für Mensch und Tier – brauchen kann, um Kühe in einen Korral zu bringen. Auf der Suche nach einer einfacheren Lösung stiess er auf den Amerikaner und LSS-Erfinder Bud Williams. In der Weite der Prärie hat dieser Methoden entwickelt, wie eine ganze Herde von ein bis zwei Menschen gelenkt werden kann. Von Bud Williams hat Philipp Wenz LSS erlernt und hat inzwischen ausführliche Erfahrung mit der Methode. 

LSS basiert auf einem Grundstein: sich in die Rinder hineinversetzen und sie verstehen lernen. Dadurch kann laut Philipp Wenz eine gute gemeinsame Arbeit zwischen Mensch und Tier entstehen. «Diese erfolgt zwischen den beiden Polen Vertrauen und Respekt», sagt er. Dabei sei die richtige Balance entscheidend: Zu viel Respekt bei abnehmendem Vertrauen gehe über in Angst, und aus Angst können Angriffe entstehen, besonders, wenn das Tier keinen anderen Ausweg sehe. Zu viel Vertrauen wiederum und die Tiere würden respektlos, was zu Unfällen führen könne. Wenn eine Kuh zum Beispiel schubse, weil sie spielen wolle, sei das für den Menschen gefährlich.

Forschungsprojekt zu LSS

Das Zielpublikum für LSS ist breit. Es umfasst alle, die Umgang mit Rindern haben. Dazu gehören neben Personen aus der landwirtschaftlichen Praxis auch Tierärztinnen, Klauenpfleger, Wissenschaftlerinnen und Mitarbeiter von Schlachthöfen. Die Methode ist sowohl für Betriebe mit Milchkühen als auch mit Mutterkühen geeignet. Besonders in Bezug auf die Schlachthöfe ist das Interesse an LSS gross. So hat auch das aktuelle Projekt «Konditionierung von Rindern auf dem landwirtschaftlichen Betrieb für die Stressreduzierung von der Geburt bis zur Schlachtung (Konditionierung Schlachthof )», das vom FiBL koordiniert und von Coop finanziert wird, das Ziel, den Stress der Tiere auf ihrem letzten Weg zu reduzieren. Viele sind nach ihrem freien Leben auf der Weide nicht an das Verladen in einen Anhänger und an Panelgänge gewöhnt. Das Projekt will den stressfreien Umgang mit Mastrindern auf den am Versuch teilnehmenden landwirtschaftlichen Betrieben fördern. Das beteiligte Schlachthofpersonal wurde bereits früher in LSS geschult. Wenn auf der Weide und im Stall damit gearbeitet wird, können die gleichen Methoden auf dem Schlachthof angewendet werden. Sie mindern den Stress der Tiere und sorgen für effizientere Abläufe. Damit können Tierwohl und Ökonomie Hand in Hand gehen. Bringt das Projekt vielversprechende Ergebnisse, soll die Methode Höfen und Schlachtbetrieben empfohlen werden. 

Beobachten und bewusst kommunizieren 

Wie also funktioniert LSS? Der Umgang von Philipp Wenz mit den Rindern sieht mühelos aus. Es ist wie eine eigene Sprache, die er erlernt hat, um mit den Rindern zu kommunizieren. Dabei sind die «Vokabeln» subtile Änderungen der Körperhaltung sowie die Position zu den Rindern. Auf Flipcharts erklärt Philipp Wenz in der Theorie, wo man laufen müsse, wenn man die Herde in eine bestimmte Richtung lenken wolle. Mit Zickzacklinien von hinten zum Beispiel treibe man sie geradeaus. Laufe man im gleichen Tempo wie die Tiere oder etwas schneller an ihnen vorbei, dann bremse man sie. Um sie um ein Kurve zu lenken, müsse man weit in die Aussenkurve laufen. «Dabei muss man stets alle Tiere im Blick behalten», kommentiert Philipp Wenz das Vorgehen im praktischen Teil des Kurses. Er führt aus, dass die Tiere unglaublich sensibel seien und genau beobachten würden, was der Mensch tue. Mit unserer Einstellung und Haltung kommunizieren wir konstant, auch wenn uns das nicht bewusst ist. Und die Tiere reagieren auf uns. Darum sei es essenziell, die Tiere zu beobachten und zu verstehen, wie sie auf was reagieren und was sie uns kommunizieren. 

Dafür hat auch Philipp Wenz kein allgemeingültiges Rezept, aber Anregungen. Ein gesenkter Kopf sei meistens eine Drohung, Scharren mit den Vorderhufen auch. Den Kopf vorstrecken und Schnuppern heisse dagegen: «Ich bin neugierig und will dich kennenlernen». Da solle man das Tier dann schnuppern lassen. Wichtig sei, dass man die Tiere genau beobachte und auf sein Bauchgefühl höre. Wenn man sich einem ausgewachsenen Stier oder einer Mutterkuh nicht gewachsen fühle, dann sei eine Konfrontation lebensgefährlich. Er selbst könne durch seine lange Erfahrung genau einschätzen, wann es eine klare Ansage brauche und wann der Druck reduziert werden müsse. 

Um zu starten, könnten aber viele einfache Techniken ganz schnell übernommen werden. Zum Beispiel das Treiben einer Herde von hinten im Zickzackgang oder das ständige Beobachten der Tiere, um ihre Stimmung einschätzen zu können und allfällige Angriffe vorherzusehen. Matthias Schwarz, ein Kursteilnehmer mit eigenem Mutterkuhbetrieb und Mitglied bei Mutterkuh Schweiz, hat am Abend des ersten Kurstages schon einen Erfolg im Treiben gehabt. «Ich lief von hinten auf die Schulter der Kuh zu, wie wir es in der Theorie gelernt hatten. Sie lief tatsächlich in die gewünschte Richtung los.» Landwirt Michael Beetschen ist schon zum zweiten Mal dabei. Nach dem letzten Mal habe es etwas gedauert, aber für den täglichen Weidebetrieb funktioniere das Treiben inzwischen sehr gut. Cem Baki, Tierarzt und Forscher am FiBL, erhofft sich, das häufige Wiegen von Kälbern mit LSS zu vereinfachen: «Manchmal dauert es bis zu einer halben Stunde, um ein Kalb in den Laufgang zu bringen.» In Zukunft will er gerne die im Kurs vorgestellte «Bud Box» nutzen. Das ist ein Korralaufbau, mit dem die Rinder ganz einfach in den Treibgang und dann in den Fangstand gebracht werden können, weil er die Art, wie sich Rinder bewegen, geschickt nutzt. 

Die Bedürfnisse der Tiere berücksichtigen 

Als Fazit des Workshops lässt sich zusammenfassen: Wenn man etwas Empathie für die Rinder aufbringt, sie beobachtet und lesen lernt, dann braucht man sie nicht mit Angst zu kontrollieren. Dann kann ein qualifiziertes Vertrauen aufgebaut werden, indem man den Tieren nicht mehr zumutet als nötig. Gleichzeitig darf man nicht denken, dass ein Tier zahm ist, weil man es streicheln kann. Das Streicheln ist ein Zeichen für Vertrauen, aber häufig nicht für genug Respekt. Eine gute Mensch-Tier-Beziehung zeigt sich, wenn das Tier im richtigen Augenblick tut, was es soll und wenn gleichzeitig der Mensch die Bedürfnisse des Tieres berücksichtigt. Da kann es reichen, beim Klauenschneiden dem Tier eine kurze Verschnaufpause zu geben oder es eine «Ehrenrunde» drehen oder lange schnuppern zu lassen, bevor es in den Hänger steigt. Kühe sind sensible Lebewesen. Wenn wir Menschen sie nicht gut verstehen, dann scheinen sie uns oftmals dumm und störrisch. Wenn man sie aber verstehen lernt, kann man ein Gespür dafür entwickeln, welche menschlichen Ansprüche für die Tiere in Ordnung sind und kann ihnen ohne Stock und Schreien mitteilen, was man von ihnen will. Das ist entspannt, effizient und ganz ehrlich – irgendwie auch magisch. 

Eva Föller, FiBL 

Dieser Artikel ist im Bioaktuell 1|2024 erschienen.

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