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Gesundheit in der Landwirtschaft - Zahlen und Fakten

Wer die eigenen Grenzen ignoriert, riskiert seine Gesundheit. So lassen sich Warnsignale erkennen und Betroffene unterstützen. 

«Man darf nicht krank werden, keinen Unfall haben und nicht zu lange in die Ferien gehen.» So beschreibt ein Landwirt im Gespräch mit Bioaktuell seinen Alltag. Ein Gefühl, das viele Betriebsleitende kennen dürften. Selbst wenn Ferien möglich sind, bleibt der Kopf oft auf dem Betrieb – wird eine Kuh krank, fällt eine Maschine aus oder passiert etwas Unvorhergesehenes. Wer dauerhaft unter dieser Anspannung lebt, nimmt fehlende Erholung und Erschöpfung mit der Zeit oft als selbstverständlich wahr. Genau darin liegt ein Risiko. Der Sozialwissenschaftler Stefan Paulus von der OST – Ostschweizer Fachhochschule bringt es auf den Punkt: «Was in anderen Berufsfeldern als Warnsignal gilt, ist im bäuerlichen Alltag Normalzustand.» Diese Aussage stammt aus einer Publikation zum Forschungsprojekt «Burnout-Prävention in der Landwirtschaft» vom 2. Juli 2026. Warnsignale einer Überlastung können dadurch lange unbemerkt bleiben.

Nicht nur auf den Betrieben selbst blieb das Thema lange unter dem Radar, auch die Forschung hat sich erst in den vergangenen Jahren intensiver damit beschäftigt. Mehrere Schweizer Studien zeigen inzwischen, dass psychische Belastungen in der Landwirtschaft weit verbreitet sind und das Risiko für Burnout erhöhen.

Landwirt:innen doppelt so häufig burnoutgefährdet

2017 veröffentlichte Agroscope die erste empirische Studie zur Burnout-Häufigkeit in der Schweizer Landwirtschaft. Die Forschenden um Linda Reissig kamen zum Schluss, dass 11,6 Prozent der Befragten burnoutgefährdet sind – fast doppelt so viele wie in der Allgemeinbevölkerung. Die Forschung der OST zeigt zudem, dass rund 65 Prozent der Befragten bereits an ihre persönlichen Grenzen gestossen sind. Die Belastung ist jedoch nicht in allen Betriebszweigen gleich hoch. Auf Milchviehbetrieben wurden höhere Burnout-Werte festgestellt als auf anderen Betriebstypen. Als mögliche Erklärung nennen die Agroscope-Forschenden das Missverhältnis zwischen dem hohen Arbeitsaufwand und dem wirtschaftlichen Ertrag. Ob ein Betrieb biologisch oder konventionell wirtschaftet, hatte hingegen keinen signifikanten Einfluss auf das Burnout-Risiko. Entscheidend seien weniger die Betriebsstrukturen als der Umgang mit Belastungen und persönliche Faktoren, so Linda Reissig. 

Deutlicher sind die Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Laut der Schweizerischen Gesundheitsbefragung von 2022 schätzen Frauen auf Landwirtschaftsbetrieben ihre Gesundheit häufiger als schlecht ein als Männer. Auch Stefan Paulus beobachtet diese Tendenz. Als mögliche Gründe nennt er die Mehrfachbelastung vieler Bäuerinnen sowie Unterschiede in der Selbsteinschätzung: «Männer neigen eher dazu, Belastungen herunterzuspielen, Frauen sprechen offener über ihren Gesundheitszustand.» In der Agroscope-Studie von 2017 zeigte sich eine erhöhte Burnout-Gefährdung bei Personen, die für die Administration zuständig waren – eine Aufgabe, die auf vielen Betrieben häufig von Frauen übernommen wird, so Linda Reissig. 

Belastungen können sich über Jahre verstärken

Die Forschenden von Agroscope verweisen zudem auf den sogenannten Work-Family-Konflikt. Weil Arbeit und Familienleben auf Landwirtschaftsbetrieben eng miteinander verflochten sind, lassen sich beide Bereiche oft nur schwer voneinander trennen. Dies kann die psychische Belastung erhöhen. Zu den am häufigsten genannten Belastungsfaktoren der OST-Befragung gehören Arbeitsüberlastung, rechtliche Vorschriften, gesellschaftlicher Anerkennungsverlust, lange Arbeitszeiten und administrative Aufgaben (Grafik). Auch eingeschränkte Freizeit und finanzielle Sorgen spielten eine wichtige Rolle. Letztere identifizierten die Forschenden – zusammen mit Generationenkonflikten – als typische «Kipppunkt-Auslöser», die über längere Zeit zu einer psychischen Überlastung beitragen können. Mehr als die Hälfte der Befragten gab zudem an, einer zusätzlichen Erwerbstätigkeit nachzugehen. Laut der OST können hohe Investitionen und die daraus resultierende Verschuldung einen Nebenerwerb erforderlich machen. Dadurch verkürzen sich die Erholungszeiten, und die Gesamtbelastung steigt. Über Monate oder Jahre kann sich so eine Dauerbeanspruchung entwickeln.

Die Gesundheit in der Landwirtschaft wird nicht nur psychisch, sondern auch körperlich gefordert. Schwere körperliche Arbeit, wiederkehrende Bewegungen und einseitige Belastungen führen häufig zu Beschwerden an Rücken, Schultern oder Knien und können die psychische Belastung zusätzlich verstärken. Umgekehrt kann anhaltender Stress körperliche Beschwerden begünstigen.

Körperschonend Arbeiten (Rubrik Gesundheit)

Hilfsangebote werden nur selten genutzt 

Körperliche Beschwerden wie auch psychische Erkrankungen lassen sich oft behandeln. Psychische Belastungen werden jedoch häufig nicht ernst genommen. Obwohl Beratungsangebote wie das bäuerliche Sorgentelefon den meisten Befragten bekannt sind, werden sie nur selten genutzt. Warum fällt es vielen Landwirt:innen so schwer, Hilfe anzunehmen? Die Studien nennen verschiedene Gründe. Viele sind überzeugt, Schwierigkeiten selbst bewältigen zu müssen. Scham, das Gefühl des persönlichen Versagens oder die Sorge, den Betrieb nicht mehr führen zu können, erschweren den Schritt, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Hinzu kommt, dass Landwirtschaft für viele weit mehr als ein Beruf ist: Sie ist Lebensaufgabe, Familiengeschichte und Teil der eigenen Identität. Gerät der Betrieb unter Druck, betrifft das oft die ganze Familie. 

Wie Betroffene erreicht werden können und welche Rolle Angehörige dabei spielen, schildert der Waadtländer Seelsorger Samuel Wahli im Interview mit Bioaktuell. Neben dem bäuerlichen Sorgentelefon informiert auch der Schweizerische Bäuerinnen- und Landfrauenverband (SBLV) auf seiner Website über Burnout und psychische Belastungen in

Vertrauenspersonen als Schlüssel zur Prävention

Neben konkreten Hilfsangeboten gewinnt auch die Früherkennung zunehmend an Bedeutung. Ein Folgeprojekt der OST entwickelt gemeinsam mit dem SBLV neue Präventions- und Unterstützungsangebote. Geplant ist ein schweizweites Beratungsnetzwerk, über das Betroffene unkompliziert Kontakt zu Fachpersonen oder zu Landwirt:innen aufnehmen können, die selbst eine psychische Krise erlebt haben. Gleichzeitig sollen Personen, die regelmässig Landwirtschaftsbetriebe besuchen – etwa Betriebsberater:innen, Treuhänder:innen, Tierärzt:innen oder Kontrolleure – stärker in die Früherkennung eingebunden werden, um Warnsignale frühzeitig zu erkennen und Betroffene rasch an passende Unterstützungsangebote zu vermitteln. Im Rahmen des Forschungsprojekts findet derzeit eine anonyme Befragung statt. Landwirt:innen sind eingeladen, daran teilzunehmen und damit die Forschung zu diesem bislang wenig untersuchten Thema zu unterstützen. Die Teilnahme dauert rund 15 Minuten.

Auch Agroscope setzt die Forschung fort. Im Fokus stehen unter anderem die Messung von psychischem Stress als Nachhaltigkeitsindikator sowie die Auswirkungen von Digitalisierung, Klimawandel und steigenden Arbeitsanforderungen auf die psychische Gesundheit.

Wo Belastung in der Landwirtschaft am höchsten ist

Katrin Erfurt, Bioaktuell Magazin

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