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Körperschonend Arbeiten

Mit der richtigen Technik lässt sich bereits viel erreichen

Heben, Schaufeln, Melken oder stundenlang Traktor fahren: Körperliche Belastungen gehören in der Landwirtschaft zum Alltag. Doch schon kleine Veränderungen bei Bewegungsabläufen und Körperhaltung können helfen, Beschwerden vorzubeugen. Mike Freudiger ist Physiotherapeut und Ergonom bei der Physio Praxis für Sport und Ergonomie GmbH in Zollikofen BE. Im Interview erklärt er, worauf es bei körperlicher Arbeit ankommt, warum nicht jede vermeintlich rückenschonende Regel noch dem heutigen Wissensstand entspricht und weshalb Erholung ebenso wichtig ist wie Bewegung.

Welche körperlichen Beschwerden treten in der Landwirtschaft häufig auf?

Aus meiner Sicht ist besonders häufig die Lendenwirbelsäule betroffen. Das hängt mit Arbeiten wie Heuen oder dem Heben von Lasten zusammen, bei denen der untere Rücken stark beansprucht wird. Auch Nackenprobleme kommen vor, etwa wenn man lange auf dem Traktor sitzt und sich immer wieder zur Seite drehen muss, um ein Gerät hinter dem Traktor im Blick zu behalten. Hinzu kommen muskuläre Beschwerden durch statische Dauerhaltungen. Wenn Muskeln über längere Zeit stark beansprucht werden und wenig Entlastung bekommen, kann das zu Beschwerden führen.

Wie lassen sich Lasten möglichst körperschonend heben und bewegen?

Es gibt einige ergonomische Grundregeln, mit denen sich bereits viel erreichen lässt. Hebt man beispielsweise etwas vom Boden auf oder arbeitet mit einer Schaufel, sollte man in die Knie gehen. So verteilt sich die muskuläre Belastung stärker auf Beine und Rücken. Der Rundrücken ist dagegen nicht das Hauptproblem, wie lange angenommen wurde. Problematisch wird es, wenn die Beine kaum eingesetzt werden und die Bewegung hauptsächlich über den Rücken erfolgt. Auch Rotationen können die Bandscheiben belasten. Beim Heben oder Bewegen einer Last sollten Füsse und Blick möglichst in Richtung der Last zeigen. Dreht man sich zur Seite, sollte ein Fuss in die entsprechende Richtung mitgedreht werden, sodass sich der ganze Körper mitbewegt.

Auch beim Heben über Brust- oder Kopfhöhe kommt es auf die Technik an. Stehen beide Füsse parallel nebeneinander, ist man weniger stabil und muss mehr über den Rücken ausgleichen. Eine Schrittstellung – ein Fuss vorne, einer hinten – schafft eine grössere Unterstützungsfläche und mehr Stabilität. Das lässt sich gut bei Gewichthebern beobachten: Sie gehen beim Anheben in die Knie und nehmen beim Heben über Brusthöhe eine stabile Schrittstellung ein.

Reicht eine gute Technik aus, um Überlastungen zu vermeiden?

Nein. Auch eine ergonomisch gute Technik schützt nicht vor Überlastung, wenn schwere Lasten immer wieder bewegt werden. Deshalb sind neben der Technik auch Gewicht und Häufigkeit entscheidend. Die Suva nennt für gelegentliches Heben Richtwerte von maximal 25 Kilogramm für Männer und 15 Kilogramm für Frauen. Es macht einen Unterschied, ob man zweimal am Tag etwas Schweres hebt oder dies immer wieder über den ganzen Arbeitstag tut.

Was ist beim langen Sitzen auf dem Traktor wichtig?

Man sollte vor allem die vorhandenen Einstellmöglichkeiten des Sitzes nutzen. Häufig wird ein Sitz einmal so eingestellt, wie er bequem erscheint – oder sogar so belassen, wie der Traktor gekauft wurde – und danach jahrelang nicht mehr verändert. Wer lange auf dem Traktor sitzt, ist dadurch über längere Zeit einer ähnlichen statischen Belastung ausgesetzt.

Besser ist es, die Sitzposition zwischendurch zu variieren. Das kennen wir auch vom Auto: Verändert man beispielsweise gelegentlich die Position der Rückenlehne, wird der Körper anders belastet und einzelne Strukturen werden entlastet. Deshalb lohnt es sich, überhaupt einmal zu schauen, welche Einstellmöglichkeiten ein Traktorsitz bietet und diese bei langen Arbeitstagen auch zu nutzen.

Das grösste Potenzial zur Entlastung sehe ich im eigenen ergonomischen Verhalten. Wer Bewegungsabläufe im Arbeitsalltag günstig gestaltet, kann bereits viel erreichen. 

Welche Rolle spielen lange Arbeitstage, Stress und fehlende Erholung bei körperlichen Beschwerden?

Eine sehr entscheidende. Bei jeder körperlichen Belastung kommt es auf das Verhältnis zwischen Belastung und Entlastung an. Wer seinen Körper den ganzen Tag beansprucht, braucht zwischendurch Pausen. Auch kurze Entlastungen können helfen. Sitzt man beispielsweise am Tisch, kann man weit nach hinten auf den Stuhl rutschen, den Rücken an der Lehne abstützen und so für einen Moment Gewicht abgeben.

Auch Stress spielt bei muskulären Beschwerden eine Rolle. Ist ein Muskel überlastet und dauerhaft angespannt, kann sich seine Durchblutung verschlechtern. Stress kann die Muskelspannung zusätzlich um 10 Prozent erhöhen. Irgendwann wird die individuelle Schwelle erreicht, ab der die Anspannung als Schmerz wahrgenommen wird. Gerade Beschwerden im Nackenbereich können dadurch verstärkt werden. Entspannungstechniken, Meditation oder ein warmes Bad können helfen, die Muskulatur zu entspannen und die Durchblutung anzuregen.

Wann sollte man mit Schmerzen zum Arzt oder zur Physiotherapie?

Schmerzen sind zunächst nicht automatisch etwas Schlimmes. Rückenschmerzen beispielsweise sind sehr häufig. Auf MRT-Bildern finden sich bei vielen Menschen altersbedingte Veränderungen wie Verschleisserscheinungen, ohne dass diese zwingend die Ursache der Beschwerden sein müssen.

Bei gewöhnlichen akuten Rückenschmerzen ist es wichtig, nicht nur zu liegen, sondern möglichst in Bewegung zu bleiben, beispielsweise durch Gehen. Häufig bessern sich die Beschwerden innerhalb von zwei bis drei Wochen. Ist das nicht der Fall, sollte man sie ärztlich oder physiotherapeutisch abklären lassen. Bei akuten neurologischen Symptomen wie Lähmungserscheinungen ist dagegen eine rasche medizinische Abklärung notwendig.

Braucht es neben der körperlichen Arbeit zusätzliches Training?

Entscheidend ist zunächst, wie man den Körper während der täglichen Arbeit belastet. Wer Bewegungen im Arbeitsalltag günstig ausführt, trainiert dabei bereits sehr viel. Wenn jemand bei der Arbeit beispielsweise immer wieder saubere Kniebeugen macht, muss er diese nicht zwingend am Abend zusätzlich im Fitnessstudio trainieren.

Ich würde eher zu einer Sportart raten, die Freude macht und einen Ausgleich schafft. Das kann gleichzeitig helfen, Stress abzubauen. Wer den ganzen Tag körperlich gearbeitet hat, darf am Abend auch einmal entspannen. Noch mehr Belastung ist nicht automatisch besser. Auch bei Büroarbeiten darf man es sich zwischendurch bequem machen und den Rücken an der Lehne abstützen. Die Gamer machen es eigentlich richtig: Sie chillen im Sitz. Davon kann sich die ältere Generation etwas abschauen.

Gibt es dennoch Bereiche, die gezielt trainiert werden sollten?

Wichtig sind Koordination, Gleichgewicht und Stabilität. Bei körperlicher Arbeit wird häufig vor allem die äussere Muskulatur stark beansprucht. Die tiefer liegende stabilisierende Muskulatur lässt sich dagegen gut über Gleichgewichtsübungen ansprechen. Dafür braucht es kein grosses Training. Man kann beispielsweise beim Zähneputzen auf einem Bein stehen oder andere einfache Balanceübungen in den Alltag einbauen.

Ich erlebe häufig, dass Menschen mit Rückenschmerzen denken, ihre Rückenmuskulatur sei zu schwach, und deshalb zusätzlich den Rückenstrecker trainieren. Dabei kann genau diese Muskulatur durch den Arbeitsalltag bereits stark beansprucht sein und vielmehr Erholung benötigen. Dann führt «noch mehr machen» in die falsche Richtung. Belastung und Entlastung müssen zusammenpassen.

Interview: Katrin Erfurt, Bioaktuell Magazin

Dieser Online-Artikel ergänzt den Beitrag «Schmerzfrei arbeiten» aus dem Bioaktuell-Magazin 7|26.

Weiterführende Informationen

Übersicht «Gesundheit in der Landwirtschaft» (gesamte Rubrik)

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