Bei der Exkursion wurde deutlich, wie wichtig der Austausch zwischen Personen aus Beratung, Forschung und Praxis beim Thema Biodiversität ist. Foto: FiBL, Simona Moosmann
Die Gruppe war von dem Reichtum an Pflanzen, Insekten und Vögeln auf der Angofa-Farm in Rumänien fasziniert. Fotos: FiBL, Simona Moosmann
Die rumänische Nichtregierungsorganisation ADEPT war Gastgeber der Veranstaltung und hieß die vielfältig zusammengesetzte Gruppe auf der Angofa-Farm in Sighișoara willkommen. Überall summte es, die Eindrücke von Düften und Farben waren vielseitig und bunt. Die Besichtigung der artenreichen Grünlandflächen in der Umgebung von Sighișoara in Rumänien hinterliess Eindruck. «Hier kannst du die Artenvielfalt richtig spüren» lautete ein Fazit der Teilnehmenden.
Das EU-Projekt FarmBioNet hat zum Ziel biodiversitätsfreundliche landwirtschaftliche Praktiken zu verbreiten, indem es den Wissensaustausch zwischen Personen aus der Praxis, der Forschung, der Beratung fördert.
Wertvoller Austausch für die Praxis
Die Möglichkeit zum Austausch bei dieser Exkursion wurde sehr geschätzt: «Als Landwirt arbeite ich ja sonst viel allein», begründete ein Teilnehmer sein Interesse an der Veranstaltung. Und eine Landwirtin ergänzte: «Es tut gut zu sehen, dass es auch andere gibt, die sich so für die Artenvielfalt begeistern».
Die Praktikerinnen und Praktiker nutzten die Chance für die Teilnahme trotz der arbeitsreichen Sommerzeit: «Bei der ganzen Arbeit ist es wichtig, mal rauszukommen, um etwas zu lernen und auch um neue Inspiration zu bekommen», war ein Ehepaar aus Rumänien überzeugt.
«Für mich ist das eine einzigartige Möglichkeit für Diskussionen und Informationsaustausch», erklärte Sebastian Aldea, der die Gruppe über seinen Milchviehbetrieb, die Albești SEBAL Farm, führte. Seine Botschaft war grundsätzlich: «Zuerst müssen wir uns und unsere Arbeit selbst wertschätzen. Nur so können auch die Verbraucher und Verbraucherinnen unsere Produkte zu schätzen lernen.»
Biodiversität und Wirtschaftlichkeit
Cristi Gherghiceanu, Geschäftsführer von ADEPT, erklärte: «Unserer Meinung nach sind Heuwiesen der Hotspot der Biodiversität». Das erste Ziel der durch ADEPT geführten Angofa-Farm ist es, die Artenvielfalt zu fördern. Trotzdem arbeitet der Betrieb wirtschaftlich: «Wir erzielen Gewinne durch öffentliche Fördermittel, durch die Lebensmittelverarbeitung von regionalen Produkten und mit Hilfe zusätzlicher Gelder durch private Geldgeber», erklärte Gherghiceanu.
Bei der Exkursion wurde deutlich, wie wichtig der Austausch zwischen Personen aus Beratung, Forschung und Praxis beim Thema Biodiversität ist. Details zu den wirtschaftlichen Zusammenhängen und Organisationsstrukturen waren besonders den teilnehmenden Landwirtinnen und Landwirten wichtig. Dieser unternehmerische Blick trägt zu einer ganzheitlichen Betrachtung von Biodiversitätsmassnahmen bei. «Nur wenn Massnahmen auch wirtschaftlich nachhaltig sind, können sie langfristig funktionieren», so eine Teilnehmerin.
Abhängigkeit von Agrarsubventionen
Die starke Abhängigkeit von öffentlichen Geldern nahmen die Landwirtschaftsbetriebe in Rumänien als Problem war. «Es ist unser Ziel, auch ohne Agrarsubventionen ökonomisch nachhaltig zu sein», erklärte Cristi Gherghiceanu. «Landwirtschaftsbetriebe müssen sich diversifizieren, um unabhängiger zu werden».
Nach Einschätzung von Gherghiceanu würden ohne öffentliche Fördergelder die Hälfte der rumänischen Betriebe verschwinden. Politische Entscheidungen in der Agrarpolitik seien oft nicht vorhersehbar und so manche Fördermassnahme halte einer kritischen Prüfung durch die Praxis nicht stand.
ADEPT versucht, Probleme in der regionalen Wertschöpfungskette zu erkennen und Lösungen zu finden, beispielsweise durch die Schließung von Lücken in der Infrastruktur. Das geht nur zusammen: "Als Nichtregierungsorganisation müssen wir die Landwirte einbeziehen, um erfolgreich zu sein", schloss Gherghiceanu.
Letzte traditionelle Praktiken
Bei der Exkursion konnten die Teilnehmenden die grosse Bandbreite zwischen modernen und traditionellen landwirtschaftlichen Praktiken in Rumänien erahnen. «Wir sind mit einem starken Preisdruck aus anderen EU-Ländern und aus Übersee konfrontiert», kommentierte Sebastian Aldea, der deshalb versucht, möglichst kostenoptimiert zu produzieren.
Auf der anderen Seite sind auch traditionelle Arbeitsweisen noch sehr lebendig. Beim Besuch der gemeinschaftlichen Weideorganisation in Viscri traf die Gruppe auf den zuständigen Hirten mit der rumänischen Fleckviehherde. Der Verband arbeitet noch mit Gemeinschaftsweiden, wie es früher vielerorts in Europa üblich war. Abends im Dorf trennen sich die Tiere und gehen selbständig in ihren Heimatstall.
Der Unterschied zum moderneren Milchviehbetrieb ist jedoch enorm: «Dieses rumänische Fleckvieh mit viel Weidegang gibt ungefähr 3000 bis 4000 Liter Milch pro Jahr» erklärte Dietmar Gross, Vorstandsmitglied der Weideorganisation. Das ist im Vergleich zur westeuropäischen Standardmilchkuh mit 8000 bis 10 000 Liter Jahresmilch ein sehr geringer Ertrag. Dafür steige mit dem Weidegang die Qualität der Inhaltsstoffe, wandte Sebastian Aldea ein. Was die Frage zurück lässt: Wie wollen wir uns ernähren und wer bezahlt dafür?
Wertvolle Ressource für ganz Europa
Letztendlich sind die artenreichen Wiesen und Weiden in Rumänien auch ein Schatz und eine wichtige Ressource. Nach dem Besuch der Angofa-Farm fasste eine Teilnehmerin ihre Eindrücke so zusammen: «Diese Artenvielfalt ist aussergewöhnlich. Wir hoffen ihr könnt das hier bewahren, für ganz Europa.»
Simona Moosmann, FiBL
Weiterführende Informationen
Projekt FarmBioNet (FiBL Projekte)
Handbuch Biodiversität in der Landwirtschaft (FiBL Shop)
Plattform Biodiversität Schweiz (agrinatur.ch)
