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Hilfe annehmen

Gespräch mit einem Seelsorger

Seit vier Jahren betreut Samuel Wahli Waadtländer Landwirt:innen mit persönlichen oder beruflichen Schwierigkeiten. Der Seelsorger für den Land- und Weinbausektor berichtet über seinen Beruf des Zuhörens, bei dem das Vorbeugen von Notlagen Leben retten kann.

Aufgrund seiner Familiengeschichte hat der 62-jährige Samuel Wahli stets eine enge Verbindung zur Landwirtschaft gepflegt. Zunächst arbeitete er als Spengler, dann als psychiatrischer Pfleger und anschliessend als Offizier der Heilsarmee. Seit vier Jahren ist er gemeinsam mit seiner Kollegin Maria Vonnez als Seelsorger für den Waadtländer Land- und Weinbausektor tätig.

Sie sind Seelsorger für den Land- und Weinbausektor. Was umfasst Ihre Tätigkeit und warum hat der Kanton Waadt dieses Angebot eingeführt?

Im Jahr 2016 haben sich acht Waadtländer Landwirte das Leben genommen. Ein ehemaliger Landwirt und heutiger Pastor machte die kantonalen Behörden auf diese besorgniserregende Situation aufmerksam. Vor diesem Hintergrund entstand das Suizidpräventionsprojekt «Sentinelle Vaud – Promotion de la Vie». Die Generaldirektion für Landwirtschaft, Weinbau und Veterinärwesen (DGAV) beauftragte daraufhin die katholische und protestantische Kirche, Seelsorger einzustellen.

Heute wird der Dienst kostenlos allen Waadtländer Landwirten sowie deren Angehörigen angeboten, und hat sich als sehr nützlich erwiesen. In den anderen Westschweizer Kantonen gibt es ähnliche Angebote. Meine Aufgabe besteht darin, Menschen in Not zu kontaktieren, ihnen ein offenes Ohr zu schenken und ihnen beizustehen, um eingreifen zu können, bevor es zu spät ist.

Wie läuft in der Regel die erste Kontaktaufnahme mit einem Landwirt oder einer Landwirtin in einer Notlage ab?

Meistens melden sich Familienmitglieder bei mir, weil sie sich Sorgen um einen Angehörigen machen. Es kommt auch vor, dass Kontrolleure uns melden, dass es einem Landwirt offenbar nicht gut geht. Seltener wenden sich die Betroffenen selbst an uns, zum Beispiel nach einem Selbstmordversuch.

Wenn ich mit jemandem Kontakt aufnehme, präzisiere ich immer, wer mich verständigt hat. Ich sage zum Beispiel: «Ihre Frau, Ihr Nachbar oder Ihr Sohn macht sich Sorgen um Sie. Wären Sie mit einem Treffen einverstanden?» Diese Herangehensweise wird in der Regel positiv aufgenommen.

Wie sieht die weitere Betreuung aus?

Ziel ist es, einzugreifen, bevor die betroffene Person einen konkreten Plan fasst, sich das Leben zu nehmen. Wenn es so weit kommt, ist das ein deutliches Warnsignal.

Die ersten Treffen finden in der Regel auf dem Bauernhof statt, es sei denn, familiäre Konflikte erschweren dies. Anschliessend schätze ich die Bedürfnisse der Person ein. Je nach Situation kann ich sie zu ihrem Hausarzt oder einer anderen medizinischen Fachperson schicken, sie mit einer Selbsthilfegruppe in Kontakt bringen oder ihr dabei helfen, konkrete Lösungen zu finden, indem ich sie an die zuständigen Stellen verweise, insbesondere bei finanziellen Schwierigkeiten.

Mit welchen Schwierigkeiten sind Sie am häufigsten konfrontiert?

Meistens handelt es sich nicht um ein einziges Problem, sondern vielmehr um eine Anhäufung von Schwierigkeiten. Finanzieller und administrativer Druck kommen sehr häufig vor. Auch Wetterkapriolen stellen einen bedeutenden Stressfaktor dar: Sie sind unvorhersehbar, lassen sich nicht kontrollieren und können erhebliche Auswirkungen auf einen Betrieb haben.

Die Flucht in den Alkohol ist in diesem Milieu zweifellos eines der am weitesten verbreiteten Mittel, um mit Schwierigkeiten fertigzuwerden. Anstatt seine Gefühle auszudrücken, zieht man es manchmal vor, zur Flasche zu greifen. Bis einem schliesslich bewusst wird, dass nicht mehr der Mensch die Flasche im Griff hat, sondern die Flasche den Menschen. Das zuzugeben, ist jedoch nach wie vor ein echtes Tabu. Sich einzugestehen, dass man ein Alkoholproblem hat, bedeutet, zu akzeptieren, dass man Hilfe brauchen könnte – ein Schritt, der nicht immer einfach ist. Dabei darf man nicht vergessen, dass Alkoholabhängigkeit eine Erkrankung ist, für die es Betreuung und wirksame Behandlungen gibt. Allerdings wird dieses Eingeständnis manchmal noch als Zeichen von Schwäche angesehen. Man sollte sich jedoch niemals dafür schämen, um Hilfe zu bitten. Im Gegenteil! Dieser Schritt kann für die betroffene Person sowie für ihr Umfeld eine echte Erleichterung darstellen.

Auch Konflikte zwischen den Generationen, insbesondere bei der Hofübernahme, sind nicht selten. In solchen Situationen schlage ich manchmal Gruppentreffen vor, um den Dialog zu fördern.

Ist die psychische Gesundheit in der Landwirtschaft aus Ihrer Sicht nach wie vor ein Tabuthema?

Ja, die Landwirtschaft ist ein anspruchsvolles Umfeld, in dem man leicht dazu neigt, sich in sein Schneckenhaus zurückzuziehen. Ich stelle jedoch fest, dass die jüngeren Generationen eher über ihre psychische Gesundheit sprechen als ältere Menschen.

Früher hatten die Landwirte mehr Kontakt untereinander. Sie trafen sich regelmässig in der Molkerei, im Dorfcafé oder bei anderen geselligen Anlässen. Heute sind die Betriebe grösser, die Produzentinnen und Produzenten leben isolierter und die ländlichen Gebiete sind dünner besiedelt.

Es wird auch eine gewisse Scham empfunden, wenn es darum geht, mit Kollegen über die eigenen Schwierigkeiten zu sprechen. Ein psychisches Leiden ist unsichtbar, im Gegensatz zu einer körperlichen Verletzung. Wenn man auf Krücken geht, sieht jeder, dass man eine schwere Zeit durchmacht. Seelischer Schmerz bleibt hingegen oft unbemerkt. Vielleicht wäre es an der Zeit, wieder mehr Orte des Austauschs zu schaffen, zum Beispiel Bauerncafés oder andere Solidaritätsnetzwerke.

Gibt es bestimmte Zeiten im Jahr, in denen Ihre Dienste vermehrt in Anspruch genommen werden?

Ja, der Herbst und der Winter sind oft schwierigere Zeiten. Sobald die Hauptarbeiten abgeschlossen sind und es ruhiger zugeht, nehmen Sorgen und Grübeleien mehr Platz ein. Letztendlich aber bringt jede Saison ihre eigenen Herausforderungen mit sich, und je nach Jahr kann die Inanspruchnahme variieren.

Wie hoch ist der Anteil an Männern und Frauen unter den von Ihnen betreuten Personen?

Etwa zwei Drittel der Personen, die wir betreuen, sind Männer, ein Drittel sind Frauen. In Wirklichkeit ist jedoch oft die ganze Familie von der Situation betroffen. Deshalb ist es wichtig, auch die Angehörigen, einschliesslich der Kinder, zu betreuen.

Welche Botschaft möchten Sie den Landwirtinnen und Landwirten übermitteln, die gerade eine schwierige Zeit durchmachen?

Ich möchte sie ermuntern, sich nicht einzuigeln, sich ein Herz zu fassen und darüber zu sprechen, bevor es zu spät ist – ganz egal an wen sie sich wenden. Ich weiss, dass das viel Mut erfordert, aber dieser Schritt ist unumgänglich. Sehr oft sind die Reaktionen des Umfelds viel positiver und wohlwollender, als man denkt. Um Hilfe zu bitten, ist niemals ein Zeichen von Schwäche.

Interview: Emma Homère, Bioaktuell Magazin; Übersetzung: Sonja Wopfner

Dieser Online-Artikel ergänzt den Beitrag «Sich selbst im Blick» aus dem Bioaktuell-Magazin 7|26.

Unterstützung erhalten

Psychische Belastungen müssen nicht alleine getragen werden. In mehreren Kantonen der Deutsch- und Westschweiz gibt es vertrauliche Anlaufstellen für Betroffene und ihre Angehörigen.

Bäuerliches Sorgentelefon

MO 8:15–12, DI 13:00–17:00, DO 18:00–22:00
+41 820 02 15 (Festnetztarif)
info(at)baeuerliches-sorgentelefon.ch
baeuerliches-sorgentelefon.ch

Adressen Kantonale Anlaufstellen (1.1 MB) (Bäuerliches Sorgentelefon)

Die Dargebotene Hand

Telefon 143 (Rund um die Uhr (24/7) erreichbar, komplett kostenlos und anonym für alle Krisen)

Weiterführende Informationen

Übersicht «Gesundheit in der Landwirtschaft» (gesamte Rubrik)

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