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(Un)sichtbare Folgen von Pestiziden

Pestizide sind in der Schweiz allgegenwärtig. Sie werden hauptsächlich in der Landwirtschaft, aber auch im Siedlungsraum, in der Forstwirtschaft sowie in der Lebensmittel- und Futtermittelindustrie eingesetzt. Als Pflanzenschutzmittel vermindern sie Ertrags- oder Qualitätseinbussen durch Schädlinge und Krankheiten. Allerdings gelangt ein erheblicher Teil in die Umwelt und belastet Böden, Gewässer und Luft. Davon betroffen sind auch Nichtzielorganismen, mit gravierenden Folgen für die Biodiversität und auch für die menschliche Gesundheit.

Schätzungen zufolge werden 85-90 Prozent der gesamten Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffmenge in der Landwirtschaft und 10-15 Prozent im Siedlungsraum eingesetzt. Besonders intensiv werden Obst, Reben, Kartoffeln, Zuckerrüben sowie gewisse Gemüsekulturen behandelt. Aber auch Wiesen und Weiden sind zum Teil Herbiziden ausgesetzt. 

Belastung von Böden, Gewässern, Luft

Problematisch ist, dass Pestizide nach der Ausbringung nicht nur auf den behandelten Kulturen verbleiben. Je nach Wirkstoff, Ausbringungsweise und Witterung können sie durch Abschwemmung in Oberflächengewässer gelangen, ins Grundwasser versickern, an Bodenpartikel binden oder auch über die Luft oder Tiere weiter verfrachtet werden. Auch Verdunstung und Abdrift tragen dazu bei, dass Rückstände weit ausserhalb der behandelten Flächen nachgewiesen werden können. 
Das Ausmass dieser Verluste hängt stark von der Einsatztechnik und den Umweltbedingungen ab. Besonders hoch sind sie bei gebeiztem Saatgut oder bei Ausbringung per Helikopter, bei welchen insgesamt rund 80–98 Prozent der Wirkstoffe in die Umwelt gelangen.
Laut der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT) weisen zahlreiche Schweizer Gewässer regelmässig Mischungen verschiedener Pestizide auf. Besonders betroffen sind kleine Fliessgewässer, in denen gesetzliche Grenzwerte regelmässig überschritten werden. In mittelgrossen Flüssen wurden pro Probe durchschnittlich vierzig Pestizide nachgewiesen. Auch Böden sind betroffen: Rückstände finden sich in beinahe allen Böden in Ackerbaugebieten, aber auch in angrenzenden Naturschutzgebieten und Biodiversitätsförderflächen. Während für Gewässer Grenzwerte bestehen, fehlen solche für Böden bis auf Kupfer weitgehend.

Eine Studie des FiBL von 2021 zeigt, dass bei 9 Prozent der untersuchten Bioprodukte auf dem Schweizer Markt Pestizidrückstände gefunden wurden, gegenüber 60 Prozent der konventionellen Lebensmittel. Der Rückstandsgehalt biologischer Produkte war durchschnittlich 35-mal tiefer als derjenige konventioneller Lebensmittel. Eine weitere Untersuchung zeigte, dass auch in Biolebensmitteln regelmässig Spuren von synthetischen Pestiziden vorkommen, obwohl diese nicht im Biolandbau zugelassen sind. Ein erheblicher Teil dieser Fälle ist laut der Studie auf eine Umweltbelastung des Bodens, der Bewässerung oder auch der Luft zurückzuführen.

Gefahr der Cocktail-Effekte

In der Umwelt treten Pestizide selten einzeln auf. Viel häufiger sind Organismen Mischungen verschiedener Wirkstoffe ausgesetzt. Solche Cocktail-Effekte können Pflanzen, Insekten, Regenwürmer oder Wasserorganismen zum Teil deutlich stärker schädigen als einzelne Pestizide. Gleichzeitig verbleiben manche Wirkstoffe oder ihre Abbauprodukte über Jahrzehnte in Böden und Sedimenten. Pestizide können zudem die Widerstandsfähigkeit von Organismen gegenüber Krankheiten oder anderen Umweltbelastungen vermindern und so ganze Lebensgemeinschaften beeinträchtigen.
Obwohl solche Cocktail-Effekte in der Umwelt zu erwarten sind, werden sie im Zulassungsverfahren bisher nur unzureichend berücksichtigt. 

Pestizide auch im Hausstaub

Das EU-Projekt SPRINT, an dem auch das FiBL beteiligt war, hat in den letzten sechs Jahren umfangreiche Studien zu Risikobewertungen des Pestizidgebrauchs in neun EU-Ländern und in der Schweiz und Argentinien durchgeführt. Unter anderem wurde der Hausstaub von landwirtschaftlichen Betrieben und Konsument*innen auf Pestizide untersucht. Im Hausstaub fanden die Forschenden bei konventionellen Landwirt*innen durchschnittlich 80, bei Biobetrieben 65 Pestizide. Auch in Haushalten von Konsument*innen und Nachbar*innen wurden Pestizidrückstände nachgewiesen, wenn auch weniger . Generell wurden Insektizidrückstände in höheren Konzentrationen im Hausstaub nachgewiesen als Herbizid- oder Fungizidrückstände. Zu den am häufigsten nachgewiesenen Pestiziden gehörte Glyphosat, selbst in Haushalten von Landwirt*innen, die diese Substanz nicht verwendeten. 
Die Ergebnisse von SPRINT zeigten auch potenziell negative Auswirkungen von Pestizidbelastungen auf die menschliche Darmgesundheit und auf besonders vulnerable Individuen wie Babys und kleine Kinder. In Mäuseversuchen veränderten die Pestizide auch in einer Dosis, die als sicher galt, die Darmflora. Eine gestörte Darmflora kann sich auf die Verdauung, den Hormonhaushalt und weitere Gesundheitsfunktionen auswirken. 

Bestehende Risikoabschätzung reicht nicht aus

Sowohl die SCNAT als auch die Forschenden des Projekts SPRINT kommen zum Schluss, dass die heutige Risikobewertung die tatsächliche Belastung von Umwelt und Mensch durch Pestizide nur teilweise abbildet. Sie empfehlen, bei Zulassungsverfahren neben einzelnen Wirkstoffe auch die Mischungstoxizität, Wechselwirkungen mit anderen Stressfaktoren, Langzeitwirkungen und besonders empfindliche Organismengruppen stärker zu berücksichtigt. Zudem sei ein umfassenderes Monitoring von Böden, Gewässern und Luft nötig.

Gleichzeitig sehen beide Expertengremien die wirksamste Lösung in der Reduktion des Pestizideinsatzes, etwa durch vielfältige Fruchtfolgen, robuste Sorten, die Förderung von Nützlingen, Biodiversitätsstrukturen sowie agrarökologische Anbaumethoden wie den Biolandbau. Solange Pestizide jedoch grossflächig in der Landschaft zirkulieren und über Jahre in Böden verbleiben, können auch Bioflächen von Einträgen aus der Umwelt betroffen sein. Ein wirksamer Schutz vor den Folgen von Pestiziden erfordert deshalb Veränderungen auf gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Ebene, in der Landwirtschaft und darüber hinaus.

Michelle Knecht, FiBL

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