Leben nach dem Burnout – ein Erfahrungsbericht
Arbeit auf dem Hof, ein Vollzeitjob und ein jahrelanger innerer Konflikt brachten Bettina* an ihre Grenzen. Nach mehreren Zusammenbrüchen und einer lebensbedrohlichen Krise begann sie, ihr Leben neu zu ordnen. Heute weiss sie, wie wichtig es ist, Warnsignale ernst zu nehmen und rechtzeitig Hilfe zu holen.
«Hilfe ist keine Schwäche.» Diesen Satz will eine ehemalige Landwirtin heute anderen Menschen mitgeben, die an ihre Belastungsgrenzen kommen. Nennen wir sie Bettina. Sie möchte anonym bleiben. Nach Jahren, die von Veränderungen und Krisen geprägt waren, hat sie heute Ruhe in ihrem Leben gefunden und will mit ihrer Vergangenheit nicht erneut in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. Erzählen will sie ihre Geschichte dennoch – um andere Menschen in der Landwirtschaft für psychische Belastungen zu sensibilisieren und Betroffenen Mut zu machen.
Arbeiten bis an die Grenzen
Bettina führte gemeinsam mit ihrer Frau einen Hof. Weil Investitionen nötig waren und sich die Familie dafür verschuldet hatte, reichte das Einkommen aus der Landwirtschaft nicht aus. Neben der Arbeit auf dem Hof war Bettina deshalb zu 100 Prozent auswärts beschäftigt.
Der enorme Arbeitseinsatz war nur ein Teil der Belastung. Bettina lebte damals noch als Mann – in einer Rolle, die nicht ihrer Geschlechtsidentität entsprach. Über Jahre versuchte sie, dieser Rolle gerecht zu werden und gleichzeitig Familie, Betrieb und Beruf unter einen Hut zu bringen. Während der Druck von aussen wuchs, wurde auch der innere Konflikt immer grösser. Die verschiedenen Belastungen summierten sich. Irgendwann waren ihre Kräfte aufgebraucht. Bettina brach zusammen. Die Diagnose: Burnout.
Den inneren Konflikt lösen
Sie wurde für drei Monate krankgeschrieben, arbeitete auf dem Hof jedoch weiter. Eine wirkliche Auszeit, in der sie sich hätte erholen können, hatte sie damit nie. Gleichzeitig konnte Bettina nicht länger verdrängen, was sie innerlich seit Jahren beschäftigte. Sie sprach mit ihrer Frau über ihre Geschlechtsidentität. Später brach sie aufgrund der anhaltenden Mehrfachbelastung erneut zusammen. Dieses Mal wusste Bettina, dass sie ihr Leben grundlegend verändern musste. «Ich kann nicht mehr. Ich möchte als Frau leben, sonst schaffe ich es nicht mehr», sagte Bettina damals zu ihrer Frau. Diese stand nach dem Outing weiterhin zu ihr und unterstützte sie.
Mit psychologischer Begleitung begann Bettina ihre Transition und damit den Prozess, künftig als Frau zu leben. Für sie selbst brachte dieser Schritt Entlastung: Sie musste sich nicht länger verstellen. Gleichzeitig erlebte sie mit zunehmender Sichtbarkeit ihrer Veränderung Ablehnung in Teilen ihres Umfelds.
Abschied vom eigenen Hof
In dieser ohnehin belastenden Zeit wuchs auch die Unsicherheit über die Zukunft von Familie und Betrieb. Um beides abzusichern, liessen sich Bettina und ihre Frau beraten und entschieden schliesslich, den Hof auf Bettinas Frau zu übertragen. Für Bettina begann damit ein Prozess des Loslassens. Gleichzeitig gab ihr die Entscheidung Sicherheit: Der Betrieb konnte weitergeführt werden und ihren Kindern blieb die Möglichkeit, ihn später einmal zu übernehmen.
Das bisherige Zusammenleben als Paar funktionierte jedoch nicht mehr. Bettina und ihre Frau lebten fortan getrennt. Die Hofarbeit gab sie auf, ihrer ausserbetrieblichen Tätigkeit ging sie weiterhin nach und unterstützte damit die Familie finanziell.
Als die Kraft nicht mehr reichte
Am Arbeitsplatz erlebte Bettina jedoch Diskriminierung und Konflikte. Schliesslich verlor sie ihre Stelle. Die Kündigung traf sie schwer und schwächte ihr ohnehin schon angeschlagenes Selbstbewusstsein. Gleichzeitig wuchs der finanzielle Druck. Sie fand einen neuen Job in Teilzeit, doch anders als früher fehlte ihr dort die vertraute Routine. Die neuen Aufgaben kosteten sie mehr Kraft, als ihr noch zur Verfügung stand. Schlaflose Nächte folgten. Psychisch war sie am Limit.
Schliesslich dachte Bettina daran, sich das Leben zu nehmen. «Den Strick hatte ich schon in der Hand», erzählt sie. Dann habe sie ihre Kinder vor Augen gehabt und den Notruf gewählt. Sie kam in psychiatrische Behandlung und verbrachte mehrere Monate in einer Klinik. Diagnostiziert wurde unter anderem eine Depression. Hinzu kam eine ausgeprägte Erschöpfung. Während der Therapie erkannte Bettina, dass sie für eine gesunde Zukunft Abstand von ihrem bisherigen Umfeld brauchte und ein neues Leben beginnen musste. Schliesslich zog Bettina vom Hof weg.
Ein neues Leben
Heute wird Bettina weiterhin psychologisch und psychiatrisch begleitet. Beruflich arbeitet sie in einem kleinen Pensum in einem unterstützten Umfeld. Burnout, Depression und Erschöpfung wirken bei Bettina bis heute nach. Ihre Belastbarkeit und Stresstoleranz sei nicht mehr dieselbe wie früher. Besonders Veränderungen und Unsicherheiten könnten sie aus dem Gleichgewicht bringen. Manchmal genüge im Alltag eine Kleinigkeit. Menschenansammlungen, die ihr früher nichts ausgemacht hätten, lösen heute mitunter Panik bei ihr aus. «Beim Einkaufen musste ich schon den Einkaufswagen stehen lassen und rauseilen.» Auch administrative Aufgaben überfordern sie schnell. Froh ist sie deshalb über die Unterstützung der psychiatrischen Spitex, die ihr bei solchen Aufgaben hilft.
Bettina hat inzwischen gelernt, bewusst Raum für Dinge zu schaffen, die ihr guttun und ihr einen Ausgleich geben. Sie schnitzt und verbringt viel Zeit in der Natur. «Wenn alles andere nicht mehr funktioniert, ziehe ich die Wanderschuhe an und gehe in den Wald.» Eine neue Gemeinschaft hat Bettina beim Frauenfussball gefunden. Sie besucht regelmässig Matches und hat dort andere Fussballbegeisterte kennengelernt, von denen sie so akzeptiert wird, wie sie ist. All das habe ihr gezeigt, dass sie auch ausserhalb des früheren Lebens auf dem Hof ihren Platz finden könne.
Sich selbst nicht vergessen
Heute hat der Hof für Bettina einen anderen Stellenwert. Früher habe sie geglaubt, das Leben ergebe ohne ihn keinen Sinn. Bei einem Betrieb, der über Generationen in Familienbesitz ist, könne das Gefühl entstehen, ihn um jeden Preis erhalten zu müssen. «Man ist mit dem Betrieb mit Leib und Seele verbunden.» Diese Verbundenheit ist für Bettina bis heute etwas Besonderes. Gleichzeitig hat sie gelernt, dass das eigene Wohlergehen dabei nicht aus dem Blick geraten darf. «Ich habe gemerkt, es gibt so viel mehr neben dem Betrieb im Leben.»
Aus ihren Erfahrungen möchte Bettina anderen Menschen in der Landwirtschaft vor allem eines mitgeben: Frühwarnzeichen wahrzunehmen, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen und sich rechtzeitig Unterstützung zu holen, bevor die Belastung zu gross wird. Wie sehr Burnout und Erschöpfung nachwirken können, erlebt sie selbst bis heute. «Ich habe das Gefühl, dass ein Schaden davon bleibt, den man nicht mehr rückgängig machen kann. Man ist danach nicht mehr derselbe Mensch.» Deshalb ihr Rat: «Lieber zu früh als zu spät reagieren. Hilfe ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke.»
*Name der Redaktion bekannt
Katrin Erfurt, Bioaktuell Magazin
Dieser Online-Artikel ergänzt den Beitrag «Sich selbst im Blick» aus dem Bioaktuell-Magazin 7|26.
Unterstützung erhalten
Psychische Belastungen müssen nicht alleine getragen werden. In mehreren Kantonen der Deutsch- und Westschweiz gibt es vertrauliche Anlaufstellen für Betroffene und ihre Angehörigen. In akuten Krisen sollten sich Betroffene direkt an eine Ärztin oder einen Arzt, eine psychiatrische Klinik oder den Notruf 144 wenden.
Bäuerliches Sorgentelefon
MO 8:15–12, DI 13:00–17:00, DO 18:00–22:00
+41 820 02 15 (Festnetztarif)
info(at)baeuerliches-sorgentelefon.ch
baeuerliches-sorgentelefon.ch
Adressen Kantonale Anlaufstellen (1.1 MB) (Bäuerliches Sorgentelefon)
Die Dargebotene Hand
Telefon 143 (Rund um die Uhr (24/7) erreichbar, komplett kostenlos und anonym für alle Krisen)
Weitere Artikel zur Gesundheit in der Landwirtschaft
Dieser und die folgenden Artikel erscheinen im Rahmen des Themenschwerpunkts «Gesundheit» des Bioaktuell-Magazins 7|26.
Übersicht «Gesundheit in der Landwirtschaft» (gesamte Rubrik Gesundheit)
Gesundheit in der Landwirtschaft – Zahlen und Fakten
Warnsignalen frühzeit erkennen
Betriebshilfe
Körperschonend Arbeiten
Interview mit einem Krisenberater
Interview mit einem Seelsorger
FiBL-Podcast: «Burnout», Landwirt Christoph Rothhaupt im Gespräch
Bioaktuell Magazin
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 27.08.2026
