Diese Website unterstützt Internet Explorer 11 nicht mehr. Bitte nutzen Sie zur besseren Ansicht und Bedienbarkeit einen aktuelleren Browser wie z.B. Firefox, Chrome
FiBL
Bio Suisse
Logo
Die Plattform der Schweizer Biobäuerinnen und Biobauern

Ernährungssicherheit: Kann Bio die Welt ernähren?

Die Intensivierung der Landwirtschaft hat in den letzten Jahrzehnten weltweit die Verfügbarkeit von Lebensmitteln stark erhöht, allerdings nicht ohne erhebliche Auswirkungen auf die Umwelt. Stickstoffüberschüsse, Biodiversitätsverluste, Treibhausgasemissionen, Pestizidrückstände in Böden und Gewässern zeigen, dass das heutige System langfristig an Grenzen stösst. Gleichzeitig wird erwartet, dass die globale Nahrungsmittelproduktion bis 2050 um 50 Prozent steigen muss, um rund 9 Milliarden Menschen ernähren zu können. 

Kann Bio allein die Welt ernähren?

Ganz so einfach ist die Antwort nicht. Eine wegweisende internationale Studie des FiBL von 2017 kommt zum Schluss: Eine 100-prozentige Umstellung auf Bio allein reicht nicht aus, um die wachsende Weltbevölkerung nachhaltig zu ernähren. Bio kann aber ein wichtiger Bestandteil eines zukunftsfähigen Ernährungssystems sein, wenn gleichzeitig Food-Waste vermieden, die Tierzahlen reduziert und unsere Konsumgewohnheiten verändert werden.

Bio reduziert den Einsatz synthetischer Pestizide und Stickstoffüberschüsse, erzielt jedoch im Durchschnitt tiefere Erträge als die konventionelle Landwirtschaft. Die Studie rechnet mit rund 8 bis maximal 25 Prozent weniger Erträgen als in der konventionellen Landwirtschaft. Der Klimawandel könnte die Ertragssituation für die Landwirtschaft im Allgemeinen zusätzlich verschärfen. Bei gleichbleibendem Konsum und unveränderten Essgewohnheiten würde eine vollständige Umstellung auf Bio daher deutlich mehr Fläche benötigen als heute. Das hätte erhebliche Folgen: Wälder müssten gerodet werden, der Druck auf Ökosysteme würde steigen. 

Entscheidend ist das gesamte Ernährungssystem

Gleichzeitig zeigt die internationale Studie, dass hohe Bioanteile und damit einhergehend deutlich geringere Umweltbelastungen durchaus möglich wären, wenn weitere Massnahmen umgesetzt würden.
Besonders wichtig sind dabei: Weniger Food Waste, eine stärker pflanzenbetonte Ernährung, sowie die Reduktion sogenannter «food-competing-feed». Damit sind Futtermittel gemeint, die direkt mit der Nahrungsmittelproduktion konkurrenzieren, also auf Ackerflächen angebaut werden, auf denen auch direkt Nahrung für die  Menschen  produziert werden könnte – etwa Getreide, Futtermais oder Soja.

Situation in der Schweiz: Mehr Selbstversorgung durch eine «Feed no Food» Strategie

Eine kürzlich erschienene Studie der ETH und des FiBL untersuchte den Selbstversorgungsgrad in der Schweiz. Der Netto-Selbstversorgungsgrad der Schweiz liegt heute bei knapp 50 Prozent. Das bedeutet, dass nur etwa die Hälfte der Lebensmittel (ohne Nahrungs- und Futtermittelimporte) tatsächlich im Inland produziert wird.

Interessant ist dabei: Eine reine Intensivierung der Produktion hätte vergleichsweise wenig Einfluss auf den Selbstversorgungsgrad. Selbst eine durchschnittliche Ertragssteigerung von 25 Prozent würde den Netto-Selbstversorgungsgrad der Schweiz lediglich um etwa fünf Prozent erhöhen.
Heute wächst auf Ackerflächen viel Futter für Tiere. Gut ein Viertel des in der Schweiz verfütterten Kraftfutters geht dabei in die Milchproduktion, obwohl genügend Gras für eine Selbstversorgung mit Milch und Rindfleisch vorhanden wäre. Zudem können Wiederkäuer Kraftfutter deutlich schlechter verwerten als Gras. Circa 80 bis 90 Prozent der im Kraftfutter enthaltenen Energie und Proteine gehen in der Rinderfütterung verloren.

Würden weniger solcher Futtermittel produziert und Tiere stärker mit Gras sowie Nebenprodukten aus der Lebensmittelverarbeitung gefüttert, könnten freiwerdende Flächen direkt für die menschliche Ernährung genutzt werden. Die Produktion pflanzlicher Lebensmittel auf diesen Ackerflächen könnte den Netto-Selbstversorgungsgrad der Schweiz auf 70-80% deutlich erhöhen. Gleichzeitig reduzieren sich dadurch die Umweltbelastung stark. Szenarien ohne Futtergetreide und Futtermais erreichen laut dieser Studie die Klimaziele der Schweiz mit einer Reduktion der Treibhausgasemissionen von mindestens 40 Prozent. Auch die Ammoniakemissionen würden deutlich sinken. Diese liegen heute seit Jahren mehr als 60 Prozent über dem Zielwert. Hauptgrund für die Entlastung wären geringere Tierbestände, weniger importiertes Futter und kleinere Stickstoffüberschüsse.

Weniger Food Waste

Heute gehen ausserdem weltweit schätzungsweise etwa 30 Prozent aller produzierten Lebensmittel verloren. Wenn weniger Lebensmittel verschwendet werden, muss insgesamt weniger produziert werden. Dadurch sinken Flächenbedarf und Umweltbelastung. Eine Kombination aus 60 Prozent biologischer Produktion, 50 Prozent weniger «food-competing-feed»  und 50 Prozent weniger Food-Waste, bräuchte laut der obengenannten internationalen Studie kaum mehr Fläche, eine ausreichende Stickstoffzufuhr wäre gewährleistet und die Umweltbelastung wäre geringer als in rein konventionellen Szenarien.

Herausfordernder Wandel?

Die entscheidende Frage für ein zukunftsfähiges Ernährungssystem lautet also nicht nur «Bio oder konventionell?». Ebenso wichtig ist, wie Flächen genutzt werden und wie wir konsumieren. Bio kann einen wichtigen Beitrag zu einem nachhaltigeren Ernährungssystem leisten. Entscheidend sind jedoch zusätzliche Veränderungen wie weniger Food Waste und «Feed no Food» Systeme. Gleichzeitig betonen die Forschenden jedoch auch, dass ein solcher Wandel nicht ohne Herausforderungen verlaufen würde. Besonders betroffen wäre die Tierproduktion, die historisch, kulturell und wirtschaftlich stark in der Schweiz verankert ist. Damit eine Transformation gelingt, brauche es politische Unterstützung, wirtschaftliche Perspektiven für betroffene Betriebe sowie Veränderungen im Konsumverhalten, im Handel und in der Lebensmittelindustrie.

Michelle Knecht und Adrian Müller, FiBL

Möchten Sie die Website zum Home-Bildschirm hinzufügen?
tippen und dann zum Befehl zum Home-Bildschirm hinzufügen nach unten scrollen.