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Prosumieren statt konsumieren?

Regionale Vertragslandwirtschaft bringt Produzent*innen und Konsument*innen wieder näher zusammen. Aus Konsumierenden werden Mitverantwortliche, sogenannte Prosument*innen. Solche Modelle können Betrieben neue Wege eröffnen, regionale Wertschöpfung stärken und nachhaltigere Ernährung fördern.

Lebensmittel entstehen nicht einfach im Regal des Detailhandels. Hinter jedem Produkt stecken Menschen mit ihrer eigenen Geschichte, viel Arbeit, Ressourcen und Zeit. Doch das Bewusstsein für diese Zusammenhänge ist in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend verloren gegangen. Globale Märkte, steigender Preisdruck und standardisierte Versorgungssysteme haben die Distanz zwischen denjenigen vergrössert, die Lebensmittel produzieren, und jenen, die sie essen.
Gleichzeitig möchten viele Menschen wieder besser verstehen, woher ihre Lebensmittel kommen. Alternative Ernährungsnetzwerke greifen dieses Bedürfnis auf. Stadtgärten, Solidarische Landwirtschaft und regionale Vertragslandwirtschaft (RVL) schaffen neue Formen der Zusammenarbeit. Sie bringen Produzent*innen und Konsument*innen wieder näher zusammen. Konsument*innen werden dabei zu sogenannten Prosument*innen, also Menschen, die nicht nur konsumieren, sondern eine Mitverantwortung für die Produktion ihrer Lebensmittel übernehmen.

Chance für mehr Verständnis

In der regionalen Vertragslandwirtschaft kaufen Menschen nicht einfach Lebensmittel ein. Sie gehen eine Partnerschaft mit einem Landwirtschaftsbetrieb ein. Es gibt zahlreiche Modelle, die sich je nach Betriebsform, Grad der Mitbestimmung und Erwartungen an die Beteiligung der Mitglieder unterschiedlich ausgestalten. Während bei einigen Projekten die Konsument*innen hauptsächlich über ein Abonnement eine Partnerschaft mit einem Landwirtschaftsbetrieb eingehen, beteiligen sie sich in anderen Modellen auch an Entscheidungsprozessen oder engagieren sich aktiv bei Anbau, Ernte oder Verteilung.
Gemeinsam ist allen Ansätzen das Ziel, die Distanz zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft zu verringern und die Wertschätzung für Lebensmittelproduktion zu fördern. Die Mitglieder erleben, dass Obst, Fleisch und Gemüse nicht jederzeit verfügbar sind, Form, Grösse und Farbe natürlicherweise schwanken, dass Ernten von Wetterbedingungen abhängen und welche Arbeit hinter einem Produkt steckt. Wer regelmässig Gemüse aus regionaler Produktion erhält, beschäftigt sich laut Umfragen des NFP 69 oft stärker mit Saisonalität, Lagerung und Verarbeitung.

Mehr Planungssicherheit für Betriebe

Für Landwirtschaftsbetriebe kann die Zusammenarbeit mit Prosument*innen wirtschaftliche Vorteile bringen. Besonders für kleinere und vielfältige Betriebe kann die direkte Vermarktung eine Möglichkeit sein, unabhängiger von schwankenden Märkten zu werden.

Durch Abos oder Jahresverträge entsteht eine grössere Planungssicherheit. Die Produzent*innen kennen ihre Abnehmer*innen und können ihre Produktion besser auf die Nachfrage abstimmen. Auch können sie ihre Risiken mit den Konsument*innen teilen, sollten sie beispielsweise Ernteausfälle aufgrund schlechter Witterung haben. Gleichzeitig bringt diese Partnerschaft auch neue Verpflichtungen mit sich, etwa direkte Verhandlungen, Kommunikation mit Mitgliedern, Organisation oder Verteilung.

Mühe sich bei breiter Bevölkerungsschicht durchzusetzen

Trotz ihrer positiven Wirkung erreichen regionale Vertragsmodelle bisher vor allem bestimmte Bevölkerungsgruppen. Untersuchungen zeigen, dass 80 Prozent der Mitglieder über ein höheres Bildungsniveau verfügen und der mittleren oder oberen Gesellschaftsschicht angehören. Eine zentrale Herausforderung besteht deshalb darin, diese Modelle breiter zugänglich zu machen. Fragen nach Preis, Verfügbarkeit und regionaler Infrastruktur müssen gelöst werden, damit Prosument*innenmodelle nicht nur eine engagierte Nische bleiben.

Politik und Gesellschaft sind gefordert

Damit Landwirtschaft und Gesellschaft näher rücken können, braucht es geeignete Rahmenbedingungen. Die Wissenschaftler*innen des NFP 69 plädieren für eine bessere Anerkennung der Dienste, welche solche Modelle für die Allgemeinheit und den Umweltschutz leisten, sowie Unterstützung bei Zugang zu Land, Finanzierung und Infrastruktur.
Auch öffentliche Einrichtungen wie Schulen, Alterszentren oder Gemeinschaftseinrichtungen könnten stärker Partnerschaften mit lokalen Produzent*innen eingehen, die auf den Grundsätzen der RVL basieren.

Michelle Knecht, FiBL

Weiterführende Informationen

Selbsterntegarten: Direktvermarktung mit Planungssicherheit (Rubrik Pflanzenbau)
NFP 69 Bericht: Beziehung zwischen Produzenten und Konsumenten

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