Umgang mit Belastungen
Gespräch mit einem Krisenberater
Dietrich Bögli ist Biolandwirt und berät am Inforama zur Krisenbewältigung. Er kennt fünf Schlüssel für eine starke mentale Gesundheit. Warum Selbstwirksamkeit, tragfähige Beziehungen und ein freundlicher Blick auf sich selbst wichtig sind, erklärt er im Interview.
Um sich selbst zu reflektieren, ist ein Spaziergang gut geeignet. Wer sich regelmässig fragt «Wie geht es mir und was beschäftigt mich gerade?», fördert die mentale Gesundheit. Foto: FiBL, Christian Pfister
In einer Partnerschaft ist es wichtig, sich regelmässig Zeit für den Austausch zu nehmen. Eine Liste mit Themenpunkten kann dem Gespräch mehr Tiefe geben. Foto: FiBL, Christian Pfister
Welche Alltagstipps geben Sie Landwirtinnen und Landwirten, die etwas für ihre mentale Gesundheit tun wollen?
Aus meiner Sicht sind fünf Themen für die mentale Gesundheit wichtig. Zunächst die Selbstwirksamkeit: Wer die eigenen Möglichkeiten sieht, ist handlungsfähig, motiviert und nutzt seine Ressourcen. Wenn das fehlt, fühlen wir uns ohnmächtig oder ausgeliefert.
Mein zweiter Tipp ist: Wir sollten tragfähige Beziehungen pflegen. Tragfähig wird eine Beziehung, wenn wir miteinander ehrlich sind. Damit ist nicht das Gegenteil von lügen gemeint. Es geht darum, dass ich offen mitteile, wie es mir geht.
Der dritte wichtige Punkt ist die Selbstreflexion. Es geht darum, sich selbst wahrzunehmen. Was spüre ich im Körper? Wie geht es mir? Ich selbst habe mir angewöhnt, mir am Morgen eine halbe Stunde Zeit zu nehmen. Ich frage mich: Was denke ich? Was ist gerade in mir? Wenn mich etwas stresst, dann schaue ich mir das genauer an. Wenn ich keinen akuten Stress habe, dann schreibe ich auf, wofür ich gerade dankbar bin, um mit einem guten Gefühl in den Tag zu starten.
Sich als Teil von etwas Grossem zu empfinden, finde ich den nächsten wichtigen Punkt. Es bedeutet, einen Sinn zu finden, der Halt gibt. Manche Menschen finden ihn, indem sie an Gott glauben. Grundsätzlich geht es um die Vorstellung «Das Universum meint es gut mit mir. Es ist nicht alles gegen mich, was gerade passiert.»
Freundlich zu sich selbst sein, ist mein fünfter Alltagstipp. Eine gesunde Ernährung und ausreichend Bewegung gehören für mich dazu. Auch zu bemerken, wie wertvoll man selbst ist. Dazu gibt es eine einfache Übung: Schreiben Sie auf, wofür Sie sich selbst schätzen. Für welche Charaktereigenschaften sind Sie dankbar? Was haben Sie heute schon Gutes getan? Diese Übung lässt sich beliebig erweitern – etwa durch die Frage «Was ist Ihnen vergangene Woche gelungen?».
Sich der eigenen Selbstwirksamkeit (wieder) bewusstwerden – wie gelingt das?
Wo endet mein Einflussbereich und was ist eigentlich meine Angelegenheit? Das ist die zentrale Frage. Ich muss mich um das kümmern, was ich auch beeinflussen kann. Es beginnt schon dort, wo wir versuchen, andere Menschen zu verändern. Das ist irrsinnig. Um sich dieser Grenze bewusst zu werden, gibt es eine einfache Übung. Man nehme ein Blatt Papier und zeichne darauf einen Kreis. Die Dinge, die ich ändern kann, schreibe ich ins Innere des Kreises. Aussen notiere ich alles, was ich nicht ändern kann – zum Beispiel das Wetter oder die Politik. Ziel der Übung ist, dass ich mich auf das Kreisinnere fokussiere. Ich kann verändern, was ich sage oder tue. Am besten hänge ich dieses Blatt zu Hause auf, sodass ich mehrmals am Tag daran vorbeilaufe.
Was bedeuten Stärke und Schwäche für Sie? Und wie können wir Stress und Krisen bewältigen und gestärkt daraus hervorgehen?
Für den Betriebsalltag ist es wichtig, seine Stärken und Schwächen zu kennen. Man sollte sie aber nicht überbewerten. Denn jeder Mensch ist nicht nur ein Bündel von Eigenschaften. Das Mensch-Sein als solches macht ihn liebenswert. Dazu muss man nicht irgendetwas können.
Wenn etwas im Aussen nicht stimmt, dann ist das nur der Auslöser für unseren Stress. Der eigentliche Stress entsteht aber in uns selbst. Wir Menschen sind gut darin, diesen Zustand durch unsere Gedanken zu verstärken. Wir fokussieren uns auf das Negative und sind selbstkritisch. Das zu erkennen, entlastet uns. Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch hat gesagt: «Eine Krise kann ein produktiver Zustand sein. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.»
Wie gelingt es, einer Krise den Beigeschmack der Katastrophe zu nehmen?
Wichtig ist, den Stress von aussen zu betrachten und die eigenen Gedanken aufzuweichen. Dazu ist es hilfreich, wenn ich mir meiner negativen Gedanken oder Glaubenssätze bewusstwerde. Typische Glaubenssätze sind: «Ich muss perfekt sein. Ich muss stark sein. Ich muss schnell sein. Ich muss mich anstrengen. Ich muss beliebt sein. Ich muss geliebt werden.» Oder: «Ich bin nicht gut genug.» Eine Möglichkeit, mit Glaubenssätzen zu arbeiten, ist die Methode «The Work» von der Achtsamkeitslehrerin Byron Katie. Sie braucht etwa 20 Minuten Zeit und basiert auf vier Fragen, die man sich in Begleitung oder auch selbst stellen kann. Die erste Frage ist: «Ist das wahr?» Wenn ich eine Antwort gefunden habe, kommt Frage 2: «Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?» Dann folgt Frage 3: «Wie reagierst du, was passiert, wenn du diesen Gedanken glaubst?» Nun ist es wichtig, die eigenen Gefühle wahrzunehmen. Vielleicht bin ich deprimiert, frustriert, traurig und mein Bauch zieht sich zusammen. Frage 4 ist: «Wer wärst du ohne den Gedanken?» Eine Antwort könnte sein: «Ohne diesen Gedanken wäre ich entspannt, auch wenn es nicht optimal läuft. Ich wüsste, dass ich kein Versager bin.» Nach den vier Fragen folgt die sogenannte Umkehrung. Damit ist das Gegenteil von dem gemeint, was du am Anfang der Übung für wahr gehalten hast. Aus «Ich bin nicht gut genug», kann werden: «Ich bin gut genug» oder «Ich kann es gerade nicht besser, aber das ist okay» oder «Niemand sagt, dass ich nicht gut genug bin». Wichtig ist, «The Work» ist ein meditativer Prozess ist, keine intellektuelle Übung. Die Fragen stellt der Kopf, die Antworten kommen «aus dem Bauch». Es gibt kein richtig oder falsch. Es geht darum, etwas über sich selbst zu entdecken.
Kommen wir auf die tragfähigen Partnerschaften zurück. Was raten Sie zur Beziehungspflege?
In einer Partnerschaft sollte man sich regelmässig Zeit für den Austausch nehmen. Das heisst: Genügend Zeit einplanen. Störungen vermeiden. Das Handy in den Flugmodus schalten und ausser Sichtweite deponieren. Eine Art Traktandenliste kann helfen, dass das Gespräch Tiefe bekommt. Traktanden können sein: Wie geht es mir wirklich? Was für stressige Gedanken habe ich? Was denke ich aktuell zu unserer Beziehung? Was schätze ich am Partner oder an der Partnerin? Ich empfehle, dass jeder zu Beginn fünf bis zehn Minuten sprechen kann, ohne unterbrochen zu werden. Wer zuhört, kann beobachten: Was löst das Gesagte in mir aus? Welche Gedanken und Gefühle tauchen auf? Wichtig ist, nur über die eigenen Bedürfnisse, Wünsche oder Gedanken zu sprechen, statt Vorwürfe zu machen oder den anderen verändern zu wollen.
Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn es einem nicht gut geht, kostet Überwindung. Wie wird der erste Schritt leichter?
Wer sich Hilfe sucht, weil es ihm nicht gut geht, ist mutig. Ich rate, sich zuerst an vertraute Personen zu wenden. Diese können unterstützen, den nächsten Schritt zu machen. Das kann eine Beratung, ein Besuch bei einem Arzt oder einer Ärztin oder ein Telefonat sein. Im Kanton Bern gibt es beispielsweise die Anlaufstelle Überlastung Landwirtschaft. Schweizweit bietet das bäuerliche Sorgentelefon Unterstützung. Frühzeitig Hilfe zu suchen, lohnt sich. Denn viel einfacher als eine psychische Erkrankung zu behandeln, ist präventiv etwas für seine mentale Gesundheit zu tun.
Interview: Anna Schmitz, Bioaktuell Magazin
Dieser Online-Artikel ergänzt den Beitrag «Sich selbst im Blick» aus dem Bioaktuell-Magazin 7|26.
Dietrich Bögli leitet das Ressort Beratung Rütti-Seeland am Bildungs-, Beratungs- und Tagungszentrum Inforama. In seinem Coaching geht es um Beziehungen, Konflikte, Krisenbewältigung, persönliche und betriebliche Entwicklung.
Bögli plant einen überkantonalen Arbeitskreis zum Thema «Gelassenheit im Bauernalltag». Interessierte können sich persönlich bei ihm melden unter dietrich.boegli(at)be.ch oder per Telefon unter +41 31 635 82 33.
Weiterführende Informationen
Überlastung und Burnout-Prävention - Landfrauen SBLV (Website Landfrauen)
Baeuerliches Sorgentelefon (Website Bäuerliches Sorgentelefon)
Anlaufstelle Überlastung Landwirtschaft (Website Anlaufstelle Überlastung Bern)
Kampagne Wie geht's dir? (Website)
Übersicht «Gesundheit in der Landwirtschaft» (gesamte Rubrik)
Wenn Sie sich in einer akuten Krise befinden, wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Psychotherapeuten, die nächste psychiatrische Klinik oder den Notruf unter 144. Sie erreichen die Telefonseelsorge rund um die Uhr und kostenfrei unter 143.
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 26.08.2026
