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Warnsignale frühzeitig erkennen

Innere Leere, Erschöpfung und Schuldgefühle können Warnsignale für Depression oder Burnout sein. Wer sie früh erkennt, kann rechtzeitig gegensteuern. 

Schlecht geschlafen, gereizt, erschöpft oder keine Freude mehr an der Arbeit? Solche Gefühle kennen viele Menschen – gerade in arbeitsintensiven Phasen. Doch wann ist es «nur» Stress und wann steckt mehr dahinter? Die Grenzen zwischen Stress, Burnout und Depression sind nicht immer klar. Wer Warnsignale früh erkennt, kann rechtzeitig gegensteuern und sich Hilfe holen. 

Laut Weltgesundheitsorganisation ist Stress zunächst eine gewöhnliche Reaktion auf Belastungen. Wer unter Druck steht, fühlt sich angespannt, überfordert oder erschöpft – aber nur zeitweise. Trotz Belastung sind gestresste Menschen dennoch grundsätzlich freudig und motiviert. Wer sich ausruht, fühlt sich danach wieder erholt und einsatzbereit. Anders ist es hingegen bei einem Burnout oder einer Depression: Die Symptome halten über mindestens zwei Wochen hinweg an, beeinträchtigen den Alltag und bessern sich nicht nach einem freien Wochenende oder den Ferien. 

Ein Burnout («burn out» – englisch für «ausbrennen») gilt nicht als eigenständige medizinische Erkrankung, sondern als Folge von chronischem Stress am Arbeitsplatz. Betroffene fühlen sich erschöpft, distanzieren sich innerlich von ihrer Arbeit, werden zynisch und weniger leistungsfähig. Ein Burnout kann in eine Depression übergehen, häufig überlappen sich die Symptome (Grafik). 

Eine Depression ist eine psychische Erkrankung, die leicht, mittel- oder schwergradig ausgeprägt sein kann. Betroffene fühlen sich traurig, leicht reizbar und leer. Sie verlieren Freude an ihren Interessen, sind antriebslos, energielos und können sich schlechter konzentrieren. Häufig werden sie von Gefühlen der Wertlosigkeit, Schuld und Hoffnungslosigkeit geplagt. Manche entwickeln gar psychotische Symptome wie Realitätsverlust oder Wahnideen. Hinzukommen können körperliche Beschwerden. Ein ernstzunehmendes Warnsignal ist, wenn sich der Appetit und der Schlaf verändern. Die Gedanken kreisen, und die Zukunft fühlt sich aussichtslos an. Spätestens wenn Überlegungen an Tod und Suizid auftreten, ist Hilfe nötig. 

Gut behandelbar

«Einmal psychisch krank, immer psychisch krank - das ist falsch», weiss Katja Cattapan, ärztliche Direktorin am Sanatorium Kilchberg im Kanton Zürich. Eine Depression oder ein Burnout seien gut behandelbar. Um sich erstmalig mitzuteilen, empfiehlt die Ärztin ein Gespräch mit dem Hausarzt, der Hausärztin oder psychiatrischen Anlaufstellen. Eine Diagnose bedeute nicht immer, den eigenen Alltag von 100 auf 0 herunterfahren zu müssen. Je früher sich Betroffene Hilfe suchten, desto schneller liessen sich Hilfsangebote integrieren und eine Besserung erzielen.

Wie wichtig der Schritt sein kann, sich Hilfe zu holen, zeigt der für einen FiBL-Podcast interviewte bayerische Landwirt Christoph Rothhaupt. Als er keinen Sinn mehr in seinem Leben sah, wandte er sich an eine landwirtschaftliche Familienberatung. «Was ich dort fand: die Erlaubnis, überhaupt darüber nachzudenken, den Betrieb umzustrukturieren», berichtet er. Auch Medikamente halfen ihm. Sie stoppten das Gedankenkreisen und liessen ihn wieder besser schlafen. Mithilfe einer Psychotherapie lernte der heute 43-Jährige, emotionalen Schmerz zuzulassen. Jahrelang habe er belastende Gedanken und Gefühle sinnbildlich in einem Rucksack verstaut. Um sich abzulenken, stürzte er sich in die Arbeit. «Heute weiss ich: Ich muss fühlen, damit es wieder gut werden kann.» 

Mental gesünder – so geht es

Was präventiv gut tut, weiss Dietrich Bögli. Der Biolandwirt berät am Inforama Rütti-Seeland zu Beziehungen, Konflikten, Krisenbewältigung, persönlicher sowie betrieblicher Entwicklung. Er empfiehlt, jeden Morgen bewusst wahrzunehmen: Wie geht es mir? Was spüre ich in meinem Körper und welche Gedanken beschäftigen mich? Eine positive Sichtweise und das eigene Selbstwertgefühl zu stärken, sei wichtig. Dietrich Bögli nennt es «freundlich zu sich selbst sein». Er empfiehlt eine einfache Übung: «Schreiben Sie auf, wofür Sie sich selbst schätzen. Für welche Charaktereigenschaften sind Sie dankbar? Was haben Sie heute schon Gutes getan oder was ist Ihnen vergangene Woche gelungen?»

Dietrich Bögli appelliert, die Aufmerksamkeit auf das zu richten, was sich tatsächlich beeinflussen lässt. Andere Menschen verändern zu wollen, gehöre nicht dazu. «Aber ich kann verändern, was ich sage oder tue.» Um sich dieser Grenze bewusst zu werden, nehme man ein Blatt Papier und zeichne darauf einen Kreis. Was sich nicht ändern lasse, schreibe man nach aussen. Im Kreis notiere man alles, wo man selbst entscheiden oder handeln könne.

Auch die Kampagne «Wie geht's dir?», die seit 2018 im Auftrag der Gesundheitsförderung Schweiz durchgeführt wird, setzt auf kleine, alltagstaugliche Schritte. Dazu gehören etwa ein kurzer Spaziergang, eine nette Nachricht an eine Freundin oder einen Freund oder ein bewusster Verzicht auf elektronische Medien am Abend. 

Dass Letzteres sinnvoll sein kann, zeigen auch Studien: Bereits die blosse Anwesenheit des eigenen Smartphones kann die Aufmerksamkeit und Konzentration beeinträchtigen, auch wenn es nur neben einem liegt. Digitale Medien können zudem den Schlaf stören und zu innerer Ermüdung beitragen. 

Wo Betroffene Hilfe finden

Wer sich in einer akuten Krise oder Notsituation befindet, sollte umgehend den Notruf alarmieren. Auch die Dargebotene Hand – eine Telefonseelsorge – ist rund um die Uhr erreichbar. Das Bäuerliche Sorgentelefon hat feste Sprechzeiten. 

Auf der Internetseite des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes finden sich neben Hilfsangeboten auch Fachpersonen und Erfahrungsberichte. Die Kampagne «Wie geht's dir?» bietet einen Selbst-Check zur psychischen Gesundheit an. Dieser ersetzt keine medizinische Diagnose, kann aber als Orientierung dienen. Auf der Website gibt es neben Gesprächstipps auch schweizweite Unterstützungsangebote für Betroffene und Angehörige. 

Kampagne «Wie geht's dir?» (Website)
Baeuerliches Sorgentelefon (Website Bäuerliches Sorgentelefon)

Was Angehörige tun können

Wer bemerkt, dass es einer nahestehenden Person nicht gut geht, fühlt sich oftmals selbst hilflos. Doch Angehörige müssen das Problem der betroffenen Person nicht lösen, heisst es auf der Website der Kampagne. Es käme auch niemandem in den Sinn, einen entzündeten Blinddarm selbst zu operieren. Entscheidend sei, das Gespräch zu suchen und der betroffenen Person zu zeigen: Du bist nicht allein. Dazu müsse genügend Zeit eingeplant werden. Wenn man gleich wieder losmuss, ist das der falsche Moment für ein Gespräch. Ungestört zu sein, sei wichtig – etwa bei einem Spaziergang. Vielen Menschen falle es im Gehen leichter, über schwierige Dinge zu sprechen. Wenn die Person das Gespräch ausschlage, sollte das nicht persönlich genommen werden. Oft helfe es, das Angebot später zu wiederholen. 

Kommt es zu einem Gespräch, seien echtes Interesse und Mitgefühl wichtig. Angehörige sollten Fragen stellen, statt vorschnell Lösungen anzubieten. Schuldzuweisungen, Tipps und Diagnosen helfen nicht. Besser als «Das geht vorbei» sei «Ich weiss da auch nicht weiter. Hast du dir schon einmal überlegt, mit einer Fachperson zu sprechen?». 

Wer im Umgang mit Betroffenen unsicher ist, kann sich selbst Unterstützung holen. Die Dargebotene Hand (Telefon 143) etwa berät nicht nur Menschen in Krisen, sondern auch Angehörige. 

Rucksack leeren

Landwirt Christoph Rothhaupt hat gelernt, mit seiner Erkrankung zu leben. Das war nicht immer leicht. Besonders bewegt hat ihn eine Situation: Mit seinem damals achtjährigen Sohn war er im Wald unterwegs. Er animierte ihn zum Spielen, doch dieser wollte ihm nicht von der Seite weichen. «Ich muss auf den Papa aufpassen», sagte er, obwohl es dem Landwirt zu jener Zeit schon besser ging.

«Heute akzeptiere ich die Depression als Teil meines Lebens.» Was er anderen rät: «Häufiger mal den Gefühlsrucksack leeren und darüber sprechen, was einen beschäftigt.»

Anna Schmitz, Bioaktuell Magazin

Dieser Artikel erscheint im Rahmen des Themenschwerpunkts «Gesundheit» des Bioaktuell-Magazins 7|26.

Zwölf Phasen eines Burnouts

  1. Zwang, sich zu beweisen Der Wunsch, leistungsfähig und unentbehrlich zu sein, wird immer stärker.
  2. Verstärkter Einsatz Es wird mehr gearbeitet, Pausen werden ausgelassen und Grenzen ignoriert.
  3. Vernachlässigung eigener Bedürfnisse Erholung, Schlaf, Hobbys und soziale Kontakte verlieren an Bedeutung.
  4. Verdrängung von Konflikten und Problemen Erste Warnsignale werden übersehen oder heruntergespielt.
  5. Umdeutung von Werten Arbeit dominiert das Leben, persönliche Bedürfnisse treten in den Hintergrund.
  6. Verleugnung der Probleme Fehler, Spannungen und Überforderung werden nicht als Belastung anerkannt.
  7. Rückzug Soziale Kontakte werden reduziert, Isolation und Einsamkeit nehmen zu.
  8. Verhaltensänderungen Betroffene wirken gereizt, erschöpft oder emotional abgestumpft.
  9. Depersonalisation Betroffene erleben sich selbst als fremd oder unwirklich.
  10. Innere Leere Gefühle von Sinnlosigkeit und Hoffnungslosigkeit nehmen zu.
  11. Depression Antriebslosigkeit, Verzweiflung und psychische Beschwerden prägen den Alltag.
  12. Vollständige Erschöpfung Körperliche, emotionale und mentale Reserven sind weitgehend aufgebraucht.

Die mentale Gesundheit im Alltag stärken

Katja Cattapan arbeitet als ärztliche Direktorin am Sanatorium Kilchberg im Kanton Zürich. Die Expertin für Depression und Burnout weiss, welche Schutzfaktoren im Umgang mit Krisen helfen und wie sie sich in den Alltag integrieren lassen.

SchutzfaktorPraktische Umsetzung
Freundschaft mit sich selbstDie eigenen Stärken und Schwächen akzeptieren, wohlwollend mit sich selbst sein
Positives im AlltagZeit in der Natur verbringen, Hobbys pflegen, bewusst essen, Musik hören
Soziale BeziehungenFür den Partner, die Partnerin, Familie, Freundinnen und Nachbarn regelmässig Zeit einplanen
PausenDreimal drei Minuten täglich Entspannungs- oder Atemübungen einbauen, Apps helfen
Gesunder LebensstilAuf eine ausgewogene Ernährung, Bewegung, Ruhephasen und ausreichend Schlaf achten
UnterstützungDauert die Belastung an, Unterstützung im persönlichen Umfeld oder bei Fachleuten suchen
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